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Wir sind die Lebenden Roman von Gelich, Johannes (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.01.2013
  • Verlag: Haymon Verlag
eBook (ePUB)
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Wir sind die Lebenden

Er ist ein Faultier und ein Träumer, er ist mürrisch, liebenswert, wohlhabend und großzügig: Nepomuk Lakoter. Als er eines Tages stürzt und sich das Bein bricht, ist der verschrobene Müßiggänger keineswegs unglücklich darüber. Mit Liegegips an sein geliebtes Kanapee gefesselt, engagiert er eine rumänische Haushälterin. Doch mit Amalias Einzug ist erst einmal Schluss mit dem beschaulichen Leben. Mit ihren Putzanfällen stört sie seine Ruhe und treibt ihn an, endlich sein Leben in die Hand zu nehmen. Und so ganz nebenbei hätte sie auch noch eine schöne Nichte für ihn ... Johannes Gelich gilt als einer der interessantesten Autoren der jüngeren Generation in Österreich. In seinem vergnüglich-rasanten Roman macht er mit einem Aussteiger bekannt, der in Sachen Antriebslosigkeit dem großen Oblomow um nichts nachsteht. Ein ebenso satirisches wie sinnliches Sittenbild unserer Zeit und zugleich eine Hommage an die verlorene Generation der heutigen 40-somethings. Johannes Gelich, geboren 1969 in Salzburg, studierte Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien. Zuletzt erschienen die Romane Chlor (2006) und Der afrikanische Freund (2008), der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorabgedruckt wurde. Zahlreiche Preise und Stipendien. Lebt mit seiner Familie in Wien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 23.01.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709976043
    Verlag: Haymon Verlag
    Größe: 2459 kBytes
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Wir sind die Lebenden

1

D er glasig blaue Rauch schwebte in meinem Kabinett wie ein dicker Buddha-Geist, der einem Flaschenhals entstiegen war. Ich blickte den Rauchschwaden hinterher und hörte im Hof den Formel-1-Motor eines Videospiels aufheulen. Ein Kind schrie, die Stimmen anderer Kinder kreischten dazu, und vom nahen Bahnhof ertönte der Pfiff eines abfahrenden Zuges. Ich malte mir die Stimmung im Inneren der Abteile aus, in denen sich die Passagiere für die lange Fahrt nach Paris oder Bukarest einrichteten. Mir war mein Krankenlager schon so vertraut, als hätte ich nie anders gelebt, bis mich die Geräusche Amalias in der Küche daran erinnerten, dass nichts mehr so war wie früher.

Nach meinem Unfall hatte mir meine Schwester angeboten, bei ihr zu wohnen, aber ich lehnte ab, da sie nicht gezögert hätte, ihre Macht über mich auszuspielen. So kam mir Amalia ins Haus, die es aus dem moldauischen Kuhdorf Piatra Neam t nach Wien verschlagen hatte. Ich bewohnte seit vorigem Jahr eine ebenerdige Portierwohnung, in die ich vom zweiten Stock hinuntersiedeln hatte müssen, weil die Eigentümerin die obere Wohnung angeblich für eine Wohnungszusammenlegung benötigte. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass sie mich gerne aus dem Haus gehabt hätte, aber sie hatte die Rechnung ohne mich gemacht. Ich dachte nicht daran auszuziehen, da ich Umzüge verabscheute wie nichts sonst auf der Welt. Die Wohnung im Parterre bestand aus zwei kleinen Kabinetten und einem Vorraum, der zugleich als Bad und Küche diente. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus überließ ich das größere Kabinett meiner Heimhilfe Amalia und zog mich in das kleinere zurück, in dem ein altes, zerschlissenes Kanapee stand, auf dem ich die Tage liegend und rauchend verbrachte. Das Kanapee füllte das Kabinett der Breite nach aus, daneben befand sich die Kommode, deren Läden offen standen und aus denen alte, muffige Kleidungsstücke heraushingen. Die Oberfläche der Kommode war, wie die gesamte Wohnung, mit einer dicken Staubschicht bedeckt, auf der man mit dem Zeigefinger hätte schreiben können. Überhaupt legte ich keinen besonderen Wert mehr auf Ordnung. Ordnung wozu und für wen? Am Boden des Kabinetts lagen Scherben von Tassen und Gläsern, die unter den Schuhsohlen knirschten, was Amalia schier in den Wahnsinn trieb. Mich störte die Unordnung nicht, und wenn mich meine Schwester besuchte und sich darüber empörte, gratulierte ich mir insgeheim zu meiner Verwahrlosung. Als ich Judith von der bevorstehenden Übersiedlung erzählt hatte, mokierte sie sich über die Vorgehensweise der Wohnungsbesitzerin, aber ich erklärte ihr, dass ich darüber gar nicht so unglücklich sei. Die kleinere Portierwohnung sei billiger und ich würde für mich allein nicht wirklich mehr Platz benötigen. Hauptsache ich müsse nicht aus dem Haus, Hauptsache ich bräuchte keinen Möbelwagen. Sie betrat die dunkle Portierwohnung mit dem allergrößten Widerwillen und rief entrüstet aus, die Wohnung sei doch nicht standesgemäß. Sie verwendete tatsächlich das Wort standesgemäß und auch das Wort Prestige. Sie behauptete, die Portierwohnung entspreche doch nicht dem Prestige unserer Familie.

Zu den enervierenden Besuchen meiner Bekannten kamen die viel schlimmeren Nachrichten aus dem Radio. Ob ich wollte oder nicht, hörte ich jeden Tag das Mittagsjournal und war den Berichten aus Fukushima hilflos ausgeliefert. Ich sah mich noch immer auf meinem Sofa liegen, wenn alle längst in ihre Luftschutzbunker und Keller geflüchtet waren, nachdem die radioaktive Wolke unser Land erreicht hatte.

Wir hielten bei Tag dreizehn nach dem Erdbeben, ein vierundsechzigjähriger Gemüsebauer in der Stadt Sukagawa, Präfektur Fukushima, hatte sich am Vortag das Leben genommen, da er zu der Überzeugung gekommen war, dass sein Gemüse wegen radioaktiver Kontamination unverkäuflich sei. Zu meiner Bewegungsunfähigkeit kam erschwerend hinzu, dass meine Wohnungstür ihren Namen gar nicht verdiente, denn

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