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Wie ein Band aus roter Seide Roman von Wong, Cecily (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.10.2015
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Wie ein Band aus roter Seide

Wie eine Liebe, die man sich größer nicht vorstellen kann - so erschien Theresa die Beziehung ihrer Eltern. Ihr Vater vergötterte seine Frau und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Erst bei seinem Begräbnis in Honolulu erfährt Theresa, dass die Ehe auf einer Lüge beruht. Es ist nicht die einzige Lüge in der einst reichen Familie, die 1914 von China nach Hawaii emigrierte und dort nach dem Zweiten Weltkrieg auf einen Schlag verarmte: Schon Theresas Großmutter zerbrach an einem folgenschweren Betrug ihres Ehemannes ... Nach altem chinesischen Glauben verbindet ein rotes Band die füreinander bestimmten Liebenden. Doch wer seiner Bestimmung zuwider handelt, verknotet das Band und verbaut sich und seinen Nachfahren das Lebensglück. Nun erwartet Theresa ein Kind von einem ungeliebten Mann. Es liegt es an ihr und ihrer Mutter, den Knoten zu zerschlagen, damit Theresas Schicksalsband wieder weich und fließend wird wie Seide. Cecily Wong wurde auf der hawaiischen Insel O'ahu geboren und wuchs in Oregon auf. Sie studierte am renommierten Barnard College und gewann mit dem Romananfang von "Wie ein Band aus roter Seide" den Peter S. Prescott Preis. Der Roma ist ihr erstes Buch. Sie lebt in New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 05.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827078148
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 1294 kBytes
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Wie ein Band aus roter Seide

EINS

November 1964

Honolulu, Hawaii

Im Auto riecht es nach Hibiskus. Eine Idee seiner Mutter; dezent, aber frisch, meinte sie. Etwas Lebendiges. Als der Fahrer aus der Einfahrt rollt, ist er seiner Mutter ausnahmsweise einmal dankbar fürs Einmischen. Er atmet tief durch. Der süße Duft wirkt schon auf seine Stimmung.

Der Fahrer schaltet das Radio ein und sofort wieder aus, ohne überhaupt zu erkennen, was gerade läuft. Er überlegt, was sie jetzt gerne hören würden, und dreht abermals am Knopf, wählt den Lokalsender, der alte hawaiianische Mele -Lieder spielt. Das Klimpern der Ukuleles und die warmen Klänge der Ipu-Trommeln erfüllen den Wagen, während er Gas gibt, um es gerade noch über die Ampel am Ende der Straße zu schaffen.

Inzwischen hat er sich gesammelt und ist immerhin so entspannt, dass er mit einem Finger halbwegs im Rhythmus aufs Lenkrad klopft. Der Verkehr fließt leicht dahin, und auch ihm wird leichter ums Herz. In East Honolulu gibt es in seinem Metier keinen schlimmeren Gegner als den Verkehr.

Wie im Flug rast der Mann über vier gelbe Ampeln und erreicht das Haus in Rekordzeit - eine ganze Minute schneller als beim letzten Testlauf am Abend zuvor; da hatte er kurz vor der Einfahrt gebremst und auf die Uhr geschaut: Es war fast Mitternacht. Doch an diesem Morgen fährt er zum ersten Mal weiter an der Steinwand entlang durchs offene Tor. Zum ersten Mal sieht er die ganze Fassade des grau gestrichenen Hauses, das flacher und breiter ist, als er vermutet hatte, und genauso finster wie dieser traurige Tag.

Als er aus dem Auto steigt, fallen ihm seine schmutzigen Schuhe auf. Für ein Mal Schuheputzen hätten die Einnahmen durchaus gereicht, stattdessen hat er jedoch drei weiße, quadratische Taschentücher gekauft und für alle Fälle im Handschuhfach deponiert. Er ist schließlich Taxifahrer, so seine Überlegung. Da sind prüfende Blicke aufs Schuhwerk selten, zumal nur die wenigsten es überhaupt je zu Gesicht bekommen. Und sollten die trauernden Frauen in seinem Wagen Tränen vergießen, kann er ihnen so wenigstens ein sauberes Taschentuch anbieten. Doch plötzlich überkommen den Mann Zweifel. Fluchend geht er in die Hocke und wischt sich mit den Fingerspitzen den Staub von den Schuhen.

Der Eingang liegt leicht versteckt in der Mitte des hufeisenförmigen Hauses, zurückgesetzt zwischen zwei identischen Gebäudeflügeln mit breiten Fenstern, deren weiß gestrichene Läden geschlossen sind. Auch die Tür ist weiß, mit goldener Klingel und goldenem Knauf. Als der Fahrer läutet, bleibt alles still.

Er wirft einen Blick auf die Uhr: Er ist pünktlich, fast auf die Sekunde. Er tritt zwei Schritte zurück und entspannt seine Hände, als er merkt, dass sie zu Fäusten geballt sind. Ohne Vorankündigung dreht sich der Knauf, langsam schwingt die Tür auf, und da steht sie: vornehm, elegant, ernst. Ruhig. Amy Leong sieht in etwa so aus, wie er sie sich vorgestellt hat, nur älter. Ein bisschen, jedenfalls im Vergleich zu dem Bild, das letzte Woche herauskam. Ihre Haut wirkt dünner, besonders unter den Augen, wo sie sich spannt wie feuchtes Reispapier und zarte Äderchen durchscheinen lässt.

"Guten Morgen", sagt der Fahrer mit einem Nicken, bei dem er kurz den Blick senkt, um seinen Augen eine kleine Pause zu gönnen. "Ich bin Ihr Fahrer."

Amy Leong lächelt. Mund- und Augenwinkel heben sich, doch sie wirkt erschöpft, fast so, als wäre schon diese Anstrengung zu groß. Sie nickt, dreht sich um und verschwindet mit raschen Schritten im Eingangsflur.

Sekunden später taucht sie wieder auf, in Begleitung ihrer Tochter. Theresa , erinnert sich der Fahrer, sprachlos, denn auf diesen Anblick war er nicht gefasst. Niemand hatte ihn vorgewarnt: Amy Leongs Tochter ist hochschwanger. Mit schwingenden Armen, jeder Schritt ein Balanceakt, verlagert Theresa das Gewicht ihres gewölbten Bauchs mühsam von ein

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