text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Sterne erben, Sterne färben Meine Ankunft in Wörtern von Bodrozic, Marica (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.09.2016
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Sterne erben, Sterne färben

Das Deutsche, ein "Gewirk aus Bewegungen, Tönen, Gerüchen, Kopf- und Körperhaltungen, aus Augenblicken, Augenfarben, Mundregionen und Wangenleuchten": so sinnlich hat es sich dem neunjährigen Kind nach dem Umzug aus Jugoslawien dargestellt und gleich, trotz vieler Widerstände, wie ein "wärmendes Kleidungsstück" um sie gelegt. Lag es am Widerstand oder an der Wärme, dass Marica Bodro?ic Schriftstellerin geworden ist? In Sterne erben, Sterne färben beschreibt sie ihren Weg von den Lücken zu den Wörtern, vom stockenden Atem zum Leben selbst. Marica Bodro?i? kam 1973 in Dalmatien zur Welt. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Förderpreis für Literatur der Akademie der Künste in Berlin, den Kulturpreis Deutsche Sprache, den Literaturpreis der Europäischen Union und zuletzt für den Band 'Mein weißer Frieden' den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2015. Marica Bodro?i? lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 12.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641178932
    Verlag: btb
    Größe: 552 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Sterne erben, Sterne färben

1

D as Erzählen aus der Geschichte des menschlichen Herzens ist eine Befreiung aus der Umzäunung der Biographie. Die deutsche Sprache baut in mir an einem Gerüst, an einem Lobgesang; an der Erinnerung der Seele. Der Bildteppich bekommt in meinem Inneren ganz eigene Ohren. Europa wird der Kopf, in dem das Gedächtnis sich ankleiden kann wie ein Mensch. In den Bildern wohne ich, als eine mit allem Inneren und Äußeren verwandte Haut.

Die Kindheit führte sich erstmalig als Name in der deutschen Sprache spazieren. Der eigene Name wurde dabei ein mit Buchstabenbackpulver zu erobernder Planet. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Wälder des Slawischen in mir liegen, wird mir erst im Schreibengehen bewußt. Dieses Unterpfand, das immer aus der ersten Sprache herauftönt und mich endlich zu jemand macht, der etwas von sich sagen kann. Aber erst in der deutschen Sprache wird mein eigenes Zuhause für mich selbst hörbar.

Die Buchstaben sind ein Vorzimmer Gottes, in dem sich mir mein eigenes Träumen, die Biographie meiner vormenschlichen Herkunft erzählt. (Habe ich eine Herkunft und gehe ich irgendwo hin?) Das und verbindet nicht nur mich und den Satz, näht nicht nur die Lücken in eins, es ruft die Möglichkeit einer fortwährenden Erzählung herauf. Und ist das Versatzstück des Atems, in dem sich eins in eins fügt, ganz auf die Weise der unsichtbaren Welt, nur daß in den Buchstaben beim Erschreiben der Welt diese Hand plötzlich sichtbar wird, die Lungen der Wörter ermunternd und als Jakobsleiter des Sinns.

Die im Gleichmaß lebendig werdende Erzählung spricht zu mir in der deutschen Sprache, ist wie ein Telefonanruf eines lieben Menschen, bei dem ich ein Aufnahmegerät hinstellen möchte, um das Gespräch für immer unverlierbar zu machen. Etwas erzählen zu wollen, das begann mit dem Wunsch, etwas bewahren zu wollen, behüten auch, von meinem Großvater. Wegen ihm nahm ich zum ersten Mal das Erlebnis und Wagnis der Prosa auf mich. Eine im Grunde kindliche Vorstellung brachte mich auf diesen Gedanken, als ich das Leuchten seiner blauen Augen, den rötlichen apfelgleichen Schimmer seiner Wangen eines Tages wie ein Bild vor mir sah, das vielleicht ein großer Maler erschaffen haben könnte, hätte sich ihm die Aufgabe gestellt, die Innerlichkeit an einem menschlichen Gesicht farblesbar zu gestalten. Mein Großvater hatte dieses Gesicht, von dem die Maler träumen. Mir ist es stets als das Inbild von Form und Menschlichkeit erschienen. Mein erstmalig bewußt erlebter Verwandter war nicht ein Mensch. Es war das Gesicht meines Großvaters.

Dieses Bild der unsterblichen Wangen und der in meiner Herzerinnerung fortlebenden blauen Augen habe ich nie in meiner ersten Sprache erinnert. Im Deutschen meldete es sich gleich einem Mitbewohner meines Hauses an und kehrte so lange beharrlich zu mir zurück, bis ich zu einem Stift griff und es zu beschreiben versuchte. Es ist so lange geblieben, bis alles erzählt zu sein schien, was die Farbe von Wangen und Augen mir gesagt hatten, und bis ich verstand, daß der Tod dafür zuständig ist, uns an das gelebte Leben zu erinnern. Er erinnert auch an das Versäumte, an das uns vom Leben Trennende, die Trägheit auch, die uns von der eigentlichen Fähigkeit zu empfinden abhält. Zu empfinden: in der Sprache selbst zu lieben.

In den Sätzen muß der Atem wohnen. Er will das, er ist ein Zuarbeiter des Satzes. Wenn das Herz vor Aufregung klopft oder Tränen selbsttätig die Wangen herunterrollen, geht der Atem ein bißchen schlafen. Der Atem geht, er geht woandershin, vielleicht wird er gerade in diesem Moment von einem anderen Menschen gebraucht, von einer wachsenden Margerite oder einer Katze, die sich einer schlagenden Menschenhand selbstlos zur Verfügung stellt. Die Menschenhand wüßte nichts von sich, wenn sie nicht auch etwas von sich als Stein wüßte, in dem die Hoffnung wohnt und das Metier der Rose.

Während des Atemschlafs kö

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen