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Tod auf dem Fluss von Flanagan, Richard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2016
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Tod auf dem Fluss

Aljaz Cosini führt als Raftingführer Touristen den wilden Franklin River in Tasmanien hinunter. Bei der Landung vor einem Wasserfall gleitet Aljaz bei dramatischen Rettungsversuch auf einem Felsen aus und stürzt in den Fluss. Von der Wucht des Wassers an die Felsen gedrückt, droht er zu ertrinken. Während er um sein Leben kämpft, zieht seine Vergangenheit an ihm vorbei. Aljaz' Erinnerungen und Gefühle fügen sich zu einem großen erzählerischen Porträt dieses wilden Landstrichs und seiner Bewohner... Richard Flanagan wurde 1961 in Tasmanien geboren. Sein Roman 'Goulds Buch der Fische', ausgezeichnet mit dem Commonwealth Prize, machte ihn 2002 weltweit bekannt, seine insgesamt sechs Romane sind seither in 41 Ländern erschienen. Für 'Der schmale Pfad durchs Hinterland' erhielt Richard Flanagan den bedeutendsten englischsprachigen Literaturpreis, den Man Booker Prize.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 01.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492972598
    Verlag: Piper Verlag
    Serie: Piper Taschenbuch 30841
    Originaltitel: Death of a river guide
    Größe: 1735 kBytes
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Tod auf dem Fluss

Eins

Als ich geboren wurde, wickelte sich die Nabelschnur um meinen Hals, und ich kam auf die Welt, wild mit beiden Armen rudernd, unfähig, zu schreien und die Luft einzuziehen, die ich zum Leben außerhalb des Mutterleibs brauchte, stranguliert von ebendem Ding, das mich bis dahin ernährt und am Leben erhalten hatte.

So etwas ist Ihnen noch nie unter die Augen gekommen! Und das nicht allein deswegen, weil ich halb erdrosselt war.

Denn ich wurde in der Fruchtblase geboren, jenem durchscheinenden Ei, in dem ich im Leib meiner Mutter herangewachsen war. Lange bevor mein feuchter, grindiger Kopf vom wogenden Fleisch meiner Mutter in seine Form gepresst wurde, als sie mich unter Schmerzen in diese Welt hinausstieß, hätte die Fruchtblase eigentlich zerreißen sollen. Wunderbarerweise aber kam ich eingeschlossen in diese elastische Hülle aus meiner Mutter hervor und war bei meiner Ankunft in der Welt in einer ähnlichen Lage wie jetzt, da ich sie wieder verlassen soll. Ich schwamm in einem milchig blauen Beutel voll Fruchtwasser, meine Gliedmaßen zuckten sonderbar, schlugen und stießen hilflos gegen die dünne Haut. Von meinem Kopf, den zudem das Gewirr der Nabelschnur verbarg, war kaum etwas zu erkennen. Ich machte seltsame verzweifelte Bewegungen, als wäre ich dazu verdammt, das Leben immer nur durch den feinen schleimigen Film zu sehen, der mich umgab, als wollte mich das, was mich bis dahin schützend umhüllt hatte, von der übrigen Welt und meinem Leben abschneiden. Es war und ist ein komischer Anblick, meine Geburt.

Ich wusste damals natürlich nicht, dass ich bald aus meiner unvollkommen gerundeten Sphäre vertrieben werden sollte, die ihrerseits gerade aus ihrer Hülle, Mamas Leib, ausgestoßen worden war, nachdem dessen innere Wandung weniger als einen Tag vorher plötzlich in äußerst heftige Bewegung geraten war. Wenn ich etwas geahnt hätte von all den Schwierigkeiten, die schon bald über mich hereinbrechen sollten, hätte ich mich nicht von der Stelle gerührt. Nicht dass mir das etwas genützt hätte - die pulsierende Pressbewegung der Wände um mich herum diente ja einzig dem Zweck, mich aus einer Welt auszutreiben, von der ich immer nur Gutes erfahren und der ich nie etwas Böses angetan hatte, es sei denn, man wollte mir meine stete und zielstrebige Entwicklung von einem bloßen Zellhaufen hin zu einem vollständigen Menschen als einen feindseligen Akt auslegen.

Die Decke und der Fußboden meiner Welt kamen nicht mehr zur Ruhe, immer stärker wurden ihre Bewegungen, wie die hereindrängende Flut, die ein Riff nach dem anderen überspült und mit jedem Brecher mächtiger wird. Gegen eine derart heftige höhere Gewalt konnte ich natürlich nichts tun, ich musste mich der Brandung fügen, die mich in den engen Geburtskanal presste, musste es hinnehmen, dass mein Kopf hierhin und dorthin gequetscht wurde. Und wozu die ganze Plage? Ich hatte meine Welt geliebt, ihre sorglose pulsierende Dunkelheit, ihre warmen, milden Wasser, die Schwerelosigkeit, die es mir erlaubte, mich ohne Anstrengung hin und her zu drehen. Wer brachte Licht in meine Welt? Wer brachte den Zweifel in mein Tun und Lassen, das bis dahin grundlos und absichtslos unschuldig gewesen war? Wer? Wer schickte mich, der nie darum gebeten hatte, auf diese Reise? Wer?

Und warum fügte ich mich?

Aber wie kann ich etwas von alledem wissen? Es ist unmöglich. Kein Zweifel, ich fantasiere bloß.

Und doch ... und doch ...

Die Hebamme entwirrte mit geübten Fingern flink die Nabelschnur, dann steckte sie den Daumen in die Fruchtblase - geradeso wie ein Kind, das Rosinen aus dem Kuchen pult - und riss sie von unten nach oben auf. Eine kleine Sintflut ergoss sich auf die staubigen Bodendielen jener Kammer in Triest und machte sie so schlüpfrig wie das Leben selbst. Ein Schreien war zu hören. Und Lachen.

Mama behielt die Fruchtblase. Später trocknete sie sie, denn sie gilt als Glücksbringer, wenn das Baby in

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