text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Tagebuch einer Verlorenen von Böhme, Margarete (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.03.2016
  • Verlag: Nexx
eBook (ePUB)
0,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Tagebuch einer Verlorenen

Ihr größter Erfolg, 'Tagebuch einer Verlorenen', erzählt die angeblich wahre Geschichte einer hübschen, jungen Frau namens Thymian, die durch falsche Entscheidungen, vor Allem aber durch die äußeren Umstände in die Prostitution gezwungen wird. Die Tagebuch-Einträge schildern, wie Thymian immer weiter 'abrutscht' und vereinsamt. Sie sucht verzweifelt Liebe, wird aber nur ausgenutzt. Diese Geschichte ist äußerst berührend und war in den 20er-Jahren mit 1,2 Millionen verkauften Büchern ein Bestseller. Margarete Böhme (1867-1939) war eine deutsche Schriftstellerin. Ihr literarisches Werk besteht aus zahlreichen Romanen und Erzählungen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 11.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958705203
    Verlag: Nexx
    Größe: 536kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Tagebuch einer Verlorenen

Ja, es war eine tolle Nacht und ist mir noch so im Gedächtnis, als ob es gestern erst gewesen sei, obgleich schon vier Jahre seitdem verflossen sind.

Im Mai kam Mutter aus Davos zurück. Eine Krankenschwester brachte sie nach Hause und blieb auch bei ihr. Sie war sehr krank, ging nur vom Bett auf die Chaiselongue und von der Chaiselongue ins Bett. Es war plötzlich im Haus so still wie in der Kirche. Ich musste mich zuweilen auf einen Schemel neben sie setzen, und dann strich sie mit der schmalen kleinen mageren Hand über mein Haar und sagte: "Meine süße kleine Thymi, meine arme kleine Deern, was soll aus dir werden! Wenn ich dich doch wenigstens hätte großziehen dürfen." Ich wusste nicht recht, was ich dazu sagen sollte. Mir war sehr beklommen und traurig zumute.

Eines Nachts wurde ich geweckt. Als ich die Augen aufmachte, stand die Krankenschwester vor meinem Bett.

"Zieh dich an, kleine Thymian, und komm mit herüber," sagte sie. "Deine liebe Mutter will in den Himmel gehen und möchte dir gern Adieu sagen." Ich fing laut an zu weinen, aber die Schwester sagte, ich dürfe nicht weinen und der lieben Mutter den Abschied schwer machen; denn für sie sei es eine große Gnade und Freude, dass sie nach langem Leiden nun in das schöne Paradies dürfe. Da hielt ich das Schluchzen zurück, denn ich hatte riesig viel Respekt vor der Schwester.

In Mutters Schlafzimmer waren Tante Frieda und der Pastor, und auf dem Tisch neben dem Bett brannten Wachskerzen, denn Mutter hatte in der Nacht das Abendmahl bekommen. Vater war nebenan im Wohnzimmer. Man sah Mutter kaum im Bett, so weiß und klein war ihr Gesicht. Mir war sehr bange. Sie röchelte so entsetzlich.

Als sie mich sah, wurde sie sehr unruhig. Sie griff mit beiden Händen nach mir und ich musste mich über sie neigen und sie auf beide Wangen küssen und sie hielt mein Angesicht mit ihren feuchten, kalten Händen fest und seufzte immerzu und sprach, aber ich konnte nicht richtig verstehen, was sie sagte. Ich glaube, sie sagte, dass sie mich so furchtbar gern mitnehmen möchte. Und dann küsste sie mich wieder und schrie auf und röchelte so jämmerlich, es war geradezu entsetzlich. Der Pastor sagte: "Wir wollen Ihr Kind der Treue unseres Heilands empfehlen, liebe Frau Gotteball. Wir wollen beten." Aber Mutter hörte nicht, sie weinte so furchtbar und ich auch. Da hörte ich, wie die Schwester leise zum Pastor sagte: "Das Kind muss hinaus. Es ist eine Quälerei für die arme Frau, sie kommt nicht eher zur Ruhe." - Und dann küsste Mutter mich noch 'mal und dann kam wieder ein Anfall, und da nahm Schwester Anna mich an der Hand und führte mich hinaus. Ich konnte lange nicht wieder einschlafen, aber schließlich schlief ich doch ein. Am andern Morgen kam die Schwester wieder zu mir und sagte, dass Mutter in der Nacht zum lieben Gott gegangen sei.

Das war am Dienstag, und am Sonntag wurde Mutter begraben. Es waren grässliche Tage. Mutter lag in der besten Stube. Mich graulte vor ihr, wie sie so steif und eiskalt dalag, und es zog mich auch wieder zu ihr hin. Am Sonntag war sehr schönes Wetter. Als ich gleich nach Mittag vor der Tür stand, kamen Fite Raasch und Lide Peters und fragten, ob ich nicht ein bisschen mit ihnen Marmel spielen wollte, nur ein Pott, und das tat ich denn. Wir gingen unter die Linden, gerade vor unserm Haus, und ich gewann Fite Raasch im Handumdrehen zwanzig Marmeln ab. Wie ich sie einraffen wollte, nahm er mir zwei weg und lief davon. Ich ihm nach, Lide auch, und plötzlich, ich weiß nicht, wie es kam, spielten wir Greif und schrien und lachten laut, und ich hatte im Augenblick alle Traurigkeit vergessen und würde auch erst noch nicht daran gedacht haben, wenn Tante Frieda nicht plötzlich gekommen wäre. Sie hat wirklich ein Talent, immer gerade dann wie ein deus ex machina vor einem aufzusteigen, wenn man sie am wenigsten gern haben möchte.

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen