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Wir leben hier, seit wir geboren sind von Moster, Andreas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.04.2017
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Wir leben hier, seit wir geboren sind

Ein Fremder kommt in das abgelegene Dorf in den Bergen, das vom Kalkabbau lebt. Fünf Freundinnen beobachten Georg Musiel dabei, fünf Mädchen, die kein Kind mehr sind und noch nicht Frau. Musiel soll die Leere des Kalksteinbruchs bestätigen - doch mit dem Steinbruch stirbt das Dorf, und deshalb wird Musiel argwöhnisch beobachtet. Als ein Unfall geschieht, kommen Ereignisse ins Rollen, ein Mädchen verschwindet und die Dorfbewohner müssen sich entscheiden: Folgen sie den Vätern oder wagen sie den Schritt in eine unbekannte Welt? Eine archaische Geschichte vom Ende einer Ordnung, riskant und intensiv erzählt. Andreas Moster lebt als Übersetzer in Hamburg. Wir leben hier, seit wir geboren sind ist sein erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 24.04.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732540556
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1711 kBytes
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Wir leben hier, seit wir geboren sind

1

Ein Mann kommt in unser Dorf und dreht die Steine um und die Köpfe der Mädchen. Die Steine liegen auf einer weißen Mauer, die das Dorf vor dem Hang schützt. Die Mädchen sitzen auf dem Dorfplatz und beobachten, wie der Mann die Steine umdreht. Der Mann schlendert an der Mauer entlang, hebt die Steine mit der rechten Hand hoch und legt sie verkehrt herum wieder zurück. Die Köpfe der Mädchen folgen den langsamen Bewegungen des Mannes, der an der Mauer entlanggeht. Er trägt einen Koffer in der linken Hand, seine schmale, hochgewachsene Gestalt ist leicht nach links geneigt, wegen der Schwere des Koffers. Die Mädchen haben gesehen, wie der Mann den Koffer aus dem Zug gehoben hat. Sie haben nichts zu tun, ihre Langeweile liegt in der schweren Luft wie ein Gewitter, ihre Hände liegen zwischen den Beinen, während sie den Mann beobachten, der an der weißen Mauer entlanggeht und die Steine umdreht. Als der Mann das Ende der Mauer erreicht, halten die Mädchen den Atem an. Der Mann dreht den letzten Stein um und stellt den Koffer ab. Es kann nun alles passieren: Der Himmel kann aufgehen, der Berg kann ins Tal stürzen, der Mann kann zu Boden gehen. Die Mädchen können ihn ausweiden, bei lebendigem Leib. Aber wir tun nichts. Sitzen nur da, die Hände zwischen unsere Beine gelegt, beobachten, wie der Mann den Koffer hochhebt und den Dorfplatz überquert, eine schmale, hochgewachsene Gestalt, die von außen in unser Dorf gekommen ist.

Noch in der Nacht träume ich von dem Mann. Das Gewitter ist zwischen den Bergen hängen geblieben und kann nicht fort. Immer wieder rollt es mit gesenktem Kopf gegen den Hang, donnert gegen die Felsen und taumelt wutentbrannt ins Dorf zurück, schleudert uns seine Blitze vor die Füße und spuckt uns ins Gesicht, bis es müde wird. Das sanfte Grollen treibt mich in den Schlaf. In meinem Traum öffnet der Mann seinen Koffer und nimmt eine Welt heraus, ein Messer, ein Geschwür im Unterleib, ein Kind. Der Mann legt die Dinge vor mir auf den Tisch: die Welt, das Messer, das Kind. Mit dem Messer schneidet er die Welt in zwei Hälften, ich soll mir eine aussuchen, aber die Hälften sind gleich, und ich kann mich nicht entscheiden. Das Geschwür im Unterleib brennt wie ein schwarzer, zu einer Nuss verdichteter Stern. Ich will den Mann bitten, es mit dem Messer herauszuschneiden, doch meine Stimme ist leer und hohl, und meine Bitte haucht tonlos gegen seine Wange.

"Sprich lauter, Kind."

Ich bin kein Kind mehr. Ich kann nicht sprechen. Der Mann steckt seinen Finger in meinen Mund und prüft die Stimmbänder, indem er daran entlangfährt wie an einer Bogensaite. Ich mache ein Geräusch, und der Mann fährt mit dem Finger über meine Zunge und aus meinem Mund heraus.

"Du kannst sprechen, Kind."

Ich bin kein Kind mehr. Ich versuche zu sprechen.

"Nimm die Nuss heraus."

Meine Stimme ist das Krächzen eines am Boden liegenden Vogels. Der Mann hebt mich auf und nimmt mich in seine Hände. Als er mich mit dem Finger aufmacht, schreie ich und werde wach von dem Schrei.

Das Gewitter liegt geschlagen am Hang. Es hat die Gestalt eines Bocks, die Hufe ragen steif in die Straße hinein, der Kopf ruht in einer Mulde, die sich langsam mit Tränen und Speichel füllt. Die Hörner zerwehen im Mondlicht. Vom Fenster aus beobachte ich die Auflösung des Bocks. Die Wolkenfetzen ziehen nach Norden ab, tiefer in die Berge hinein, zur Ruhestatt der Böcke. Am Morgen wird die Luft klar sein, von allem Schmutz gereinigt. In diesem Frühjahr sind die Gewitter zahlreich gewesen. Der Mann kommt in ein sauberes Dorf, der Schmutz klebt an den Bäuchen der Böcke, mit denen sie über das Pflaster schleifen, Nacht für Nacht.

Der Traum folgt mir in den Tag hinein. Beim Frühstück schneide ich das Brot in zwei Hälften, mein Vater kann sich nicht entscheiden und schaut mich misstrauisch an, vielleicht ahnt er, was der Mann in der Nacht mit mir getan hat. Er nimmt eine Brothälfte und drückt meine Hand z

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