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Verlorenwasser von Ahrends, Martin (eBook)

  • Verlag: Wallstein
eBook (PDF)
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Verlorenwasser

Anna Eisners Aufstieg in der DDR-Gesellschaft und der Abstieg nach der Trennung von ihrem Stasi-Ehemann geschildert in der eindringlichen Sprache eines Berichts.
"Verlorenwasser" ist der Name eines Dorfes im Hohen Fläming, in dem Annas Schwiegereltern eine Datsche besitzen. Seitdem Anna Harald Eisner geheiratet hat, geht alles ganz einfach: Annas Vater avanciert zum Straßenbahn-Cheffahrer, Anna darf während eines Krankenhausaufenthaltes ihr Abitur ambulant ablegen und unmittelbar danach ihr erträumtes Medizin-Studium beginnen. Weitere Privilegien: die Vierzimmerwohnung in der Leninallee, der Zweitwagen, die Datsche am See, ein Motorboot. Als der behinderte Sohn Grischa zur Welt kommt, kann Anna stundenweise im Kollektiv der "Wettkampfpsychologen" bei Dynamo Berlin arbeiten. Die Welt scheint in Ordnung, doch steht die Familie nach Annas schwer begründbarem Gefühl kurz vor der Katastrophe: "Es ist das Gefühl von doppeltem Boden, von dünnem Eis." Die Anzeichen mehren sich: Anna erfährt, daß Haralds Baubetrieb der Stasi untersteht, den Schwiegervater sieht sie plötzlich in hochdekorierter Uniform beim Parteitag. Nachdem Anna die Scheidung eingereicht hat, verläuft ihr Lebensweg in umgekehrte Richtung: Drohungen, Beschuldigungen und Willkür prägen den Alltag: Sie verliert ihren Job, landet vorübergehend in der Psychiatrie, die Tochter wird nicht zum Abitur zugelassen.
Januar 1990: Montagsdemo auf dem Berliner Alexanderplatz. Anna lernt eine ältere Dame aus Westberlin kennen. Sie kommen ins Gespräch und Anna erzählt ihre Geschichte. Es komme ihr manchmal so vor, als habe sie alles nur geträumt, sagt Anna. Aber die Angst bleibt, es könne alles wieder von vorn beginnen.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 43
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835306806
    Verlag: Wallstein
    Größe: 255kBytes
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Verlorenwasser

Verlorenwasser (S. 5)

Im Januar 1990 radelt eine ältere Dame die Berliner Avus in Richtung Funkturm, von dort die Ost-West-Achse zum Brandenburger Tor. In der Abenddämmerung erreicht sie den Alexanderplatz. Dort haben sich Tausende Menschen zu einer Montagsdemo versammelt, vorn, an der Tribüne, wird an der technischen Anlage gebastelt.

Der Strom ist zusammengebrochen. So reden die Versammelten untereinander. Den Augenblick genießend steht da Anna, ohne sich am Palaver zu beteiligen. Die Radfahrerin beobachtet sie, ihr scheint sie die Verkörperung dieser Befreiung, derer die Menschen sich hier bewußt werden. Die Radfahrerin kommt mit ihr ins Gespräch. Sie arbeite im Krankenhaus Weißensee, erzählt Anna. Ärztin? Nein, nur OP-Schwester. Aber sie habe einmal Ärztin werden wollen. Es sei einiges dazwischengekommen, ein DDR-Leben, für jemanden von drüben wahrscheinlich kaum von Interesse.

Die Radfahrerin interessiert es aber, und Anna beginnt, von sich zu erzählen, so beiläufig, so frei, wie man das vielleicht nur in einer solchen Situation kann: Im Abendlicht wartend, daß die Elektriker endlich soweit sind, jemandem, der ein Weilchen zuhören und später wieder irgendwohin verschwinden wird.

Um ihr entgegenzukommen, sagt die Radfahrerin, ihr habe es immer an Ehrgeiz gefehlt, in ihrem Leben wirklich voranzukommen. Das sei bei ihr ganz anders, entgegnet Anna. Ihr Vater sei Kraftfahrer gewesen in Dresden, sie habe höher hinaus gewollt ... Mit fünf Jahren lernt sie Rollschuhfahren, mit acht trainiert sie schon intensiv ihre Achten. Sie wird zweifache DDR-Jugendmeisterin im Rollschuhlaufen.

Dann wird ihr das harte Training zu blöd, als sie mit sechzehn die Schule abschließt, gibt sie es auf. Schon mit zehn will sie Ärztin werden. Die Eltern verlangen, daß sie erst einen Beruf lernt und dann vielleicht weitermacht mit einem Studium. Sie lernt Säuglingsschwester, betreut Kinder mit Mißbildungen, will Fachärztin für Kinderneurologie werden. Mit vierzehn verliebt sie sich in den Leiter der FDJ-Singegruppe, als der sein Musikstudium beendet hat, planen die beiden die Hochzeit. Anna ist achtzehn. Im Januar '69 soll die Hochzeit sein, kurz vor Weihnachten lernt sie in der Straßenbahn Harald Eisner kennen.

Der weiß von Anna nur den Vornamen und die Schwesternschule, an der sie lernt, als er sie zwischen Weihnachten und Neujahr in Dresden ausfindig macht. Plötzlich steht er vor ihr, in ihrem Zimmerchen bei der Großmutter, wo sie sich auf eine Prüfung vorbereitet. Er ist das Gegenteil des verträumten Heiratskandidaten, er ist zielbewußt, ein Durchreißer, ein logisch klarer Denker. Sie sagt ihm, daß sie von dem Anderen ein Kind erwarte, doch das ist für Eisner kein Hindernis. Sie erliegt der Faszination seines Selbstbewußtseins. Anna erlebt das ganz andere Lebensgefühl. Dulder kennt sie schon zur Genüge.

Nun kostet sie einen Sieger. Sie spürt einen lang vergessenen Lebenshunger nach dem offensiven, kämpferischen Dasein. Sie löst die Verlobung mit dem Musiker, lädt die Hochzeitsgäste wieder aus. 1970 kommt Karin zur Welt. Anna wohnt noch bei den Großeltern. Die Großmutter arbeitet im Gemüseladen, der einbeinige Großvater spielt Klavier und ist vergnügt. Er kümmert sich um die Kleine, wenn Anna weg muß. Harald kommt am Wochenende, er wohnt eine Straßenbahnstunde entfernt am Dresdener Stadtrand.

Es gibt einen Vaterschaftstest: Der Musiker ist Karins Vater, sie vereinbaren aber, daß er für das Kind nicht zahlen muß. Er wird in Abständen von mehreren Jahren unangemeldet auftauchen, um nach seinem Kind zu fragen, Anna wird sich erst in der Wendezeit noch einmal in ihn verlieben. Mit dem Gefühl, ihrer inneren Wahrheit wieder näher zu kommen.

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