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Wir zerschneiden die Schwerkraft Erzählungen von Fuchs, Irmgard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.08.2015
  • Verlag: Verlag Kremayr & Scheriau
eBook (ePUB)
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Wir zerschneiden die Schwerkraft

Klem schickt Sehnsuchtsbotschaften per Silvesterrakete zu den Sternen. Ein alter Mann flüchtet in seinen Koffer und treibt mit diesem durchs All. P. Gruber zerpflückt im Zuge mehrerer Bewerbungsschreiben sein Leben und am Ende bleibt nur eine Insel. Es ist die Frage nach der eigenen Daseinsberechtigung, die in den Erzählungen von Irmgard Fuchs immer wieder auftaucht. Die Figuren zweifeln an sich selbst, an der Wirklichkeit und an der Welt im Allgemeinen. Sie haben ihre Schwerkraft verloren, gewinnen dadurch allerdings eine Freiheit, die es ihnen erlaubt, anders zu sein. Irmgard Fuchs beeindruckt durch ihren genauen Blick und ihren eigenwilligen Ton, der poetisch und leicht, verträumt und ironisch zugleich ist. In ihren Erzählungen versetzt sie die Welt in eine Schieflage: Alltägliches kippt ins Groteske, das Groteske wirkt plötzlich ganz normal.

Irmgard Fuchs wurde 1984 in Salzburg geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Berlin sowie Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst. Etliche Preise, Stipendien und Auszeichnungen, zuletzt: Wiener Literatur Stipendium 2013, Nominierung zum Leonce-und-Lena-Lyrikpreis 2015. 'Wir zerschneiden die Schwerkraft' ist ihr erstes Buch.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 17.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783218010139
    Verlag: Verlag Kremayr & Scheriau
    Größe: 914 kBytes
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Wir zerschneiden die Schwerkraft

Napoleon, mon amour

In der Pause der Samstagsmatinee stürmen die Zuhörer, einer Massenpanik gleich, aus dem Konzertsaal und hin zum Buffet. Es ist noch früh am Tag und doch gieren sie bereits nach den Weingläsern, Weißwein vor allem, weil der rote ihnen am Vormittag zu schwer ist, zumindest behaupten sie das voreinander, um nicht als Trinker dazustehen.

Während sie darauf warten, dass die Buffetdame sie nach ihren Wünschen fragt, sind ihre Münder, die durch die überteuerten Brötchen kurz von jeder Redeschuld befreit sein werden, bereits halb geöffnet. Wenig später rutschen sie kauend in den guten Schuhen hin und her, flanieren auf dem Parkett und halten die Stiele ihrer Gläser fest umklammert, als würde das Gefäß sie führen und erst ihre aufrechte Haltung ermöglichen. So bleibt es, bis das Klingeln den Frieden der Pause zerreißt. Beim ersten Signal widersteht das Publikum noch und will sich nicht von einer Klingel dazu zwingen lassen, in den Konzertsaal zurückzugehen, wo die Luft schlecht und die Beinfreiheit eingeschränkt ist. Doch schon beim zweiten Klingeln überkommt alle eine Unruhe, denn was wäre, wenn die richtige Tür nicht mehr auffindbar wäre oder schlimmer noch, ein anderer den eigenen Platz eingenommen hat und den roten Polstersessel mit seinem fremden Hintern flach drückt?

Am Ende bleibe nur ich übrig. Ich widersetze mich dem Klingeln nicht, denn es meint gar nicht mich, weswegen ich auch kein halbleeres Glas mit zu viel Wucht auf einen der Stehtische stelle, und schon gar nicht suche ich, verzweifelt rufend, meine verloren gegangene Begleitung auf der Toilette. Ich bleibe stehen. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, überblicke ich das Gläsermeer vor mir, innen leer, doch außen voller Fingerabdrücke, verbrauchtes Geschirr, das bis zur nächsten Pause nicht mehr benötigt wird, wo ich wieder hier stehen werde, mit den Händen hinter dem Rücken, während der Zeiger auf meiner Armbanduhr, die du immer so abscheulich gefunden hast, die Zeit schneller vergehen lässt als meine nur mit dem Mindesten entlohnte Wahrnehmung.

Kein Glas, kein Feuer, kein Augenkontakt. Unauffällig, freundlich. Stolz auf die Uniform, die mich zu einem Bestandteil des Hauses macht. So soll ich mich fühlen, und ich bleibe noch für einen Moment im Pausenfoyer stehen und überlege, ob mich hier überhaupt irgendjemand als mich selbst wahrnimmt. Mich, die nicht mehr ganz junge, aber doch vom Leben noch etwas erwartende Exfrau, von deren Schicksal niemand erfährt, weil es nicht in die für alle gleiche Uniform eingeschrieben ist. 100% Polyester steht stattdessen darin und dass man sie nicht waschen darf.

Meine Augen sind geschlossen wie vor einem Kuss. Im Pausenfoyer ist es still, und ich kann in Ruhe zuhören, wie jedes Glas von den Serviererinnen in die Hand genommen und auf ein Tablett gestellt wird. Ich vernehme einzelne Töne klassischer Musik und versuche ganz genau hinzuhören, ob das Konzert schon weitergegangen ist. Die Musik entpuppt sich als Handyklingeln im Gilet einer Servicekraft. Da schrillt jedoch erneut das Klingelsignal, das sonst nur den Beginn oder die Fortsetzung des Konzerts ankündigen darf, und weil dies so ungewöhnlich ist, beunruhigt es mich. Klingt so der Katastrophenalarm? Ist das jetzt der Notfall, für den ich bezahlt werde? Ich drehe mich einmal um mich selbst, wie ein Hund, der seinen Schwanz fängt. Ich lausche, aber es folgen weder Pfeifton noch Sirenen. Nur Helmut, ein Arbeitskollege, der in seinen Pausen immer zu mir kommt, taucht auf.

Wenn jetzt bloß eine Flut käme. Bis in den ersten Stock müssten die Sturzwellen reichen. Das Wasser müsste sich seinen Weg über alle Absperrungen und Hindernisse hinweg bahnen, Fensterscheiben einschlagen und in die Körper derer vordringen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hätten. Wasserunmengen müssten es sein. Sie würden durch die Türen gedrückt. Auch die stärksten Wände könnten sich nur kur

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