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Vom Wagnis, die Welt in Worte zu fassen von Welty, Eudora (eBook)

  • Verlag: edition fünf
eBook (ePUB)
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Vom Wagnis, die Welt in Worte zu fassen

Als Kind besuchte sie täglich die Leihbücherei, wo sie nicht mehr als zwei Bücher täglich entleihen durfte - viel zu wenig für ihren Lesehunger! Doch sie liest nicht nur wie besessen, sie ist auch eine aufmerksame Beobachterin, in der schon bald der Wunsch keimt, selbst Schriftstellerin zu werden. Wie sie von Mississippi aus erste Schritte in die Welt wagt, wie ihr das ganze Leben zur Schule des Schreibens wird, bevor sie den Mut zur eigenen Stimme findet, davon erzählt Eudora Welty auf hinreißend lebendige Weise. Eudora Welty (1909-2001, Jackson, Mississippi) gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Erzählerinnen der USA. Sie veröffentlichte zahlreiche Erzählbände und Romane. 1973 erhielt sie für den Roman "The Optimist's Daughter' den Pulitzer-Preis. Auch als Fotografin erlangte sie Weltruhm. Ihre Essays "Vom Wagnis, die Welt in Worte zu fassen' wurde anlässlich ihres 10. Todestages für die edition fünf neu übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783942374804
    Verlag: edition fünf
    Serie: edition fünf Bd.8
    Originaltitel: One Writer's Beginnings
    Größe: 612 kBytes
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Vom Wagnis, die Welt in Worte zu fassen

I
HÖREN

I N UNSEREM HAUS an der North Congress Street in Jackson, Mississippi, wo ich 1909 als erstes von drei Kindern geboren wurde, wuchsen wir zum Klang von schlagenden Uhren auf. Im Flur stand eine Eichenuhr im Mission-Style, deren gongartige Schläge, verstärkt durch den Resonanzboden der Treppe, durch Wohnzimmer, Esszimmer, Küche und Vorratskammer hallten. Auch nachts fanden sie den Weg in unsere Ohren; sogar draußen auf der Schlafveranda konnte uns manchmal die Mitternacht wecken. Im Schlafzimmer meiner Eltern stand eine kleinere Schlaguhr, die der anderen antwortete. Und während die Küchenuhr nur die Zeit anzeigte, gab es im Esszimmer eine Kuckucksuhr mit Gewichten an langen Ketten; an einer davon hängte mein kleiner Bruder einmal, nachdem er über einen Stuhl auf die Anrichte geklettert war, einen Augenblick lang die Katze auf. Die Verwandten meines Vaters in Ohio waren Nachkommen von drei Brüdern, die im 18. Jahrhundert aus der Schweiz nach Amerika gekommen waren, und vielleicht haben sie etwas damit zu tun, dass die Zeit für uns alle zeitlebens etwas Maßgebliches blieb. Für eine künftige Schriftstellerin jedenfalls war es gut, sich so gründlich und fast als Allererstes mit Chronologie zu beschäftigen. Dies gehörte zu den vielen Dingen, die ich fast unmerklich lernte; als ich es brauchte, war es da.

Mein Vater besaß ein Faible für alle Apparate und Spielereien, die lehrreich waren und einen Zauber hatten. Sein Platz dafür war die Schublade im "Bibliothekstisch". Dort lag oben auf seinen gefalteten Landkarten ein Fernrohr mit Messingauszügen, mit dem wir nach dem Abendessen im Vorgarten den Mond oder den Großen Wagen ausfindig machten und jede angekündigte Mondfinsternis beobachteten. Auch eine Kodak-Faltkamera verwahrte er dort, die zu Weihnachten, Geburtstagen und vor Reisen hervorgeholt wurde. Hinten in der Schublade lagen eine Lupe, ein Kaleidoskop und ein schwarzes Bougramkästchen mit einem Gyroskop, das er auf einer straff gespannten Schnur für uns tanzen ließ. Außerdem hatte er noch ein Sammelsurium von Geduldsspielen aus verketteten Metallringen und -gliedern und -schlüsseln, die außer ihm keiner von uns auseinanderzunehmen verstand, und wenn wir es noch so geduldig gezeigt bekamen. Er hatte eine fast kindliche Liebe zu allem Erfinderischen.

Irgendwann wurde auch ein Barometer an die Esszimmerwand gehängt, obwohl wir eigentlich keines brauchten. Als Junge vom Land kannte sich mein Vater ausgezeichnet mit dem Wetter und den Anzeichen am Himmel aus. Er trat jeden Morgen als Erstes vor die Tür, sah sich um und hielt die Nase in die Luft. Er war ein ziemlich guter Wetterprophet.

"Im Gegensatz zu mir", pflegte meine Mutter mit großer Selbstzufriedenheit festzustellen.

Er erklärte uns Kindern, was wir zu tun hatten, wenn wir uns in einem fremden Land verirrten. "Sucht euch die Stelle am Horizont, wo der Himmel am hellsten ist", sagte er. "Da spiegelt sich der nächste Fluss. Wenn ihr auf einen Fluss zulauft, werdet ihr Häuser und Menschen finden." Mögliche Gefahren beschäftigten ihn sehr. So lehrte er uns Kinder beispielsweise vorsorglich, uns vor Blitzschlag in Acht zu nehmen. Bei den schweren Gewittern, die in unserer Gegend häufig sind, zog er uns immer von den Fenstern weg. Meine Mutter stand dabei und verlachte Vorsicht als Charakterfehler. "Ach, ich habe Stürme immer geliebt! In West Virginia hat mir kräftiger Wind nie etwas ausgemacht! Hört euch das nur an! Ich hatte überhaupt keine Angst vor ein bisschen Blitz und Donner! Wenn es richtig stürmte, bin ich raus auf den Berg und mit weit ausgebreiteten Armen durch den Regen gerannt !"

So kam es, dass ich einen starken Sinn für Meteorologie entwickelte. Als ich Jahre später Geschichten schrieb, spielte Atmosphärisches von Anfang an eine wichtige Rolle. Unwetter und die von derlei drohenden Tumulten ausgelösten Gefühle verbanden sich zu dramat

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