text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Wort_Zone 3.0 Von den Rändern

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
5,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Wort_Zone 3.0

Neue Prosatexte und Essays von Martin Walser, Adolf Muschg, Dominik Riedo, Rolf Tschudi, Matthias Ulrich, Markus Michel, Beatrice Noll, Brigitta Römer u.a.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 23.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783739268330
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 2672 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Wort_Zone 3.0

Martin Walser

Ein sterbender Mann

Erster Bericht an die Regierung

Plötzlich wurde mir klar, warum die Regierung nicht auf mich und meinesgleichen hören darf. Was ich möchte, darf nicht sein. Es wäre das Ende von Anstand, von Menschlichkeit. Ich werde trinken. Ich werde so gemein sein, wie ich nur kann. Das wird mir nicht gelingen. Ich werde so höflich sein wie immer. Ich lebe von unausführbaren Plänen. Es wird keine Genugtuung geben. Meine Vernichtung ist die einzige Hoffnung. Vernichtung = Erlösung. Was also kann ich beitragen zu meiner Vernichtung? Jetzt mach schon!

Gruß,

Th. Sch.

Zweiter Bericht an die Regierung

Bevor Theo Schadt verschwindet, glaubt er, es dem Gemeinwesen, von dem er, mit dem er gelebt hat, schuldig zu sein, einen Vorschlag zu hinterlassen, der, wenn er verwirklicht werden würde, nützlich sein könnte.

Es geht um die allen bekannte Mittelmeerkatastrophe, um die Menschen, die täglich an der Festung Europa zu Grunde gehen. Und es wäre, so Theo Schadt, möglich, diese Tragödien zu beenden, wenn jeder, der in Deutschland ein Haus sein eigen nennt, einen Flüchtling aufnehmen würde. In jedem Haus hat noch ein Flüchtling Platz. Theo Schadt besitzt jetzt noch drei Häuser, hat also Platz für drei Flüchtlinge. Jeder, der ein Haus besitzt, kann dann ein Jahr lang für diesen Flüchtling sorgen. Nach diesem Aufnahme-Jahr übernimmt der Staat die Sorge. In diesem Jahr hat der Hausbesitzer alles getan, den Flüchtling in unserem Gemeinwesen aufzunehmen: Sprache, Ausbildung und was sonst noch nötig sein kann. Hilfswerk der Hausbesitzer soll es heißen. Die Hausbesitzer machen endlich Gebrauch von ihrem Privileg, Hausbesitzer zu sein. Aber der Staat, die Regierung muss Ja sagen zu diesem Hilfswerk. Vorausgesetzt, die Hausbesitzer haben kundgetan, dass sie mitmachen. Keiner soll gezwungen werden, aber eingeladen fühlen soll sich jeder. So könnte sofort eine Million Flüchtlinge untergebracht werden. Und das Beispiel könnte in Europa wirken. Hausbesitzer aller Länder vereinigt euch endlich! Macht eurem Namen, eurem Stand alle Ehre. Abgesehen davon, dass die Tragödie auch eine Drohung enthält.

In großer Hoffnung,

Theo Schadt

Dritter Bericht an die Regierung

Die Arbeitgeber sollen sagen, welche Tarifabschlüsse sie bräuchten, um neue Arbeitsplätze schaffen zu können. Sie sollen zusagen, dass sie bei solchen Tarifabschlüssen in der und der Zeit so und so viele Arbeitsplätze schaffen.

Die Gewerkschaften sagen solche Abschlüsse zu unter EINER Bedingung: Der Lohnverzicht jetzt wird behandelt wie ein Darlehen, zurückzuzahlen mit Zins, wenn durch diesen Abschluss die Konjunktur wieder ins Laufen gekommen ist. Sollte die Konjunktur trotz dieses Stillhalteabkommens nicht ins Laufen kommen, sollte also auch die Senkung der Lohn- und Lohnnebenkosten nichts bewirken, so wissen wir, dass unser ganzes Modell nicht mehr stimmt und wir müssen so bald wie möglich ein anderes entwickeln. Aber probiert werden sollte eine Besserung durch eine noch nicht dagewesene Flexibilisierung. Deren Grundlage: guter Wille UND Vertrauen.

Theo Schadt

PS: Es stört hoffentlich keinen der Tarifpartner, dass die Gewerkschaften in diesem Vorschlag als Bank auftreten.

Vierter Bericht an die Regierung

Mit zweiunddreißig kam Theo Schadt nach München, also vor vierzig Jahren, und ihm fiel auf, dass viele Leute in der U- und in der S-Bahn lasen. Er weiß noch, wie unhöflich er das damals gefunden hat. Und das ist heute immer noch so, immer noch lesen die Leute oder sind jetzt in ihr Handy vertieft.

Warum können die Leute nicht einander genießen? Jeder Mitfahrende ist ein Schicksal, eine Geschichte, hat ein Gesicht, in dem alles steht, was ihm oder ihr passiert ist. Und dass sehr viel passiert ist, das steht in allen Gesichtern. Die Gesichter der Leute sind Landschaften des Lebens.

Statt Zeitun

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen