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Wiegenlied für kleine Ganoven Roman

  • Erscheinungsdatum: 11.05.2015
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Wiegenlied für kleine Ganoven

Kindsein heißt geliebt werden. Vertrauen gewinnen. Schutz finden. Doch für die zwölfjährige Baby steht die Welt Kopf. Ihre Mutter ist tot. Der Vater - eigentlich ein liebenswerter Chaot - kümmert sich eher um seine Heroinsucht als um seine Tochter. Und Baby muss sich ihre eigene kleine Welt zurechtzimmern. Das eigensinnige Mädchen besitzt eine außergewöhnliche Gabe dafür, Geschichten zu erfinden. Und die kleinen Krümel Glück aufzulesen, die das Leben ihr zuwirft. Doch so sehr sie sich eine unbeschwerte Jugend erträumt, so sehr schwebt sie in Gefahr. Denn auf den Straßen von Montreal locken riskante Abenteuer, trügerische Verheißungen von Geborgenheit und Liebe. Und Baby muss lernen, dass sie ihr Schicksal in die Hand nehmen muss, um ein Stück vom Glück zu finden. Heather O'Neill schreibt Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Drehbücher und ist zudem als Journalistin tätig. Sie wurde in Montreal geboren, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit im Süden der USA und lebt inzwischen wieder in Kanada. "Wiegenlied für kleine Ganoven" ist ihr erster Roman, der 2007 Canada Reads gewann und auf der Shortlist für den renommierten Orange Prize stand. In Kanada war das Buch ein Sensationserfolg, und auch international wurde es zum preisgekrönten Bestseller. In der Presse wurde Heather O'Neill als eine der einflussreichsten Frauen Kanadas gefeiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Erscheinungsdatum: 11.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641178703
    Verlag: btb
    Größe: 639 kBytes
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Wiegenlied für kleine Ganoven

Leben mit Jules

1

Kurz vor meinem zwölften Geburtstag zogen mein Vater Jules und ich in eine Zweizimmerwohnung in einem Haus, das wir das "Ostrich Hotel" nannten. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals vorher mit einem Taxi irgendwohin gefahren zu sein. Es setzte uns in der Durchfahrt hinter dem Gebäude ab, wo alle Mauern mit hübschen Graffiti bemalt waren. Es gab eine Comic-Kuh mit einem traurigen Gesicht und ein Mädchen mit einer Sauerstoffmaske, das ein winziges Baby auf dem Arm hielt.

Jules trug eine Pelzmütze und eine lange Lederjacke. Er hatte es eilig, unsere Sachen aus dem Taxi zu holen, weil es so kalt war. "Scheißverdammter, blöder, bekackter Drecksack, ist das kalt!", brüllte Jules. Etwas anderes konnte man gar nicht sagen, wenn man bei dem Wetter rausging. Ich glaube, er stand außerdem unter Schock, weil der Taxifahrer ihm zehn Dollar berechnet hatte.

Jules nahm einen Koffer mit seinen Kleidern in die eine Hand und einen Plattenspieler in einem weißen Koffer in die andere. Ich war sicher, dass er ihn fallen lassen würde, weil er Lederschuhe mit flachen Sohlen trug, in die er sich im Armeeladen unsterblich verliebt hatte. Sie besaßen kein Profil, deshalb machten seine Füße darin den lustigen Eindruck, als würden sie sich in alle Richtungen gleichzeitig bewegen. Er rutschte genau vor der Tür des Hotels aus und musste auf den Knien landen, um den Sturz abzufangen.

Ich trug meinen eigenen kleinen Vinylkoffer mit grünen Blumen und meinem Namen, Baby, in schwarzem Edding darauf, der vollgestopft war mit meinen Kleidern und Hausaufgaben. Außerdem hatte ich eine Plastiktüte voller Puppen, die ich auf dem Boden hinter mir herschleifte.

Auf der Glasscheibe über der Eingangstür stand in goldener Schreibschrift "L'Hotel Austriche". Das bedeutete natürlich "Das österreichische Hotel" und hatte nichts mit dem englischen Wort für Strauß, ostrich, zu tun, aber Jules war nicht besonders gut im Lesen. In den Fluren hingen überall altmodische Heizkörper mit Rosenmustern darauf. Jules liebte die Heizkörper. Er sagte, sie seien das Einzige, was eine Wohnung warm halten könne. Man musste auf einem geblümten Teppich stehen und sich die Stiefel abputzen, bevor man die Treppe hinaufging. Jules hatte den Schlüssel schon vorher abgeholt, deshalb ignorierten wir die Frau einfach, die am Empfang schlief.

Die Wohnung war klein, es gab ein Wohnzimmer und hinten einen winzigen Raum für mich. Wie alle Wohnungen in den Hotels dieser Straße war sie möbliert. Die Tapete machte gar keinen schlechten Eindruck, obwohl sie sich an einigen Stellen nahe der Decke gelöst hatte. Sie war blau und hatte hier und da schwarze Sternchen. Der Teppich war so abgenutzt, dass man nicht erkennen konnte, welches Muster er mal gehabt hatte, und der Lichtschalter war praktisch schwarz von so vielen Händen, die ihn an- und ausgeknipst hatten.

Die Wohnung roch genau wie unsere letzte nach feuchten Kleidern und Haschisch. Als wäre ein Blumenladen in Brand geraten und alle Blumen würden verbrennen. Mir war jede Wohnung recht, solange es keine bernsteinfarbenen Kakerlaken gab, die in Löchern verschwanden. Vor dieser Wohnung hatten wir eine größere gehabt, die allerdings nicht warm blieb, die Hitze aus den elektrischen Heizleisten brachte Jules nur zum Schwitzen, und danach wurde ihm noch kälter.

Am Ende waren wir ziemlich plötzlich aufgebrochen. Jules hatte Angst, dass ein Freund namens Kent ihn im Schlaf ermorden könnte. Kent war nach Oshawa gefahren, um den Winter über in einer Skistockfabrik zu arbeiten, und hatte seine beiden E-Gitarren, einen Verstärker und eine Tasche Kleider im Tausch gegen zwei Stangen Zigaretten bei uns in der Wohnung untergestellt. Es waren Reservatszigaretten, auf jeder Schachtel waren drei Federn. Jules rauchte sie eine nach der anderen, als verfügte er über einen grenzenlosen Vorrat. Obwohl er sagte, sie schmeckten wie gehäckselte Autoreifen und Hühner

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