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Swingbruder von Gfeller, Alex (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.05.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Swingbruder

Anfang Mai 1945. Der Krieg der andern ist aus, und der junge Heimkehrer aus dem isolierten Gebirgs-Réduit möchte endlich etwas haben von seinem jungen Leben, wenn schon kriegsmäßig nichts gelaufen ist.

www.gfelleralex.ch geboren in Bern 1964-1974 Kunstmaler 1974-2014 Schriftsteller ab 2014 wieder Kunstmaler

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 12.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783844870541
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 236kBytes
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Swingbruder

D rei Dinge braucht der Mensch zum Leben: Einen hellbraunen Kamelhaarmantel, ein Paar weiße Gamaschen und den richtigen Hut dazu.

- Wozu?

Willi hastet neben mir her, findet den Schritt nicht, stolpert unablässig, sehr zum Verdruss des hinter ihm gehenden Posaunisten.

- Pass doch auf, du Tubel, schau nach vorn!

Die Arbeitermusik marschiert auf den Dorfplatz ein, und die Zuschauer applaudieren. Erster Mai im Schneegestöber; die Musikanten kämpfen gegen ihre halb erfrorenen Finger. Willi ist erleichtert, dass nicht mehr marschiert werden muss, denn er hat noch nie gleichzeitig marschieren und spielen können. Er bleibt keuchend neben mir stehen, in der Reihe der Trompeter, und reibt die Handflächen gegeneinander, das kalte Instrument unter den Arm geklemmt.

- Und wozu?

- Die Damen, Willi, die Damen! Heutzutage dreht sich doch alles nur noch um die Damen, verstehst du?

Der Dirigent hebt den Taktstock. Den Frühlingswalzer schmeißen wir hin wie nichts, ein leichtes Stück. Ebenfalls die Alten Kameraden, das Lieblingsstück der Blechmusik. Den Flotten Füsilier können die meisten im Schlaf, so oft haben sie ihn spielen müssen. Beim Strammen Eidgenoss hapert es; peinliche Ausfälle und fürchterliche Querschläger müssen hingenommen werden. Fred an der Pauke haut völlig daneben, obwohl er be-reits mehrere Biere gekippt hat.

Endlich eine Pause für uns. Der Arbeitersängerbund hat seinen Auftritt. Einige wechseln gleich hinüber, weil sie überall dabei sein müssen. Willi und ich stehen unter einem mächtigen Kastanienbaum und blicken in die kahle Krone hinauf, wo die Schneeflocken zwischen den klebrigen Knospen tanzen.

- Du meinst wegen den Weibern? fragt Willi atemlos. Er ist sehr hässlich.

- Richtig, Willi. An die guten Katzen kommst du nur heran, wenn du etwas zu bieten hast. Und heute trägt der moderne Herr einen dicken, weichen, hellbraunen, zweireihigen Kamelhaarmantel.

- Und weiße Gamaschen?

- Und weiße Gamaschen. Dazu den richtigen Hut, den passenden Hut. Einen ziemlich breiten, weichen, hellgrauen Filz.

- Du willst ja nur deine Birne verstecken.

Diese Bemerkung ist nicht freundlich; sie macht mich wieder auf die schmerzliche Tatsache aufmerksam, dass bei mir oben drauf immer noch der militärische Einheitsschnitt, also der fast totale Kahlschlag vorherrscht. Diesen Makel werde ich noch einige Zeit mit mir herumtragen müssen.

- Wo willst du die Sachen hernehmen? bohrt Willi weiter, während er hinter dem Stamm der Kastanie seinen Stumpen anzündet. Die Leute auf dem Platz scharen sich jetzt um den Redner auf dem kleinen Podest mit der roten Fahne.

- Liebe Genossen! Der erste Mai 1945 wird in die Geschichte der Arbeiterklasse eingehen, dessen können wir gewiss sein! Unsere ärgsten Feinde liegen zerschmettert am Boden ...

Ich sage nichts. Ich weiß keine Antwort darauf. Die Frage verfolgt mich seit meiner Entlassung aus dem Dienst. Ich weiß nur eines: Ohne Kamelhaarmantel bin ich nichts. Willi starrt mich skeptisch an und pafft aufgeregt; sein linkes Auge glotzt nach links, sein rechtes nach rechts. Er ist nicht zu beneiden mit seinem Gesichtsausdruck, doch im Augenblick ist er der einzige, der mir zuhört, und dies stimmt mich milde.

Jetzt brechen die Zuhörer in ein ganz ungewohntes Jubelgeschrei aus, werfen die Hüte in die Luft und klatschen wie irre. Willi und ich schauen uns überrascht an.

- Was ist los? rufe ich Fred zu, der uns am nächsten steht.

- Er hat eben gesagt, ruft Fred aufgeregt zurück und deutet auf den Redner, der das Ende des ungewohnten Applauses abwartet, dass der Hitler verreckt sei!

Ich wende mich wieder Willi zu:

- Hör mal, Willi. Du willst doch nicht hier im Sternen still vor dich hin saufen? Ausgerechnet heute Abend, wo der Krieg zu Ende geht? Du willst doch etwas sehen? Etwas erleben? Oder etwa nicht? Jetzt, wo der Hitler verreckt und die Schwaben

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