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Worüber wir nicht reden Roman von Bünnig, Jenny (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.12.2016
  • Verlag: LangenMüller
eBook (ePUB)
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Worüber wir nicht reden

Das Leben, die Familie und der ganze normale Wahnsinn Die Europameisterschaft im Kürbiswiegen führt Patrizia und Daniel zurück in ihr Elternhaus. Für beide kommt dieses Familientreffen zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Patrizia steckt in einer beruflichen und emotionalen Sackgasse, und Daniel will nicht wahrhaben, dass seine Ehe vor dem Aus steht. Zudem fordern die pubertierende Tochter und der kleine Sohn seine ganze Aufmerksamkeit. Für die Erwachsenen wird dieses Wochenende zu einer Reise in ihre Kindheit, zurück zu ihrem Bruder Rafael, über den sie nicht reden. Doch die Vergangenheit sitzt stets mit am Tisch. Ein turbulentes Wochenende, an dem Tante und Nichte bei der Polizei landen, der Kürbis nicht frieren darf und Goldfisch Blanche eine Schwimmhilfe bekommt. Eben ein ganz normales Familientreffen.

Jenny Bünnig, Jahrgang 1984, studierte Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte und promovierte zu melancholischer Zeit- und Raumwahrnehmung. Sie war jüngst Teilnehmerin der Romanwerkstatt der Bayerischen Akademie des Schreibens. Worüber wir nicht reden ist ihr dritter Roman bei LangenMüller.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 22.12.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783784483269
    Verlag: LangenMüller
    Größe: 542 kBytes
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Worüber wir nicht reden

Freitag

03:08 Uhr

"Patti? Patti?"

"Hm?"

"Patti?"

"Was?"

"Aufwachen."

"Was ...? Wieso ...? Es ist mitten in der Nacht."

"Der Kürbis friert."

"Was?" Patrizia rieb sich über die Augen, bemüht, in der Dunkelheit ihres Zimmers herauszufinden, wer vor ihr stand, obwohl sie Daniels Stimme erkannt hatte. "Was für 'n Kürbis?" Verschlafen setzte sie sich im Bett auf.

Der Raum war fast vollständig finster. Durch die Rollos drang wenig Licht von der Straße herein, von der Tür kam ein matter Schein aus dem Flur. Schmale Schnitte in der Dunkelheit, die an den hellen Rändern besonders tief wirkte.

Patrizia hatte noch lange wach gelegen. An fremden Orten zu schlafen fiel ihr schwer. Schon früher. Sie hatte gedacht, dass sie sich irgendwann daran gewöhnen würde. Das tat sie nicht. Jedes Mal, wenn sie umgezogen war, hatte es Tage, manchmal Wochen gedauert, bis sie nicht mehr ständig aufgewacht war und sich gefragt hatte, wo sie war. Manchmal hatten sich die vielen Wohnungen, in denen sie bereits gelebt hatte, so vermischt, dass sie beim Aufstehen gegen eine Tür gelaufen oder falsch abgebogen und im Hausflur gelandet war.

Hier, in ihrem alten Zimmer, war das anders. Alles kam ihr vertraut vor, obwohl es anders aussah. Nur wenige Dinge waren aus ihrem Kinderzimmer geblieben. Die Farbe der Wände war eine andere, in den Regalen und Schränken standen kaum Sachen, die ihr gehörten, und trotzdem fühlte es sich an, als würde sie alles kennen, als wären die Dinge an ihrem Platz geblieben, ohne es zu sein.

Die Umgebung war es nicht gewesen, die Patrizia dieses Mal wach gehalten hatte. Eher Daniels Worte. Und ihre Erinnerungen. Die vielleicht falsch waren. Zumindest aber nicht richtig.

Patrizia musste gerade erst eingeschlafen sein. Nun stand Daniel vor ihrem Bett, selbst bleich und verschlafen, und sagte ihr, sie solle aufstehen? Wegen einem Kürbis? Der fror? Was?

"Was für 'n Kürbis?"

"Papas Kürbis. Der Kürbis im Garten."

"Was ist damit?"

"Dem ist kalt?"

"Warum?"

"Es friert."

"Wo?"

"Draußen."

"Und?"

"Wir müssen den Kürbis zudecken."

"Ich versteh kein Wort." Mit einem Stöhnen griff Patrizia zum Nachttisch und schaltete das Licht an.

Helligkeit flutete über das Bett, ein Stück des Teppichs, Daniels Gesicht. Sie musste blinzeln. Endlich konnte sie ihren Bruder klarer sehen. Er trug einen Schlafanzug, eine Jacke, Schal und Mütze. Komisch sah er aus. Ohne Socken war er in seine Schuhe geschlüpft. Sie konnte ihn nicht verstehen.

"Noch mal von vorn."

"Die Temperaturen sind unter null gefallen."

"Und weshalb weckst du mich?"

"Weil wir den Kürbis zudecken müssen."

"Den Kürbis? "

"Dem Kürbis ist kalt. Er darf nicht frieren."

War das ein Scherz? Merkte ihr Bruder nicht, wie dämlich das klang? Patrizia würde nicht aufstehen. Das konnte er vergessen. Nicht, weil einem hässlichen Riesenkürbis kalt war.

"Dann soll sich Dirk warme Socken anziehen."

"Wer?"

"Vergiss es. Woher weißt du, dass es friert?"

"Papa hat einen Frostalarm."

"Was hat er?"

"Er hat mich geweckt und gesagt, dass wir rausgehen und den Kürbis warm halten sollen, damit er keine Frostbeulen bekommt. Es ist ein Notfall. Gewissermaßen."

"Willst du mich verarschen? Du kannst nicht ernsthaft glauben, dass ich mitten in der Nacht aufstehe, um es einem Kürbis draußen im Garten schön warm und muckelig zu machen. Und nur weil unser Vater meint, er müsste dich in seine alberne Kürbissache reinziehen, musst du doch nicht gleich springen! Lern mal Nein sagen, Daniel! Wirklich!"

Ihr Bruder stand vor ihr, ohne ein weiteres Wort zu sagen, in seinen taubenblauen Schlafanzughosen, dem taubenblauen Schlafanzugoberteil, das unter der braunen Winterjacke herauslugte, einen dicken ockergelben Wollschal um den Ha

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