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Wolkenfern von Bator, Joanna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2013
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
11,99 €
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Wolkenfern

Nach einem Verkehrsunfall erwacht Dominika aus dem Koma, umsorgt von ihrer Mutter und Grazynka Rozpuch, einer alten Familienfreundin, die ihr den Platz in der Spezialklinik bei München verschafft hat. Statt nach Polen zurückzukehren, bricht Dominika, von Fernweh getrieben, ins Ungewisse auf, lebt als Fotografin unter Emigranten in New York und London, bis sie eines Tages den Ort findet, an dem sie bleiben will. Hineingewoben in diese weibliche Odyssee ist die Geschichte Grazynkas, die vor dem Krieg als Findelkind von einem Frauenpaar, den "Teetanten", aufgezogen wird. Als die SS im Städtchen die polnische Bevölkerung deportiert, gelingt es den Teetanten, das Kind in die Obhut einer Nonne zu geben. Aus dem KZ zurückgekehrt, sehen sie, wie ihre Nachbarn sich um die Besitztümer der verschwundenen jüdischen Familien streiten. Und von Grazynka keine Spur... Zeiten und Erzählebenen kunstvoll verknüpfend, rollt Joanna Bator ein großes Panorama aus, das sich über Kontinente und ein ganzes Jahrhundert erstreckt. Wolkenfern ist ein Roman über Fremdheit und Heimatsuche. Vor allem aber handelt er von den vielgestaltigen Beziehungen zwischen Frauen - atemberaubend kühn, in einer sinnlichen, mitreißenden Sprache. Wolkenfern ist ein literarisches Schwergewicht, ein Buch, das auch emotional tief berührt.

Joanna Bator, 1968 geboren, publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften und forschte mehrere Jahre lang in Japan. Die deutsche Übersetzung ihres Romans Sandberg durch Esther Kinsky war ein literarisches Ereignis. Seither gilt Joanna Bator als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur. Für Dunkel, fast Nacht (2012) wurde sie mit dem NIKE, dem wichtigsten Literaturpreis Polens, ausgezeichnet. Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Japan und Polen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 499
    Erscheinungsdatum: 06.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518734612
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Chmurdalia
    Größe: 2116kBytes
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Wolkenfern

Eine Geschichte muss einen Anfang haben ...

Vor meinem Fenster stand die Zigeunerin, blutüberströmt war sie, singt Jadzia Chmura ihrer Tochter vor. Die Mutter holt aus ihrer Stimme, was sie kann, lockt mit Sirenengesang und wirbelt im Zimmer umher wie ein Aufziehspielzeug. Die Tochter ist reglos und still, so wie sie eingeschlafen ist, so schläft sie weiter. Wach auf, Dornröschen! Dominika hört Jadzias Worte nicht, nur leere Klänge, die herabtaumeln wie langsam im Wasser treibende Fetzen. Das Schlimmste ist, dass man in ihrem Traum nichts zählen kann. Sie fängt bei eins an, doch schon die zwei entschlüpft ihr und verschwimmt, wird verdrängt von weißen Schlieren, Schwärmen, Rudeln, Wolken. Manchmal steigt Dominika ein Geruch in die Nase, dann klammert sie sich daran wie an einen Ariadnefaden; der Wurzelgeruch von Kolonialwarenläden, die Düfte exotischer Basare, von denen sie einmal gelesen hatte, und der Geruch von Verbranntem, alles fließt ineinander.

Das Epizentrum der weißen Explosionen ist Dominikas Kopf, genauer gesagt die rechte Seite ihres Kopfes. Dort nehmen die Schmerzwellen ihren Anfang, laufen allmählich abebbend aus in ihren Fingerspitzen, die im Rhythmus der inneren Explosionen leicht zittern. Seitdem Dominika schwerverletzt neben dem brennenden Auto gefunden wurde, hat sie weder die Augen geöffnet noch ein Wort gesprochen. Sie schlief im Krankenhaus von Wa?brzych, und sie schlief auf der Reise in die deutsche Klinik, wohin sie mit Hilfe von Gra?ynka und deren deutschem Mann gebracht wurde. Sie schlief sogar im Hubschrauber! Auch hier schläft sie jetzt, Koma, sagen die Ärzte, und dieses Wort erschreckt Jadzia, die achtzehn Jahre lang an ihr spinnert-spleeniges Kind gewöhnt gewesen ist, mutwillig und wirbelig wie ein Brummkreisel. Wach auf!, bittet Jadzia verzweifelt, wach auf!, singt sie. Seit einiger Zeit, die sich da, wo Dominika ist, nicht messen lässt, tauchen undefinierbare Dinge aus dem Weiß auf, farblos, unzählbar und vibrierend. Vielleicht liegt es an ihrer rastlosen, mit Worten vollgestopften Mutter, die an ihrem Bett wacht, dass diese Dinge in Dominikas Schlaf Eingang finden. Diese Bröckchen Welt sind weiß wie die Füße der Muttergottes am Sonntag, wie Mehl aus der Mühle von Urgroßvater Adam, die kleinen Partikel tanzen im Licht, das durch die Sparren fällt, und Dominika will die Hand danach ausstrecken, doch die Hand ist schwer wie ein Stein. Sie sind weiß wie die Orangenblüten im Wa?brzycher Palmenhaus, wie die Baisers, die Jadzia ihrer Tochter in der Küche auf Piaskowa Gó;ra gebacken hat, Dominika spürt fast den Geschmack auf der Zunge, und ihr läuft das Wasser im Mund zusammen. Weiße Baisers und der Puderzucker, mit dem das gewürfelte Rachatlukum bestreut ist, die Süße von Brot mit Sahne; Dominika erinnert sich an die Hände von Oma Kolomotive, die sie an einem weißen Tisch mit Sahnebrot gefüttert hat. Die weißen Zähne des griechischen Jungen, der in eine süße Waffel beißt, lächelt und läuft, läuft, läuft, wobei ihm der Tornister auf dem Rücken hüpft. Dominika versucht, sein Lächeln zu erwidern, doch da ist Asche neben ihr, weiße Knochen, ihr Lächeln schneidet durch Eis. Dominika sieht weiße Treppenstufen, die zum Meer hinabführen, und will immer schneller und schneller über die Stufen hinunterlaufen, nur weg von Tod und Vernichtung, doch das Bild platzt wie eine Seifenblase, bevor sie ans Wasser gelangt. Stattdessen tauchen die weißen Zöpfchen der seit Jahren verschwundenen Tante Basienka auf, die immer ein Lied vom Mädchen süß wie Himbeer und Honig vor sich hin sang; der Geruch von verbranntem Fleisch. Plötzlic

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