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Tage in Burma Roman von Orwell, George (eBook)

  • Verlag: Diogenes
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Tage in Burma

"Orwell kennen die meisten Leser nur als düsteren Big Brother Farm der Tiere 1984 Observer

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257602500
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Burmese Days
    Größe: 1492 kBytes
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Tage in Burma

VI

Die Morgensonne fiel schräg über den Maidan und traf gelb wie Blattgold die weiße Front des Bungalows. Vier schwarzviolette [84] Krähen stießen herab und ließen sich auf der Verandabrüstung nieder, wo sie auf die Gelegenheit warteten, hineinzuflitzen und Brot und Butter zu stehlen, die Ko S'la an Florys Bett gesetzt hatte. Flory kroch durch das Moskitonetz, rief Ko S'la zu, er möge ihm Gin bringen, dann ging er ins Badezimmer und saß eine Weile in einer Zinkwanne mit Wasser, das angeblich kalt war. Nach dem Gin fühlte er sich besser und rasierte sich. In der Regel schob er das Rasieren bis zum Abend auf, denn sein Barthaar war schwarz und wuchs schnell.

Während Flory verdrießlich in seinem Bad saß, kämpfte Mr. Macgregor in Shorts und Unterhemd auf der zu diesem Zweck in seinem Schlafzimmer ausgelegten Bambusmatte sich durch Nummer 5, 6, 7, 8 und 9 von Nordenflychts 'Turnbrevier für Stubenhocker'. Mr. Macgregor versäumte seine Morgengymnastik nie oder nur selten. Nummer 8 (flach auf dem Rücken, die Beine rechtwinklig heben, ohne die Knie zu beugen) war ausgesprochen mühsam für einen Dreiundfünfzigjährigen; Nummer 9 (flach auf den Rücken legen, sich zu sitzender Haltung aufrichten und die Zehen mit den Fingerspitzen berühren) noch schlimmer. Nun, egal, man mußte fit bleiben! Während Mr. Macgregor sich mühsam in Richtung seiner Zehen beugte, verbreitete sich ein ziegelroter Schatten von seinem Hals aufwärts und sammelte sich auf seinem Gesicht wie ein drohender Schlaganfall. Der Schweiß glänzte auf seiner breiten, teigigen Brust. Nur nicht nachlassen, nicht nachlassen! Man mußte um jeden Preis fit bleiben. Mohammed Ali, der Träger, der Mr. Macgregors saubere Sachen über dem Arm trug, sah durch die halboffene Tür zu. Sein schmales, gelbes arabisches Gesicht verriet weder Verständnis noch Neugier. Er hatte diese Verrenkungen - ein Opfer für einen geheimnisvollen und strengen Gott, stellte er sich verschwommen vor - seit fünf Jahren jeden Morgen mit angesehen.

Zur selben Zeit lehnte Westfield, der zeitig ausgegangen war, an dem mit Kerben und Tintenflecken bedeckten Tisch der Polizeiwache, während der dicke Unterinspektor einen Verdächtigen verhörte, den zwei Polizisten bewachten. Der [85] Verdächtige war ein vierzigjähriger Mann mit grauem, ängstlichem Gesicht, bekleidet nur mit einem bis zum Knie aufgeschürzten, zerlumpten Longyi, unter dem man seine mageren, gekrümmten und mit Zeckenbissen punktierten Schienbeine sah.

"Wer ist der Kerl?" fragte Westfield.

"Ein Dieb, Sir. Wir fanden ihn im Besitz von diesem Ring mit zwei sehr teuren Smaragden. Keine Erklärung. Wie kann er - ein armer Kuli - ein Smaragdring besitzen? Er wird ihn gestohlen haben."

Er wandte sich wütend dem Verdächtigen zu, näherte ihm sein Gesicht wie ein Kater, bis es fast das des anderen berührte, und brüllte mit enormer Stimme:

"Du hast den Ring gestohlen!"

"Nein."

"Du bist ein alter Vorbestrafter!"

"Nein."

"Du hast im Gefängnis gesessen!"

"Nein."

"Dreh dich um!" kläffte der Unterinspektor, einem plötzlichen Einfall gehorchend. "Bück dich!"

Der Verdächtige wandte sein graues Gesicht in Todesangst Westfield zu, der den Blick abwandte. Die beiden Polizisten ergriffen ihn, drehten ihn um und beugten ihn vor; der Unterinspektor riß ihm seinen Longyi ab, und er stand mit bloßem Gesäß da.

"Sehen Sie dies, Sir!" Er deutete auf einige Narben. "Er ist gepeitscht worden mit Bambus. Er ist ein alter Missetäter. Darum hat er den Ring gestohlen!"

"Na gut, sperrt ihn ins Kittchen", sagte Westfield mürrisch, während er, die Hände in den Taschen, von dem Tisch fortschlenderte. Im Grunde seines Herzens verabscheute er es, diese armen Teufel wegen gewöhnlichem Diebstahl einzusperren

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