text.skipToContent text.skipToNavigation

Wer die Goldkehlchen stört Roman von Henriksen, Levi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.08.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Wer die Goldkehlchen stört

Jim hat keinen Bock - keinen Bock auf Oslo, keinen Bock auf die furchtbare Musik, die er in den letzten Jahren als Tontechniker produziert hat. Er muss raus und strandet in seinem Heimatdorf, mitten im Nirgendwo in den endlosen Wäldern Norwegens. Auf einer Beerdigung hört er einen dreistimmigen Gesang - und ist wie verzaubert. Es sind drei Geschwister im Alter von 79 plus. Jim verspricht sich Großes von der Rentnertruppe. Schließlich sind seit dem Erfolg des Buena Vista Social Clubs alte Musiker in. Seine Versuche, Kontakt zu den Sängern aufzunehmen, scheitern allerdings kläglich. Da muss Jim einige Tricks anwenden, um das Vertrauen der verschrobenen Senioren zu gewinnen ...

Levi Henriksen wurde 1964 in Kongsvinger/Norwegen geboren. Er ist Musiker, Journalist und Autor und gilt in seiner Heimat als der 'Bob Dylan Norwegens'. Sein Debütroman wurde in Norwegen zum Lieblingsbuch des Jahres gewählt. Mit seinen schrägen Kurzgeschichten zur Weihnachtszeit ist er dort seit Jahren erfolgreich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 13.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641170530
    Verlag: btb
    Originaltitel: Harpesang
Weiterlesen weniger lesen

Wer die Goldkehlchen stört

Kapitel 1

Ich sah die Geschwister Thorsen zum ersten Mal in der Kirche von Kongsvinger. Ich war in der Stadt, um bei einer Taufe Pate zu sein, und selten hat mich ein Sonntagmorgen so heftig und frontal getroffen. Der Vorabend hatte mit einem totalen Absturz geendet. Eine Bande von lokalen Musikern, die laut dem Vater des Täuflings wichtiger für die Modernisierung des Blues war als irgendeine andere norwegische Gruppe, hatte zu Hause ein Konzert abgehalten. Plattenproduzenten wie ich suchen allerdings etwas andere Qualitäten als halb betrunkene Kneipengäste, und dieser Versuch, Rootsmusik in neuer Verpackung zu bringen, hatte mich in den Suff getrieben. Und das Schlimmste war, dass er mich auch noch dazu getrieben hatte weiterzutrinken, obwohl ich braunen Schnaps noch nie vertragen konnte. Als ich am Sonntagmorgen meine Visage aus dem beschlagenen Badezimmerspiegel herauskratzte, kam es mir unmöglich vor, präsentabel genug zu wirken, um vor einem Taufbecken Aufstellung zu nehmen, ganz zu schweigen davon, die Pastorin lange genug anzuschauen und den Namen Hubert so auszusprechen, dass es nicht wie eine Verwünschung klang.

Ich versuchte, Stärke zu finden, indem ich mir das Gesicht des verstorbenen Gitarristen von Howlin' Wolf vorstellte, nach dem der Täufling benannt werden sollte, aber ich sah bloß einen schwarzen Mahlstrom, in den die ganze Welt hineingesaugt wurde. Zwei Kannen Kaffee später konnte ich mich immerhin zur Kirche schleppen, kam aber nur bis zur hintersten Bank und signalisierte den anderen von dort, dass ich mich zuerst ein wenig sammeln müsste, ehe ich nach vorn zu den für Paten und Verwandte reservierten Plätzen gehen könnte.

Ich bin nie besonders gläubig gewesen, aber ganz hinten in Gottes eigenem Tempel musste ich doch an eine Geschichte aus der Bibel denken, die mein Großvater immer gern erzählt hat. Die von Paulus, der auf der Straße nach Damaskus zu Boden geschlagen wird und blind werden muss, um zu sehen. Als ich aus der Kirche stürzte und die Abkürzung über mehrere Gräber nahm, um die Toilette zu erreichen, ehe die Katastrophe zur Tatsache würde, konnte ich mich gerade noch fragen, ob auch mir eine solche Prüfung bevorstand, ehe ich die Tür aufriss und vor dem Porzellanklo auf die Knie fiel.

In der Kirche gab ich mir dann alle Mühe, so wenig wie möglich zu schwanken, ließ mich in einer der ersten Bänke am Rand nieder und versuchte, andere nicht anzuhauchen, aber die neue Frau meines alten besten Freundes kniff die Augen stark zusammen. Ich setzte mich gerade, spannte meine Magenmuskeln an, doch die Schwerkraft machte mir auf eine noch nie erlebte Weise zu schaffen. Der Schweiß brannte mir in den Augen, und ein eisiges Gefühl kroch mein Rückgrat hinauf, wie der Zeigefinger des Todes. Mein Herz pochte doppelt so schnell.

An diesem Sonntag wurden drei Kinder getauft, und die Kirche war fast voll. Zuletzt sollte Hubert Malling in das seichte Becken vor dem Altar getunkt werden, und ich merkte schon, dass ich den Taufgottesdienst nicht bis zum Ende durchhalten könnte. Das Kirchenschiff hatte ein wenig Schlagseite, die groben Bodenbretter wirkten so einladend wie das Innere eines Sarges, und ich wollte gerade aufgeben, als ich von den Geschwistern Thorsen gerettet wurde. Später dachte ich an ihre Stimmen wie an die Hand, die dich packt, wenn du gerade zum dritten Mal untergehst. Ich kann es nur so erklären, dass die Geschwister Thorsen mein verhärtetes Produzentenherz auf eine Weise anrührten, wie das keiner anderen Stimme je gelungen war.

Anfangs wagte ich nicht, mich umzudrehen, aus Angst, die Schweißausbrüche und hämmernden Kopfschmerzen noch zu verstärken, aber als die dritte Strophe begann mit "Die rechten Wege wandle ich, solang ich leb auf Erden", schaute ich doch nach hinten. Ich rechnete damit, auf die kreideweißen Gebisse großbusiger Gospelnebelhörner zu blicken, und musste zweimal hinsehen, um wirklich zu begreifen, wer da mit solcher

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen