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Wer du heute bist Roman von Tiller, Carl F. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.07.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Wer du heute bist

David hat sein Gedächtnis verloren. Eine Anzeige ermutigt alte Bekannte, ihm zu schreiben, um ihm so zu helfen, die eigene Vergangenheit wiederzufinden. Ole, Tom Roger und Paula reagieren, doch welche ihrer mysteriösen Erzählungen stimmen wirklich? Wer lügt, und warum? Wem kann David vertrauen? Im zweiten Teil der Trilogie des Norwegischen Ausnahmeautors Carl Frode Tiller wird David eingekesselt von Vergangenheit und Gegenwart, von Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Norwegen, von erschreckenden Familiengeheimnissen, Drogen, Verbrechen, Gewalt, die bis zum äußersten geht. Wer ist David wirklich? Und was hat all das mit ihm zu tun?

Carl Frode Tiller, geboren 1970, ist ein norwegischer Autor, Historiker, Musiker und Komponist. Er gilt als Meister der psychologischen Zwischentöne. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und in 16 Sprachen übersetzt. "Wer du heute bist" ist nach "Kennen Sie diesen Mann?" der zweite Teil der Trilogie um den gedächtnislosen David.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 09.07.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641178352
    Verlag: btb
    Serie: Innsirkling .2
    Originaltitel: Innsirkling 2
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Wer du heute bist

Namsos, 2. Juli 2006. Von der Bronx nach Otterøya.

Ist das heiß, ich kurbele das Fenster runter und lege den Ellbogen auf die Autotür, sehe auf die Uhr, Viertel vor zwölf, er sollte seit einer Viertelstunde da sein, aber na ja, er kommt bestimmt gleich, ich muss halt noch einen Moment warten. Ich nehme beide Hände hoch und streiche mir über den Schädel, gähne dabei, lege die Hände in den Nacken, verschränke die Finger ineinander und schließe die Augen, bleibe so sitzen und entspanne mich für ein paar Sekunden. Merke, es ist Freitag, das lässt sich nicht leugnen, spüre mit jeder Faser meines Körpers, wie müde ich bin, gut, dass bald Wochenende ist. So verharre ich einen Moment, dann gähne ich noch einmal, öffne die Augen, und da ist er ja, steht hinter dem Einkaufszentrum und unterhält sich mit einem Typen im grün-weißen Domus-Dress, ist das Benjamin, mit dem er sich unterhält, na klar, es ist Benjamin, soso, dann hat Benjamin also einen Ferienjob bei Domus ergattert. Das ist ja klasse, eigentlich bräuchte Jørgen auch einen Ferienjob, seine Tage sind im Moment viel zu lang, er ist zwar etwas spät dran für einen Job, ganz klar, aber ich könnte Torstein fragen, ob er noch vorhat, seinen Stall zu streichen, das wäre ein toller Job für Jørgen, und wenn das nicht klappt, könnte es auch sein, dass ich was für ihn habe, in der Fischzuchtanlage. Muss bald ran ans Impfen, da könnten wir Hilfe gebrauchen, na ja, mal sehen.

Ich strecke den Kopf aus dem offenen Fenster und will gerade nach ihm rufen, aber er hat mich schon gesehen, hebt die Hand und verabschiedet sich von Benjamin, macht eine coole Handbewegung, die er sich von den Rappern im Fernsehen abgeschaut hat, sieht Benjamin dabei nicht mal an, starrt auf den Asphalt und schlendert zu mir rüber. Ich sehe ihm zu, wie er über den Parkplatz schlurft, sehe die weite Hose, seine rote Cap, die er verkehrt herum aufgesetzt hat, und das Rollbrett unter dem Arm. Ich lächele vor mich hin, kann nicht anders, er will so cool wirken, dass es geradezu witzig ist. Ich lege die linke Hand auf das heiße Lenkrad und drehe mit der anderen den Zündschlüssel im Schloss, der Motor stottert und hustet etwas, dann springt er an. In dem Moment fällt mir die Tüte mit den Wein- und Schnapsflaschen ein, die auf Daniels Kindersitz liegt, ich habe vergessen, sie gestern mit reinzunehmen, ich drehe mich um, schnappe meine Jacke und lege sie darüber, weiß nicht, warum ich das mache, Jørgen wird mittlerweile nicht mehr nervös, er hat mich oft genug Alkohol trinken sehen, um zu wissen, dass ich nicht wie sein Vater bin, ich bräuchte die Flaschen nicht zu verstecken. Ich zögere einen Moment, dann ziehe ich die Jacke vom Kindersitz, und die Tüte kommt wieder zum Vorschein, muss ja auch nicht übertreiben, ich drehe mich wieder um, sehe, wie Jørgen stehen bleibt und ein Tabakkügelchen ausspuckt, dann fährt er sich mit der Zunge über die Oberlippe und spuckt noch einmal, geht weiter. Ich beuge mich über den Beifahrersitz. Dort liegt eine leere Flasche Cola neben einem zusammengeknüllten Wurstpapier mit Ketchupresten, und ich fege alles auf den Boden, öffne die Wagentür und richte mich wieder auf, schaue Jørgen an und lächele, als er auf den Sitz plumpst.

"Hallo", sage ich.

"Hallo", sagt er, legt das Rollbrett quer über den Schoß und schlägt die Autotür zu. Er riecht nach Aftershave und Tabak.

"Pass auf, dass das Rollbrett nicht an den Schaltknüppel kommt", sage ich.

"S-k-a-t-e-board", sagt er sichtlich genervt.

"Sorry", sage ich, "ich vergesse immer, dass du aus der Bronx kommst. Aber hierzulande heißt es Rollbrett", sage ich.

"Blödmann", sagt er, sagt es, ohne mich dabei anzuschauen, versucht, verärgert auszusehen, aber ich sehe ihm an, dass er es eigentlich ganz witzig findet, es fällt ihm fast schwer, ein Lächeln zu unterdrücken.

"Kann sein, dass es auf Otterøya Rollbrett heißt, aber hier in Namsos sagen wir Skateboar

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