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Wenn es einen noch gibt Ein Familienporträt von Lagercrantz, Rose (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.06.2015
  • Verlag: persona verlag
eBook (ePUB)
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Wenn es einen noch gibt

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg lernen sich die Eltern der Autorin in Schweden kennen: Ella aus dem rumänischen Sighet hat Auschwitz überlebt, der Deutsche Georg hat gegen Hitler gekämpft. Die kleine Rose entdeckt nach und nach, was ihre Familie besonders macht: Manche Verwandte existieren nur auf Fotografien, andere sind über die ganze Welt verstreut. Rose Lagercrantz begleitet ihre Mutter Ella in deren letztem Lebensjahr und schildert die Gespräche und Erlebnisse, die sie auf ihren "Familienreisen" nach Frankreich, Südafrika, Kanada oder Ungarn hatte. Sie will verstehen, was es bedeutet, wenn es einen noch gibt. Lagercrantz' Sprache ist schnörkellos und ruhig. Gerade dadurch entfaltet sie einen starken Sog, sodass es "fast unmöglich ist, sich loszureißen", wie Paula Helgesson im Svenska Dagbladet schrieb.

Rose Lagercrantz wurde 1947 in Stockholm geboren. Sie arbeitete in einem Kindertheater sowie für Funk und Fernsehen, bevor sie zu schreiben begann. Ihre zahlreichen Kinderbücher wurden in viele Sprachen übersetzt und die Autorin mehrfach preisgekrönt. Wenn es einen noch gibt ist ein Buch für Erwachsene.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 04.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783924652708
    Verlag: persona verlag
    Größe: 897 kBytes
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Wenn es einen noch gibt

Georg

Nun muss ich mich beeilen, alles zu erzählen, ehe es ganz verschwindet.

An das meiste kann ich mich erinnern. An die unerklärliche Freude, die ich tagsüber empfand. Am Abend dann die schleichende Angst vor dem, was in unserem Kohlenkeller geschah. Die Angst vor Svenne und Göran, den gefährlichen Schlägern in unserer Straße. Wenn ich die beiden auch nur von ferne sah, stürmte ich nach Hause zu Mama, die mit ihren himmelblauen Augen immer über mir wachte. Aber niemand konnte mir helfen, nur mein starker Papa, Georg. Leider war er fast nie da.

Papa war Geschäftsmann und reiste viel herum, aber manchmal kam er nach Hause und füllte die Luft mit fremden Namen wie Berlin, Dresden und Leipzig. Und das Wohnzimmer füllte er mit Geschenken - ein Gemälde, Porzellanteller, geschmückt mit Rosendekor, oder eine Tischuhr. Er hatte einen Uhrentick. In unserer kleinen Wohnung im Filvägen 9 in Midsommarkransen sammelten sich immer mehr Uhren an. Wir hatten eine Kuckucksuhr, wir hatten eine vergoldete Tischuhr mit einem Hirten und seiner Begleiterin, die einen Hügel hinaufkletterten, und so weiter und so weiter. Allen Uhren gemeinsam war, dass sie nicht gingen.

So viele Uhren, aber keine Zeit. Die Zeit gab es noch nicht. Nur Warten. Warten darauf, dass Mama aufhören würde, in verschiedenen Sprachen zu telefonieren, die ich nicht verstand - Ungarisch oder Rumänisch. Warten darauf, dass ich groß wurde und zur Schule kam. Warten auf Papas Heimkehr, den Kofferraum voller neuer Schätze. Ich durfte ihm helfen, sie aus dem Auto nach oben in die Wohnung zu tragen. Alle Kinder der Straße standen um uns herum und schauten zu.

Wenn er nach Hause kam, ging Papa als Erstes schlafen, denn er war müde, nachdem er lange Strecken mit dem Auto gefahren war. Aber wenn er ausgeschlafen hatte, wurde sein Aufstehen königlich. Er nahm ein Bad in dem kleinen Badezimmer, das vom heißen Wasser dampfte und nach Teerseife roch.

Danach kleidete er sich langsam und in aller Ruhe an. Er pflegte immer eine Weile in Unterhemd und Unterhose auf der Bettkante sitzen zu bleiben, bevor er sich nach seinem elektrischen Rasierapparat streckte.

" Na, Mutze Putze, was machst du ?" [1] , fragte er, wenn er mich, die nicht eine Sekunde von seiner Seite wich, wie zufällig bemerkte.

Er konnte Schwedisch, sprach es jedoch nur, wenn er musste. Ich konnte Deutsch, wollte aber genauso sprechen wie die Kinder auf der Straße.

Eines Tages rutschte mir heraus, wie sehr ich mich vor Svenne und Göran fürchtete. Papa ging zum Küchenfenster, öffnete es und bat mich, sie ihm zu zeigen. Als er sie sah, lachte er schallend und holte eine Kronenmünze aus seiner Hosentasche. Die würde ich bekommen, wenn ich hinuntergehen und jedem Jungen eine runterhauen würde.

"Ich bleibe hier stehen und schaue zu", versprach er.

Was hat er sich eigentlich dabei gedacht? Ich war fünf und Svenne und Göran waren Schuljungen. Diesmal mochte es ja gut gehen, da Papa versprochen hatte, mich zu retten. Aber was würde passieren, wenn er wieder wegfuhr?

Papa war fast immer auf Reisen.

Ich verzichtete auf das Geld.

"Erinnerst du dich noch an Svenne und Göran?", frage ich Mama, als ich sie im Krankenhaus besuche.

Mama schließt die Augen.

"Erinnerst du dich, dass Papa mir eine Krone geben wollte, wenn ich nach unten ginge und ihnen eine runterhaute?"
Sie nickt.

Vor einigen Wochen ist sie gefallen und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Sie ist in ihrer kleinen Wohnung auf der Matte zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer gestolpert, eine gefährliche Stelle für einen Menschen wie sie. Wie oft hatte ich sie schon gebeten, die Matte wegzunehmen, aber davon wollte sie nichts hören. Sie schrie mich an, die Matte würde genau dort liegen bleiben, sie würde schon damit fertig werden, wie sie mit allem anderen in ihrem Leben fertig geworden war.

Sie hat Typh

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