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Was wir fürchten von Bauer, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2015
  • Verlag: Septime Verlag
eBook (ePUB)
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Was wir fürchten

"Das erste Mal fühlte ich die Angst, als mein Vater Kornkreise in ein Feld am Ortsrand trat und meine Mutter mich losschickte, um ihn nach Hause zu holen, bevor die Nachbarn etwas bemerken konnten." Georg erzählt aus seinem Leben, das von Unruhe und Angst gezeichnet ist. Die Furcht vor seinem psychisch kranken Vater lässt ihn an allen Versuchen scheitern, Vertrauen und Stabilität zu finden. Erst als Erwachsener gelingt es ihm, die Kontrolle über sein eigenes Leben zu erlangen und sich sicher zu fühlen, bis traumatische Ereignisse die Idylle zerreißen und sein Verfolgungswahn erneut ausbricht. Seine Mutter hält ihn für verrückt, Georgs Frau scheitert daran, ihn zu beschützen, und auch sein bester Freund glaubt nicht an seine Erzählungen. Doch was, wenn Georgs Ängste berechtigt sind und die Menschen in seinem Leben tatsächlich ein Geheimnis verbergen? Was, wenn sich wirklich alles nur um ihn dreht? Im Dialog zwischen Georg und seinem Gegenüber entwickelt sich ein Machtspiel um die Wahrheit und ihre Bedeutung. Doch wer entscheidet, ob eine Geschichte richtig erzählt ist? Vielleicht liegt die Lösung bei jener Person, der er seine Geschichte anvertraut. Schritt für Schritt wird Georgs Leben entblättert, bisherige Antworten werden infrage gestellt und müssen neu überdacht werden.

Jürgen Bauer, geboren 1981, lebt in Wien. Im Rahmen des Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien, Amsterdam und Utrecht spezialisierte er sich auf Jüdisches Theater und veröffentlichte hierzu zahlreiche Artikel und Buchbeiträge. 2008 erschien sein Buch No Escape. Aspekte des Jüdischen im Theater von Barrie Kosky. Seine journalistischen Arbeiten zu Theater, Tanz und Oper erscheinen regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Jürgen Bauer nahm mit seinen Theaterstücken zwei Mal am Programm "Neues Schreiben des Wiener Burgtheaters" teil. Das Fenster zur Welt ist sein Debütroman. 2014 wurde ihm das Aufenthaltsstipendium für junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren des Literarischen Colloquiums Berlin zugesprochen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 264
    Erscheinungsdatum: 23.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903061095
    Verlag: Septime Verlag
    Größe: 1089 kBytes
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Was wir fürchten

Alles begann mit dem blutenden Mädchen, das am Naschmarkt zitternd in meine Arme fiel.

Meine Frau meinte zwar bis zuletzt, sie habe schon davor Anzeichen eines Rückfalls bemerkt, doch das sollten Sie ihr nicht glauben. Die Mauerteile in unserer Wohnung, der Vorfall mit unserem Vermieter, das waren nur Warnschüsse gewesen, nicht mehr, vollständig aus der Bahn geworfen hat mich erst das kleine Mädchen am Naschmarkt. Bis zu diesem Vorfall war ich gut darin, meiner Frau ein normaler Ehemann zu sein. Dazu musste ich lügen, musste mich selbst in zwei Personen teilen, aber wenn ich dadurch mein Leben in gewohnten Bahnen weiterleben konnte, war es mir recht. Es ging mir damals schon über so lange Zeit gut wie nie zuvor in meinem Leben. Ich durfte nicht zulassen, dass dieser Zustand so schnell enden würde. Zumindest nicht, ohne alle Beweise zusammenzuhaben, und die würde ich erst einige Wochen später in Händen halten. Erst dann würde ich es schaffen, endlich zu handeln und den Plan in die Tat umzusetzen, der seit geraumer Zeit in mir Form annahm. Doch noch war ich nicht bereit dazu.

Am Tag zuvor hatten wir meinen dreiunddreißigsten Geburtstag gefeiert, und obwohl ich früher nie gedacht hatte, dass ich je so alt werden würde, war ich doch zufrieden mit meinem Leben. In mir brodelte es zwar, aber das war ein Zustand, der mir seit Kindheit an vertraut war und mich nicht mehr überraschen konnte. Meine Frau bekam von all dem nichts mit, und das war das Wichtigste.

Ich dachte:

"Das ist alles nur in deinem Kopf."

Ich dachte:

"Halt einfach den Mund und sei still."

Alles, was in dieser Zeit passierte, fiel irgendwie an seinen richtigen Platz, nicht aber der verletzte Körper in meinen Armen, mit dem alles von Neuem begann. An dieser Stelle muss ich Ihnen wahrscheinlich von zwei Dingen erzählen: von dem Vorfall am Naschmarkt und von der Angst, die von da an mein Leben erneut bestimmte. Die Geschichte des kleinen Mädchens erzählt sich allerdings um einiges leichter, auch wenn das für Sie sicher schwer zu glauben ist. Für mich wurde sie zum Neubeginn von etwas, das ich längst in meiner Vergangenheit begraben geglaubt hatte. Nun musste ich von einer Sekunde auf die andere begreifen, dass ich mich selbst belogen hatte. Ich hatte geglaubt, ein ruhiges Leben mit meiner Frau führen zu können, ich hatte mir selbst eingeredet, dass Normalität möglich war. Nun wurde ich eines Besseren belehrt.

Es war ein Samstag. Wir hatten nach dem Aufstehen noch schnell einen Kaffee in der Küche getrunken, bevor ich mich auf den Weg zum Naschmarkt machte, um für ein ausgiebiges Frühstück einzukaufen. Es war Sommer und brütend heiß, also hatte ich nur Jeans und ein weißes T-Shirt angezogen, in der Hand hielt ich eine Tasche für die Einkäufe, die mir meine Frau kurz zuvor in die Hand gedrückt hatte, als sie mich zum Abschied auf den Mund küsste. Ich erinnere mich noch genau an diesen einen Moment in der offenen Tür. Ich glaube, es war das letzte Mal, dass ich Sylvia geküsst habe. Wirklich geküsst, nur aus Zuneigung und Liebe, ohne Hintergedanken, ohne den Kuss als Erpressung zu benutzen, als Absicherung oder gar als Druckmittel. Danach war alles irgendwie anders. Aus dem Stiegenhaus strich ein angenehm kühler Windhauch in das Vorzimmer unserer Wohnung, in der die heiße Luft diesen Sommer ohne Bewegung stand und dafür sorgte, dass man selbst nackt Schweißausbrüche bekam. Meine Frau war wunderschön an diesem Tag, vielleicht wollte ich sie auch nur wunderschön finden, weil ich endlich wieder unbeschwert sein mochte. Unbeschwert und sicher. In ihren zerzausten Haaren erkannte ich erste graue Strähnen, ich sah ihr breites Lächeln und vor allem die feinen Linien im Gesicht, die der Kopfpolster hinterlassen hatte, die kleinen Falten um ihre Augen und die etwas größeren, die sich von ihrem Mund zu ihrer Nase zogen. Meine Frau war einige Jahre älter als ich, was mir j

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