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Wie die Madonna auf den Mond kam Roman von Bauerdick, Rolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.12.2009
  • Verlag: DVA
eBook (ePUB)
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Wie die Madonna auf den Mond kam

Ein Sputnik, eine Madonna, ein Mord

In den Karpaten dämmert das Bergdorf Baia Luna verschlafen vor sich hin. Bis zu jenem verhängnisvollen Morgen am 6. November 1957, als seine Lehrerin dem 15-jährigen Pavel Botev den verstörenden Auftrag zuflüstert, einen Menschen zu vernichten. Pavel steht vor der Mission seines Lebens. Sein Kampf gegen skrupellose Mächte wird zum Kampf um die eigene Freiheit. Leidenschaftlich und mit großer Sprachkraft ist Rolf Bauerdicks Debütroman erzählt, fesselnd und voll tiefgründigem Humor.

Seit dem 6. November 1957 steht die Welt plötzlich Kopf in den transmontanischen Karpaten: Während der Sputnik im All piept, erhält der 15-jährige Pavel Botev einen ungeheuerlichen Auftrag: 'Schick ihn zur Hölle', flüstert ihm seine Lehrerin zu, als er das Foto des neuen Parteisekretärs im Klassenzimmer aufhängt. Des Nachts verschwindet die Lehrerin spurlos, dann findet man den greisen Dorfpfarrer mit durchgeschnittener Kehle, das Ewige Licht in der Kirche erlischt, und aus der Kapelle auf dem Mondberg wird die Madonna geraubt. Pavel versucht, einen sinnhaften Zusammenhang zwischen all diesen mysteriösen Geschehnissen herzustellen - aber erst drei Jahrzehnte später, als der Sozialismus im schwarzen Loch der Geschichte verschwindet, gelingt es ihm, Gerechtigkeit für seine Lehrerin zu erwirken.

Ein bildkräftiger und furios erzählter Roman über die Chiffren der Macht, die Last der Schuld, die Kraft der Freiheit und die Sehnsucht nach Erlösung, ebenso tragisch wie aberwitzig komisch.

Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, lebt im Münsterland. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Theologie wurde er Journalist. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen; seine Text- und Bildreportagen erscheinen in europäischen Tageszeitungen und Magazinen u.a. in Stern, Brigitte, Spiegel, GEO, Playboy und wurden vielfach preisgekrönt, u.a. mit dem Natali-Award (für Menschenrechtsjournalismus) der Europäischen Union und beim Hansel-Mieth-Preis. "Wie die Madonna auf den Mond kam", sein viel beachtetes Debüt, erschien 2009, wurde in zwölf Sprachen übersetzt und 2012 mit dem Europäischen Buchpreis in der Kategorie "Roman" ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 528
    Erscheinungsdatum: 16.12.2009
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641038045
    Verlag: DVA
    Größe: 505 kBytes
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Wie die Madonna auf den Mond kam

Dass die Visionen des Ilja Botev nicht der lichten Gabe des prophetischen Sehens entsprangen, sondern dem Wahn eines irrlichternden Verstandes, daran zweifelte in Baia Luna niemand. Am wenigsten ich, sein Enkel Pavel. In früher Jugend hatte ich die Einbildungen meines Großvaters noch als närrische Hirngespinste abgetan, eine Folge des Einflusses, den der Zigeuner Dimitru Gabor auf ihn ausübte, der sich um die Gesetze von Vernunft und Logik nicht sonderlich scherte. In späterer Zeit jedoch, als der Boden des gesunden Urteilsvermögens unter Großvaters Füßen dünner und zerbrechlicher wurde, hatte ich gehörigen Anteil daran, dass sich der Alte immer heilloser im Netz seiner Fantasmen verspann. Gewiss lag es nicht in meiner Absicht, dass Großvater sich zum Gespött der Leute machte, zum Idioten. Doch was war von einem Schankwirt zu halten, der mit einem Pferdefuhrwerk zu einer verschwiegenen Mission aufbrach? Um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu warnen. Vor dem Raketenforscher Wernher von Braun, vor einer dubiosen Vierten Macht und einem weltpolitischen Debakel gewaltigen Ausmaßes. Und das mit einem geheimen Dossier, einer lächerlichen Abhandlung über das Mysterium der leiblichen Himmelfahrt der Jesusmutter Maria. Handgeschrieben und dreifach eingenäht in das Futter einer Wolljoppe.
Heute sehe ich meinen Großvater Ilja und seinen Zigeunerfreund Dimitru im milden Licht des Alters. Ich weiß um meine Schuld, und ich weiß, was ich den beiden verdanke, auch wenn die Erinnerung an sie in Baia Luna allmählich verblasst.
In diesen Zeiten schaut man nach vorn. Wer innehält und zurückblickt, gilt als Verlierer. Es herrscht Demokratie. Kein Conducator trotzt mehr der Sonne, keine Partei fordert mehr blinde Gefolgschaft, und die staatliche Sekurität steckt aufsässige Untertanen nicht mehr in Kerkerhaft. Jedermann darf denken und glauben, wonach ihm der Sinn steht. Brisante Pamphlete, die einst heimlich außer Landes geschmuggelt wurden, verfasst heute niemand mehr. Die Grenzen zu den Nachbarn sind offen. Wir sind freie Bürger. Unsere Kinder wachsen auf in einem freien Land.
Ich selbst wurde erst spät stolzer Vater zweier Töchter. Sie wurden in Freiheit gezeugt und geboren. Zwei Jahrzehnte sind seither verflogen, als hätte mich ein rasender Uhrzeiger durch die Zeit geschleudert. Früher, im Goldenen Zeitalter des Sozialismus, mangelte es an allem, Zeit jedoch besaßen wir im Überfluss. Mag sein, dass wir sie vertan, dass wir unsere Lebensjahre in öden Warteschleifen vergeudet haben. Heute ist Zeit ein rares, ein kostbares Gut. Mir rennt sie davon, während jüngere Generationen erinnerungslos durch ein immerwährendes Jetzt hetzen. Aber wenn Kinder nicht mehr wissen, wo sie herkommen, wie sollen sie da wissen, wo sie hinwollen?
Wie die Dinge stehen, machen mich meine Töchter bald selber zum Großvater. In Erwartung künftiger Enkel drehe ich die Zeit zurück bis in meine Jugend in den fünfziger Jahren. Wenn ich nun für Kinder und Kindeskinder erzähle, wie die Madonna auf den Mond kam, so hallt in meiner Stimme das Echo meines Großvaters Ilja und des Zigeuners Dimitru nach. Die beiden Freunde träumten ihre Idee von Freiheit, und als kümmerlicher Glutrest inmitten kalter Asche sollte dieser Traum am Ende ihrer Tage seine Erfüllung finden. Aber das sollte ich erst nach jener historischen Weihnacht 1989 verstehen, an der die Goldene Epoche unseres Landes auf dem Müll der Geschichte landete.
Es war der Tag, an dem der große Conducator, an den Händen gefesselt, "Judasbande" zischte, bevor er tränenüberströmt ein letztes Mal die Internationale sang und vor dem Standgericht die trotzigen Worte ausrief: "Es lebe die freie und sozialistische Republik." Doch niemand applaudierte. Niemand schwenkte Fähnchen. Mit seiner Gattin schaffte er gerade noch den halben Weg bis zur Exekutionswand im Kasernenhof von Targoviste. Nicht einmal einen ordentlichen Schießbefehl war der Präsident den

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