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Wojna von Larrue, Arthur (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2014
  • Verlag: Wagenbach
eBook (ePUB)
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Wojna

In diesem sprühenden Roman zeigt Arthur Larrue mit viel Komik ein ernstes Bild des heutigen Russlands, in dem sich mutige Künstler gegen die rigide Staatsmacht auflehnen. Eine Nacht in Sankt Petersburg. Genervt verlässt der Erzähler seine Freundin mitten in der Nacht, um in der Wohnung einer Bekannten unterzuschlüpfen. Doch schon im Treppenhaus begegnet ihm die Nachbarin, ein altes Weiblein, das mit Marihuana handelt und offenbar durch die Wände sehen kann. Und die Wohnung selbst ist nicht leer. Wer dort in der Küche sitzt, die mittels des Gasherds auf Körpertemperatur hochgeheizt wird, ist ihm sofort klar. Die anarchische Künstlergruppe Wojna, berühmt, berüchtigt und gesucht, hat sich eingenistet und plant offenbar neue Aktionen. Sie sind radikal, absolut und kompromisslos politisch. Kommissar Komarow verbringt die Nacht im Büro, erfolglos darum bemüht, seine heimliche Sympathie für Wojna vor sich selbst zu verbergen und alle Hinweise auf ihr Versteck zu übersehen. Doch die alte Nachbarin mit der Hanf-Plantage fasst einen hinterhältigen Plan. Larrue, geboren 1984 in Paris, unterrichtete vier Jahre lang an der Universität in Sankt Petersburg. Er hat drei Monate mit den Künstlern im Untergrund gelebt. Wegen der Veröffentlichung seines ersten Romans Wojna verlor er seine Stelle und das Visum.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 112
    Erscheinungsdatum: 10.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783803141507
    Verlag: Wagenbach
    Serie: Quartbuch
    Originaltitel: Partir en guerre
    Größe: 1753kBytes
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Wojna

1

"Das bedeutet überhaupt nichts ..."

Esther stand nackt mitten im Zimmer. Bis eben noch hatte sie wild geschrien, vor Wut gezittert. Ich antwortete nicht. Musterte stumm ihren puppenhaften Körper, bis er mir nur noch wie eine leere Hülle vorkam. Da die Falte am Ansatz ihrer Brust, dort die prallen, rasierten Lippen ihres Geschlechts. Ich stellte mir vor, wie ich mich auf sie warf und ihr das Herz herausriss. Es hätte die Größe und Farbe einer gekochten Roten Beete, einer blutenden Roten Beete, die meine Fingernägel violett färben würde. Dieses Bild einmal im Kopf hatte tatsächlich nichts von dem, was sie sagte, die geringste Bedeutung. Sie setzte sich auf den Rand der Badewanne, um sich die Zehennägel rot zu lackieren. Ich rührte mich nicht von der Stelle und dachte an gar nichts mehr, vergaß sogar die gekochte Rübe. Als wir uns danach schlafen legten, schmiegte sie sich an mich, wiederholte, was sie zuvor schon gesagt hatte, und ich reagierte wieder nicht.

"Es bedeutet doch nichts, oder?"

Durch das Fenster vor dem Bett sah ich in die Nacht hinaus. Die Lichter von Sankt Petersburg flimmerten im Regen. Es war finster und trüb. Die Stadt schien sich in Dunst zu verwandeln und die Gebäude in ihrem kranken Gift zu ertränken. Der Anblick weckte eine morbide Stimmung in mir. Ich wollte darin zergehen und mich auflösen, wie ein Alkoholiker sich in seinem Trinken auflöst, um herauszufinden, was von ihm übrigbleibt, wenn sein Körper sich verflüssigt hat. Herausfinden, was bleibt, wenn man in die Nacht eingetaucht ist. Das war es. Sie sagte es noch einmal, aber es war mir egal. Ich starrte in die Dunkelheit und auf die unheimlichen Lichter.

"Sag es bitte, sag mir, dass es nichts bedeutet ..."

Sie schlief ein, und ich ging. Ihre warmen Pobacken hatten an meinem Rücken gelegen. Als ich aus dem Bett stieg, packte mich die nasse Kälte. Ich machte kein Licht. Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Sie lag mit angezogenen Knien im Bett, die rechte Hand unter dem Kopfkissen und der Mund halb geöffnet. Die Bettdecke schimmerte im Mondlicht. Alles war sehr ruhig und sehr friedlich. Am anderen Ende der Stadt wartete ein anderes Bett auf mich. Meine Freundin Tamriko Bamriko hatte es mir überlassen.

Tamriko Bamriko war eine georgische Herzogin, Tochter eines Boxers und Geigenspielerin in einem jüdischen Orchester. Wenn man Alexandre Dumas glaubte, dann war in Georgien jeder Mann auf einem Pferd ein Adeliger, aber das tat Tamriko Bamrikos Noblesse keinen Abbruch. Ihre Wohnung befand sich in einem großen, neogothischen Gebäude aus roten Backsteinen, mit Kinderwagen im Treppenhaus und Grünpflanzen, die in den Fenstern trauerten. Im vergangenen Jahr war ich schon einmal zum Abendessen in diesem Appartement gewesen, Tamriko Bamriko hatte alles mit Koriander gekocht. Heute Nacht kehrte ich mit einem Taxi, das ich vor Esthers Haus anhielt, dorthin zurück. Die Fahrt kostete mich zweihundertfünfzig Rubel.

"Du kannst jederzeit herkommen, die Wohnung ist groß und steht leer ..."

Auf der Straße roch es nach Benzol und Bratfett. Der bleigraue Himmel stülpte sich über die rostigen Dächer wie eine riesige Kröte, deren schlaffe Haut unermessliche Ausmaße annahm. Immer wieder erschien Esther vor meinem inneren Auge. Alles erinnerte mich an sie, ähnelte einem Teil ihres Körpers oder dem Klang ihrer Stimme. Sie war wie ein Tumor in meinem Schädel, der alles verzerrte. Ich sah sie in den Wolken und hörte ihr Lachen im Hupen der vorbeifahrenden Autos. Durch das Fenster, das

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