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Wer reinkommt, ist drin Roman von Carl, Verena (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.02.2012
  • Verlag: Eichborn
eBook (ePUB)
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Wer reinkommt, ist drin

Wer reinkommt, ist drin ist ein Roman über den Aufbruch ins Leben, über Freundschaft und die Leichtigkeit des Seins in den Neunzigerjahren. München in den 90er Jahren. Zwei Frauen (West), ein Mann (Ost). Uli will ihn. Jo bekommt ihn. Uli verzweifelt an den Türstehern der coolen Clubs, Jo an der Unnahbarkeit ihres Vaters. Uli träumt von Eigenheim und semmelblonden Kindern, Jo von journalistischem Starruhm. Doch dann stolpert Uli im Zuge der beginnenden New Economy die Karriereleiter hoch, und Jo wird schwanger. Verkehrte Welt - bis wieder alles ganz anders kommt ... Ein Roman über den Start ins Leben, über Frauenfreundschaft und -konkurrenz, über die Zerbrechlichkeit von Lebensplänen und die Chancen des Zufalls. Authentisch und mit feinem sprachlichen Gespür lässt Verena Carl WG-Küchen, Szene-Clubs und Lifestylemagazin-Redaktionen wieder auferstehen und erzählt dabei ganz nebenbei von einem Jahrzehnt und einem Deutschland kurz nach der Wiedervereinigung, das uns heute gleichzeitig nah und fern scheint in seiner Technikbegeisterung, seiner politischen Unbedarftheit und wirtschaftlichen Sorglosigkeit.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 17.02.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838717678
    Verlag: Eichborn
    Größe: 984 kBytes
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Wer reinkommt, ist drin

Am Tag, an dem die Sonne verschwand, verschwand auch München.

Natürlich war die Stadt nicht einfach weg, so wie in einer Szene aus einem Science-Fiction-Film. Die Frauenkirche stand noch, der Englische Garten und auch die Postfiliale gegenüber Ulrike Beckers türkisfarbenem Haus in der Bergmannstraße. Aber als Ulrike Becker an diesem Augusttag auf die Straße trat, war es, als könnte sie die Wände nicht mehr berühren, als schwebten ihre Fußsohlen einige Millimeter über dem Asphalt, als würden selbst die Staubpartikel, die in der spätsommerlichen Luft flirrten, nicht mehr auf ihrer Haut landen.

Seitdem ihre Bücher in Kisten verstaut, das Geschirr in alte Seiten der Abendzeitung verpackt und die Koffer vollgestopft waren mit Mänteln und selten getragenen Skistiefeln, alles fertig für einen Winterschlaf unbekannter Dauer, ging sie wie eine Museumsbesucherin durch die vertrauten Straßen. Lange war es her, dass sie mit so leichtem Gepäck gereist war. Sie dachte daran, dass sie München mit weniger verlassen würde als vor zehn Jahren ihr Elternhaus.

Sie schlenderte durch die Stadt, die weiter ihren Geschäften nachging, als wäre nichts, und stellte sich vor, wie nach ihrem Wegzug alles verstauben würde. Kupferdächer würden sich grünlich verfärben, und irgendwann würde einer kommen und eine Plastikplane über München legen, so wie über ein Puppenhaus, dessen Besitzerin zu groß geworden war, um mit ihm zu spielen. Die absurde Vorstellung gefiel ihr.

Lange hatte sie am Abend zuvor am Fenster ihrer Dachwohnung gestanden, die Räume leer bis auf einen einsamen Futon, unter sich die schlafenden Autos, auf der anderen Straßenseite der griechische Gemüseladen. Die braun-orange gestreifte Markise war aufgerollt, das staubige Schaufenster von innen mit Zeitungspapier verklebt. Der Besitzer hatte sein Leben angehalten und gegen ein paar Wochen am Meer bei der Familie eingetauscht, so wie jedes Jahr im August. Diesmal schien es ihr, als wäre es für immer.

Ihr Zustand erinnerte Ulrike Becker an das unwirkliche Gefühl, wenn man in einem stehenden Zug saß und die Bahn auf dem Nebengleis schon anfuhr. Die Illusion, unterwegs zu sein, bis einen der Bahnsteig gegenüber wieder an den momentanen Stillstand erinnerte. Restalkohol versetzte sie in einen ähnlichen Limbo, wattig und leicht im Kopf. Vielleicht fühlte sich auch Sterben ähnlich an, oder jemanden Verlassen. Aber damit kannte sie sich nicht aus. Verlassen war nicht ihr Metier. Verlassen war Saschas Metier.

In den letzten Tagen hatte sie wieder viel an ihn gedacht, aber sie war sich selbst nicht mehr böse deswegen. Sascha war ein Teil dieser Stadt. Das war der Unterschied: Sascha blieb. Sie ging. Endlich konnte sie aufhören zu warten. Und sich endlich eingestehen, dass sie nie damit aufgehört hatte. Trotz allem. Zu warten auf einen Anruf, sonntagvormittags aus der Badewanne, Saschas hallende Stimme in dem weiß gekachelten Raum am anderen Ende der Leitung. Zu warten auf eine zufällige Begegnung in einem dieser Cafés im Glockenbachviertel. Auf die Bewegung seiner Augenbrauen, die so geschwungen waren, dass sein Blick immer etwas spöttisch wirkte. Warten auf eine Hand, ein Wiedersehen, Wiederfühlen mit dieser tiefen Senke unter seinem Brustbein. Ulrike Becker dachte, dass sie diese Stelle unter Hunderten heraustasten könnte, genau so, wie sie noch immer eine Karte von den Leberflecken auf seinem Rücken hätte zeichnen können. Eine Körperkarte. Nutzloses Wissen, nicht einmal geeignet für einen Auftritt in einer Talentshow. Seltsam, dass sie ihm nie über den Weg gelaufen war in all der Zeit. Nur dieses Foto hatte es gegeben, schwarz-weiß im Wirtschaftsteil der Süddeutschen, ein zu großer Mann in einem zu weiten Anzug.

Und dann war da noch etwas, auf das sie endlich nicht mehr warten musste. Auf den Moment, in dem sich die S-Bahn-Türen öffnen und zufällig Jo dastehen würde, Jo Sedlacek, oder wie auch

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