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Und alle Lieben leben von Eichhorn, Hans (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.09.2013
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Und alle Lieben leben

Eine poetische Reise durch den Alltag des Lebens, voller kleiner Nadelstiche. Die Jahreszeiten fliessen dahin, dahin und der Kampf mit und um das Leben nimmt einen ruhigen Verlauf. 'Und alle Lieben leben', das ist die Behauptung. Das Haus schützt und sperrt ein, zwei Personen sind für den zeitlosen Moment zusammengeschweißt - und doch wie gemeinsam ausgesetzt. Der Alltag will bewältigt werden. Erinnerungsbilder steigen hoch, die Chemotherapie beginnt sowie die Suche nach dem ich. Oder ist es ein Du? Schon stellt sich die nächste Jahreszeit ein, in der und mit ihr 'alle Lieben leben'. Ausdrucksstark und bilderreich führt uns Hans Eichhorn in eine Welt der Entfremdung, der Krankheit und der Zuversicht. Brillant! Hans Eichhorn geboren 1956 in Vöcklabruck, lebt als Berufsfischer und Schriftsteller am Attersee. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Autoren-Förderungspreis der Stiftung Niedersachsen/Wolfenbüttel (1994), Preis der Literaturzeitschrift 'manuskripte' (1999), Preis des Landes Oberösterreich für Lyrik (2005). Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: 'Die Liegestatt' (2008), 'Das Fortbewegungsmittel' (2009).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 02.09.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701743315
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 1011 kBytes
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Und alle Lieben leben

ALS DAS PAPIERTASCHENTUCH auf der Ablage des CD-Regals lag und ich zugleich mit einem Primelstrauß den Blick auf die Sätze freischaufelte, schlüpfte die Katze durch die leicht geöffnete Wohnungstür und wollte ins Freie gelassen werden. Flüssiger Klebstoff, so geisterten die Fernsehbilder durch das Zimmer, Notenständer aus Metall, so ließen sich kleinwinzige Kerben ins Augenlicht schneiden. Sternschnuppen, Sonntagnachmittagsspaziergänger belebten sogar die kleinsten Dorfstraßen. Das Gerstenfeld grünt. Gestapeltes Brennholz ist am Rand des Hofes mit Welleternit abgedeckt. Eine selbstvergessene tiefe Nacht, umso erfrischter stehst du auf, das Tagwerk zu beginnen. Du betrittst klarer, schärfer umrissen das Innen- und Außenprofil deiner Hände, Füße, deiner Bausparrücklagen oder der abgewetzten Fauteuilschutzhüllen. Hast das rote Stand-by-Licht des Fernsehers im Kopf, drehst an den Gitterstäben und abgestürzten Airbussen, du nimmst die protestierende Menschenansammlung gegen die Unabhängigkeit des Kosovo wahr. Die den Überlebenswillen herausschreienden Körper sind eine Folge deines Einatmens, sie werden benutzt, sie werden eingeatmet, sie werden ausgeatmet, sie sind Erntegut, sie sind die mutwillig ausgestellten Requisiten eines altmodischen Theaters, das keinen Beamer und keine Rauchmaschine kennt. Mit der Rauchmaschine hast du längst ausgeatmet. Sie ist das Sprungbrett zu den hölzernen Staukuben, in denen sich Küchengeräte und Spielsachen befinden. Auch die hölzernen Staukuben wurden bereits ausgeatmet. Sie wurden ausgeatmet und wieder eingeatmet, sie zirkulieren im Blutkreislauf, sie stecken in den Lungenbläschen, sie werden in den Nieren abgesondert und abgeführt. Befreiter, leichter gleiten die Finger über das Papier, die im Regal gestapelten traurigen Videokassetten halten ihren verrunzelten Bildkörpervorrat parat.

HIER GEHT ES NICHT WEITER. Beim ausgeschnittenen Apfelbaum, über dessen offene Schnittwunden Plastik- und Metallbüchsen gestülpt werden, geht es weiter. Bei braunmatschigem verfaultem Birnenfallobst geht es weiter. Der Garten des Cafés ist geöffnet, und jetzt, Ende Februar, sitzen die Gäste im Freien. Sitzt gelassen vor zahllosen Augenblicken, die dir das Fortkommen ermöglichen. Und jeder Augenblick wäre ein Drei- oder Achtzehngangfahrrad, wäre eine Fahrradkette, ein Fahrradkettenzahnwerk, ein reparierter Außenbordmotor, ein Schweinsbraten, ein Erstflug mit der Lufthansa. Trüffel werden entdeckt, Zahnprothesen eingesetzt, der Vorrat an Billigkunstkatalogen ist groß. Bist du das Saatkorn, das den funktionierenden Körper wund reibt, bist du die hinterfotzige Frage, die sich selbst begatten will, um der Geselligkeit Abbitte zu leisten, die kleinwenig andere Geselligkeit, der kleinwenig andere Farbtupfen, der die Geselligkeit zum Kippen bringen soll? Ausatmen, Freund, den Fisch durch die Netzmaschen pressen und am Boden zappeln lassen, bevor du ihn mit der Hand nimmst und an der Bootskante erschlägst. Du lässt dir die protestierenden Menschen vor Augen führen. Du bist einverstanden mit der den Befund klärenden Operation. Kind, verschollen im Haus, verschollen im eigenen Gehäuse, wirst es leben lassen müssen in dieser Entfernung, in dieser Unverständlichkeit gegenüber den anderen, denn das glühende Stand-by-Licht des Fernsehers ist ein anderes, die Lebensmittel sind andere, die liegengelassenen Bananenschalen und gebrauchten Tampons sind andere. Einatmen und priesterlich die Arme hoch, aufnehmen und verbergen; gegeben ist ein todernster, aber neu machender Weg.

DU BIST UNTERGEBRACHT in einem Hotel in der Saint-Julien-Straße, der pure Luxus, mit großzügigem Duschraum und separatem WC. Später schlenderst du die Salzach entlang, geblendet von der Sonne, vom frühlingshaften Wetter. Tatsächlich blühen bereits die Forsythien. Lange gehst du hinter der schlanken, hochgewachsenen Schönheit her, bis sie in einer Nebenstraße verschwindet. Die Gärtnereien haben a

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