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Wort_Zone 4.0 Magazin für neue Literatur

  • Erscheinungsdatum: 30.03.2017
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Wort_Zone 4.0

Neue Prosatexte und Essays von Otto A. Böhmer, Iso Camartin, Beatrice Eichmann-Leutenegger, Hermann Kinder, Gianni Kuhn, Peter Salomon, Brigitte Tobler und anderen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 112
    Erscheinungsdatum: 30.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783743126503
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 1511 kBytes
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Wort_Zone 4.0

Beatrice Eichmann-Leutenegger

Der Stationsvorstand

Immer wieder drängte das Kind zum Bahnhof. Und wenn die Mutter nach den Einkäufen erklärte, dazu reiche die Zeit nicht, denn man müsse sich endlich nach Hause begeben, so legte sich das Kind kurzerhand auf den Gehweg, liess sich nicht mehr vorwärts bewegen und schrie, es wolle unbedingt die Eisenbahnzüge sehen. Warum denn nur? War es der Rausch der vorbei brausenden Züge, das Rattern der Räder, dieses unablässige Vorwärts, Vorwärts? Waren es die Reisenden, die aus den offenen Fenstern voller Übermut mit Tüchern winkten und das Kind glauben liessen, der Gruss aus der Ferne gelte ihm?

Das Haus, in dem das Kind mit den Eltern und der jüngeren Schwester wohnte, lag an der Bahnhofstrasse. Jeder, der auf dieser Strasse dahin eilte, strebte zum Bahnhof, hinaus in die Weite, fort von den Bergen, die den Kindheitsort ebenso schützend wie drohend bewachten. Der Bahnhof Schwyz war die verheissungsvolle Pforte zur Welt. Täglich suchte ihn der Vater auf, meistens gegen den Abend hin, weil er noch Briefe mit Korrespondentenberichten zu verschicken hatte. Oft nahm er das Kind mit, und dann tauchte es ein in die Lebenswelt dieses Bahnhofs. Unumschränkter Herrscher war der Stationsvorstand mit seiner dunkelblauen Uniform, den goldenen Knöpfen, der grünen Kelle, mit denen er die Züge begrüsste und wieder entliess. Einfahrt des Schnellzugs nach Göschenen, Bellinzona, Lugano, Como, Milano, rief er in den Lautsprecher, und: Achtung, der Eilzug nach Luzern, Basel, Mannheim, Köln hat fünfzehn Minuten Verspätung. Wie bunte Vögel aus einem exotischen Reich umschwirrten die Namen das Ohr des Kindes, und jetzt - hurra! - donnerte gerade ein Zug mit ohrenbetäubendem Lärm am Kind vorbei, beschrieb einen stürmischen Bogen und wurde von jener Bergwelt verschluckt, hinter der die kleine Schwester die filigranen Spitzen des Mailänder Doms vermutete. Ein zweiter Schnellzug näherte sich aus der Gegenrichtung, das Tosen schwoll an, Haare und Kleider flatterten, und schon war das rasende Ungeheuer wieder verschwunden.

Der Vater aber zog das Kind fort, hin zum Kiosk. Hier thronte die Königin des Bahnhofs: eine schöne blonde Frau mit rot lakkierten Fingernägeln, umweht von einem Hauch Pariser Chic mitten in der Urschweiz. Sie deckte den Vater mit welthaltigem Stoff ein: mit der Süddeutschen Zeitung, wie das Kind, das erst seit einigen Monaten zur Schule ging, stolz entzifferte, und einem dicken Erzeugnis aus Frankfurt. Gleich daneben konnte das Kind neugierige Blicke in den Wartesaal schicken, in dem Wanderer mit Rucksäcken auf das gelbe Postauto warteten, das sie zu den Talstationen der Bergbahnen brachte. Dann verwickelte der Vater meist noch den König, den Herrn Stationsvorstand, in ein Gespräch, wenn dieser nicht gerade die Schalter und Hebel seines Stellwerks bediente, das dem Kind so bedeutsam erschien wie die Orgel in der Kirche. Dichtes und ganz helles Haar glänzte auf dem Kopf des Stationsvorstands, und eine Krone hätte nur zu gut gepasst, wie das Kind fand. Beglückt trat es danach mit dem Vater den Heimweg an - überzeugt, dass der Bahnhof eine Art Königshof sein müsse, zumindest aber der Vorhof zum Paradies. Und meist warf es, bevor es das Gebäude verliess, noch einen Blick ins Astwerk der Bäume, denn da oben sass jeweils ein Knabe, etwas älter als das Mädchen, ganz still sass er im Baum. Was macht er da oben?, fragte das Kind den Vater, und dieser antwortete: Das weiss ich auch nicht, aber es muss der jüngste Sohn des Stationsvorstands sein. Für das Kind aber war er fortan der Königssohn.

Die bedeutsamste Rolle spielte der Königshof zu Beginn der Sommerferien. Zwar passierte auf dem Bahnhofsplatz oft noch ein Missgeschick. Mamas Beutel öffnete sich, und heraus kollerten Dosen und Fläschchen, brachen entzwei und gossen ihren Inhalt aus. Zartrosa, himmelblaue und zitronengelbe Seen weiteten sich aus, und der Vater, welche

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