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Trinkgeld vom Schicksal Geschichten von Özdogan, Selim (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.07.2016
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Trinkgeld vom Schicksal

Die perfekten Momente im Leben Die träumerische, gelassene Atmosphäre einer Nacht am Lagerfeuer rufen diese Geschichten, Beobachtungen und Szenen hervor: Man hört zu, wird melancholisch, albern, nachdenklich, entspannt und erinnert sich am nächsten Tag weniger an das, was geredet wurde, als eben an - die Stimmung. 'Sandburg Schreiben ist wie Sandburgen bauen. Du setzt dich hin und baust etwas und willst, dass es schön wird, du gibst dir Mühe mit dem Ding. Vielleicht bekommst du einen Sonnenbrand, hast Durst und schwitzt, aber du kannst völlig darin versinken, diese Burg zu bauen, es ist eine schöne Beschäftigung. Es geht nicht darum, dass Leute vorbeikommen und dein Werk bewundern, aber es ist fein, wenn ab und an einer stehenbleibt, um es sich anzusehen. Irgendwann stellst du fest, dass du deine Zeit mit dieser Sandburg vertrödelt hast, während die andern gearbeitet und Geld verdient haben. Und nun bist du fast schon gezwungen, Eintritt zu nehmen, wenn jemand kommt, um sich deine Sandburg anzusehen.' Selim Özdogan Selim Özdogan wurde 1971 geboren und lebt in Köln. Er veröffentlichte die Romane 'Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist' (1995), 'Nirgendwo&Hormone' (1996), 'Mehr' (1999) und 'Ein Spiel, das die Götter sich leisten' (2002) sowie 'Ein gutes Leben ist die beste Rache' (Stories, 1998) und 'Trinkgeld vom Schicksal' (Geschichten, 2003).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 04.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841212023
    Verlag: Aufbau-Verlag
    Größe: 4037 kBytes
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Trinkgeld vom Schicksal

Die Tochter des DJs

Die ersten zwei oder drei Minuten konnte ich im Halbdunkel nicht entscheiden, ob es ein Mann oder eine Frau war. Ich versuchte, Bartstoppeln zu erkennen, einen ausgeprägten Adamsapfel oder einen Busen unter der Strickjacke. Auch die Bewegungen halfen mir nicht weiter. Wir waren in einem Laden, in dem heute Dancehall Reggae aufgelegt wurde, es war vor Mitternacht und noch ziemlich leer. Ich stand mit dem Rücken an die Theke gelehnt da und sah mir die wenigen Leute an. Bald würden die kommen, die immer so spät ausgingen, die Tanzfläche würde sich füllen, ich würde tanzen, bis ich keine Lust mehr hätte, und dann fröhlich nach Hause fahren. Ich würde kurz auf die Uhr sehen, ob es eher zwei war oder vier, um nach einigen Stunden Schlaf direkt nach dem Aufstehen eine CD aufzulegen und noch ein bißchen nur für mich in meinem Zimmer zu tanzen. Heute abend war ich allein hierhergekommen, und ich genoß es, nur gucken, tanzen und schließlich gehen, ohne sich von jemandem verabschieden zu müssen oder länger zu bleiben, als man eigentlich wollte, oder eher weg zu sein.

Das Lächeln wirkte weiblich, doch erst, als sie die Jacke ausgezogen hatte, war ich mir sicher, daß das die schönste androgyne Frau war, die ich je gesehen hatte. Eine schlanke Person in Jeans ohne Hintertaschen und einem dunkelblauen T-Shirt mit weißen Bündchen. Ihr Gesicht war schmal mit ausgeprägten Wangenknochen und einem fast schon eckigen Kinn. Während sie sich eine Zigarette drehte, fragte ich mich, wie lange es dauern würde, bis sie merkte, daß ich sie anstarrte, wie lange würde es dauern, bis ich meine Blicke zügeln mußte.

Sie nahm sehr lange überhaupt keine Notiz von mir, ich konnte tanzen, sie ansehen, tanzen, sie wieder ansehen und manchmal auch beides gleichzeitig, doch dann mußte ich oft sehr bald die Augen schließen, um nicht vor Vergnügen zu platzen.

Das Soundsystem gab uns Baß, Baß, mehr Baß, feuerte ihn in unsere Knochen, ließ uns vibrieren, wärmte uns, schickte Funken in unsere Köpfe, explodierende Lichter in allen Farben des Tanzes, ich hörte Trillerpfeifen und Sizzlas Stimme, natürlich war die Musik das Heilmittel der armen Leute, aber auch das Heilmittel aller anderen, die Musik war unsere Fahrkarte in die purpurnen Freuden der Bewegung, sie war uns Stärkung und Hoffnung, sie war der Anker, sie war unser Mittelpunkt. Alles ist aus Klang entstanden.

Die Musik schien sie zu verwandeln, wenn sie tanzte, dann wurden ihre Bewegungen weicher, fließender, sie kippte den Oberkörper leicht nach vorne und ließ ihren Hintern kreisen, und der Schwung ihrer Hüften übertrug sich auf ihren ganzen Körper. Es war mittlerweile voller geworden, manchmal verlor ich sie aus den Augen, und wenn ich sie länger nicht sah, befürchtete ich, daß sie gegangen sein könnte. Sie schien viele Leute zu kennen, doch unterhielt sich mit jedem immer nur kurz.

Es mochte gegen zwei sein, als es mir drinnen zu voll wurde, ich kaufte mir das zweite Bier des Abends und ging raus, es war noch warm. Ich setzte mich auf das äußerste Ende des breiten Treppenaufgangs, trank und sah mir die Sterne an. Irgendwann fiel mir auf, daß ich wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten grinste.

Auf einmal stand sie neben mir.

- Hast du mal eine Zigarette für mich?

- Leider. Ich kann dir einen Schluck Bier anbieten.

- Erst brauche ich eine Zigarette, ich komme wieder, sagte sie.

Etwas später setzte sie sich neben mich, und ich reichte ihr wortlos, aber lächelnd die Flasche, sie trank einen kleinen Schluck.

- Das ist ein guter Abend, sagte ich.

- Ja, sagte sie, ich liebe die Musik.

- Ja, und alle tanzen und freuen sich und sind gut drauf.

Wir drehten gleichzeitig die Köpfe und sahen uns in die Augen, sie lächelte, ich auch, dann gab sie mir die Flasche zurück.

- Kennst du das, sagte sie, wenn du nach so einer Nacht aufwachst, du riechst noch nach Abend, die Melodien sind n

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