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Westermann und Fräulein Gabriele Roman von Münk, Katharina (eBook)

  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Westermann und Fräulein Gabriele

Ein Mann und seine Schreibmaschine Richard Westermann, IT-Vorstand mit einer Schwäche für Friedhöfe, verguckt sich bei der Beisetzung des Schriftstellers Höfer in dessen Schreibmaschine. Kurz darauf zieht das Modell "Gabriele" ein in sein Leben. Als man Westermann dann einen jungen Kollegen als Vorstand "Data" vor die Nase setzt, holt er zum Gegenschlag aus und tauscht seinen Rechner gegen "Gabriele". Sein betriebliches Umfeld hält das für ein geniales Ablenkungsmanöver von seinem eigentlichen Auftrag: der Entwicklung einer ausspähsicheren Krypto-Box. Im Nu stellen Westermann und "Gabriele" den Konzernalltag auf den Kopf. Während Westermann in die entschleunigte analoge Welt eintaucht, geht seine 80-jährige Mutter den umgekehrten Weg: online. Katharina Münk ist neben ihrer Autorentätigkeit Personal Coach für Fach- und Führungskräfte und lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Ihr erster Roman ?Die Insassen? (2009) wurde ein Bestseller. Ihr Name ist ein Pseudonym.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423428378
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 4323 kBytes
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Westermann und Fräulein Gabriele

Der Kranich

Sie stand da wie aus der Zeit gefallen, metallisch schillernd, so ultimativ und irritierend wie der schwarz glänzende Sarg unter ihr. Man konnte ein gutes Leben geführt haben, ohne ein einziges Mal mit ihr konfrontiert worden zu sein. Im Gegensatz zum Sarg. Sie hatte eine seltsam beseelte Präsenz, zog die Sinne auf sich und schien eine Geschichte zu erzählen, Hunderte, Tausende davon, noch bevor ein einziges Wort über den Verstorbenen selbst gefallen war.

Doch der Reihe nach. Der Tag, von dem an in Westermanns Leben nichts mehr so sein sollte wie zuvor, begann mit einem einzelnen vorüberziehenden Kranich. Vielleicht war es ein unverpaart gebliebenes Tier, das schon früh sein Revier irgendwo im Havelland verlassen hatte, um seine Reise zu den Sammelplätzen anzutreten.

Es war der 15. August. Das Kind, kaum vier Jahre alt, unterwegs auf dem neuen Zweirad mit der roten Fahne am Gepäckträger, hob den Kopf zum Himmel. Es konnte den Blick nicht mehr lassen von dem rufenden, langbeinigen Etwas mit den großen, abgespreizten Schwingen. Und dahin war sie, die mühsam eingeübte Motorik. Erst war es nicht mehr als ein Taumeln, eine leichte Gleichgewichtsstörung, das Kind hielt im Fahren noch so gerade die Balance, bevor es auf Höhe des Hauses Nr. 58 in den Kniekehlen eines 54-jährigen Postboten landete. Da war der Kranich schon nicht mehr zu sehen. Der Bote kippte nach vorn, fiel auf den Bürgersteig und mit ihm alle bereits nach Hausnummern sortierten Zustellhäufchen des Zustellgebietes 321. Das Kind bestieg das Rad erneut und hatte bereits die nächste Straßenkreuzung erreicht, als der Mann sich aufrappelte und ihm nachschaute.

Es begann zu regnen, und er beeilte sich, den Papierwirrwarr vom Asphalt aufzusammeln, alles wieder in die dienstliche Obhut zu bringen und erneut nach Hausnummern zu ordnen. Nur dass er vor dem Haus Nr. 58 stand, war ihm nicht mehr bewusst, als er die Post für Haus Nr. 60 in den Briefkastenschlitz gleiten ließ. Haus Nr. 62 hatte an diesem Tag keinerlei Post, was zwar ungewöhnlich, aber nicht ausgeschlossen war. Er bestieg also sein Fahrrad erneut, fuhr in die nächste Straße und verschwand um die Ecke wie zuvor das Kind.

Richard Westermann war ein Mann, von dem man annahm, er sei viel beschäftigt. Er selbst hätte es nicht genau sagen können. Wenn man ihn danach fragte, antwortete er meistens, dies sei wohl Auslegungssache. Die vergangenen zwei Jahre hatte er mit vollem Terminkalender, ohne Urlaub und mit einem Tinnitus verbracht, und manchmal verstand er die Welt nicht mehr. Wenn man das "viel beschäftigt" nannte, dann war er das wohl. Der Umstand, dass er nach der Trennung von seiner Frau sein Privatleben wieder selbst organisieren musste, war für ihn lediglich eine von zahllosen zusätzlichen Herausforderungen, die das Leben mit sich brachte. Er war nicht der Einzige, dem so etwas passierte. Und doch fühlte sich Westermann manchmal wie der einzige Mensch, der einzige verdammte Mensch auf Erden, dem so etwas widerfahren war. Sie hatten immerhin neunzehn Jahre miteinander verbracht, und das Herz ließ sich bedeutend langsamer reorganiseren, als er gedacht hatte.

Am Abend des 15. August schloss er die Haustür auf und nahm die Post vom Boden. Er war drei Tage fort gewesen, aber es gab nur einen einzigen, schwarz umrandeten Brief. Die Anschrift war mit Füllfederhalter geschrieben und vom Regen völlig verwischt. Er drehte den Brief um. Kein Absender natürlich. Wer hatte sich bloß diese dramatische Optik der Briefumschläge ausgedacht, diese fünf Millimeter Druckerschwärze rundherum, die einen erbarmungslos und unmissverständlich einstimmten auf das, was zu erwarten war im Innern. In Bruchteilen von Sekunden war man in Endzeitstimmung, einfach so nach Feierabend, den Pilotenkoffer von der Reise noch in der Hand, rechnete mit dem Schlimmsten, das Herz schlug einmal zu viel oder einmal weniger, und die Zeit blieb ein bisschen st

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