text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Travestie der Liebe Wiener Literaturen Band 5 von Feldmann, Else (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2015
  • Verlag: Edition Atelier
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Travestie der Liebe

Else Feldmann zählt zu den unverdient vergessenen Autorinnen Österreichs. Von ihrem Leben weiß man heute nicht mehr viel, auch viele ihrer Texte sind verschollen oder vernichtet. - Alle anderen sind eine Entdeckung! In ihren Erzählungen nimmt sie wie im Vorübergehen (Alltags-)Szenen und Eindrücke auf. Klar und eindringlich schreibt sie vom oft schweren Leben in der Großstadt, vom Miteinander verschiedener Gesellschaftsschichten, von unermüdlich Arbeitenden, von Not und Glück, die oft näher beieinanderliegen, als man glaubt.

Else Feldmann, 1884 in Wien geboren, 1942 im polnischen Vernichtungslager Sobibor ermordet. Wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, besuchte kurzzeitig eine Lehrerbildungsanstalt, arbeitete dann in einer Fabrik. Literarische und journalistische Veröffentlichungen ab 1912, u.a. in der Neuen Freien Presse und der Arbeiter-Zeitung. Sie verfasste Erzählungen, Romane, Schauspiele und sozialkritische Reportagen. 1933 Mitbegründerin der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller, wichtiger Bestandteil der Wiener Literaturszene. 1934 Verbot ihrer Werke durch die Nationalsozialisten, die bis heute fast alle ihre Lebensspuren getilgt haben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 01.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903005860
    Verlag: Edition Atelier
    Serie: Wiener Literaturen Bd.5
    Größe: 814 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Travestie der Liebe

ABENTEUER

Annette, ein Mädchen von achtundzwanzig Jahren, war in Stockholm im Bureau einer Zellulosefabrik angestellt. Mit ihr war ihre Freundin Lieschen, genau zehn Jahre älter als sie. Beide stammten aus Hamburg. Die Fabrik Hamburg hatte sie beide auf ihren Wunsch in die Zweigfabrik Stockholm versetzt.

Annette hatte in Hamburg ihr liebes Heim verlassen. Sie wohnte im Gewerbemuseum, ihr Vater war dort Hausaufseher und trug eine Kappe mit Goldschnur; ihre Mutter war die Hausfrau, eine kleine, alte, zärtliche Person. Annette hatte Abschied genommen von ihrem Klavier und von ihrem französischen Cercle (einmal wöchentlich).

Lieschen hatte weniger zurückgelassen. Sie hatte eines Tages den schmalen Schrank in ihrem möblierten Zimmer ausgeräumt, zwei Koffer gepackt, und niemand hatte ihr mit Tränen in den Augen nachgeblickt.

Es schien ihnen schön und wunderbar, die Welt zu sehen. Nun waren sie seit Monaten in Stockholm. Hatten sich zusammen eingemietet; die beiden Freundinnen in der Fremde. Sie verdienten etwas mehr als daheim. Hatten ihr Auskommen. Im Sommer kauften sie sich hübsche, helle Kleider, bunte Hüte, spinnwebdünne Strümpfe und Lackhalbschuhe für alle Tage. Die Frauen trieben hier einen Luxus, und sie wollten nicht nachstehen. Es blieb ihnen die Freude, auf der Straße hübsch angezogen zu gehen. Sie arbeiteten über Mittag im Bureau; das gab Überstundenbezahlung. Bald kamen sie darauf, daß sie von der Welt nicht viel zu sehen kriegten.

Ihre beiden Schreibmaschinen standen in einem Verschlag, der nicht größer als zwei Quadratmeter war und kein Fenster hatte. Den größten Teil des Tages verbrachten sie in diesem Raume, und abends waren sie so müde, daß sie nur den einen Wunsch hatten, sich irgendwo hinzulegen und zu schlafen. Sie waren wie dürre Früchte, welk, um Kraft und Leben gebracht.

Wenn sie am Abend zusammensaßen, sagte Lieschen: "Sollen wir keine Freude haben? Nichts?"

Und Annette sagte: "Ja, wir könnten etwas unternehmen, unsere Lebensgeister zu erfrischen. Wie wäre es, wenn wir uns über den Sommer auf dem Lande einmieteten?"

Mutig überwanden sie alle Schwierigkeiten. Selbst die Aussicht, täglich zweimal eine Stunde Dampferfahrt in die Stadt ins Bureau und zurück, bedeutete eher ein Vergnügen als eine Last.

Sie hatten es sehr gut getroffen, ein großes Zimmer auf einem Landgut, das gleichzeitig an Gäste vermietete, gefunden. Dort wollten sie bis in den Herbst hinein bleiben, bis es kalt würde. Wenn sie das Bureau um sechs Uhr verließen und noch den Dampfer erreichten, konnten sie um sieben Uhr abends auf dem Lande sein. Es waren die aufregenden Tage der Mitternachtssonne, die weißen Nächte.

Sie saßen in ihrem Zimmer, auf dem Erker, und übersahen das weite, felsige Land, sahen die Wälder und den See. "Es ist doch gut, daß wir Mut hatten und die Stelle annahmen, wir wären sonst ewig in Hamburg festgesessen." "Jawohl", sagte Lieschen. "Aber ich bin schon zu müde. Die hellen Kleider machen mir keine Freude mehr; die letzten zehn Jahre, die vergangen sind, haben all meine Jugend mitgenommen. Nun werde ich alt und grau, o wie traurig ..."

Annette blitzte sie mit ihren Augen an und sagte: "Nein, warte nur ..." Aber Lieschen schüttelte den Kopf.

Und der Abend verging ihnen wie gewöhnlich, indem sie über die Liebe redeten - was hätten sie anderes tun sollen? "... Es soll ein Glück geben", sagte Lieschen mit verhängter Stimme, "ich weiß es nicht. Zwanzig Jahre Bureau habe ich hinter mir, zwanzig Jahre Schreibmaschine. Was kommt dabei heraus? Ich sah es, wie unser Geschäft vergrößert, Aktiengesellschaft wurde, wie es sich ausbreitete über Länder; wir sind in Deutschland, in Schweden, in Spanien, in England. Ich habe an der Schreibmaschine meine ersten weißen Haare bekommen;

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen