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Wort_Zone 5.0 Über das Verschwinden

  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Wort_Zone 5.0

Neue Prosa und Essays von Ruedi Bind, Peter Blickle, Daniel Bürgin, Beatrice Eichmann-Leutenegger, Peter Frömmig, Katja Fusek, Ingeborg Kaiser, Jochen Kelter, Brigitta Klaas Meilier, Jochen Kelter, Maren Kopper, Verena Lang, Peter Mathys, Konrad Pauli, Dominik Riedo, Brigitta Römer, Peter Salomon, Brigitte Tobler, Matthias Ulrich, Katrin Züger.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 156
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783752837636
    Verlag: Books on Demand
    Serie: Wort_Zone .5
    Größe: 791 kBytes
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Wort_Zone 5.0

Katja Fusek

Anonym

Der Fensterputzer mit dem unaussprechlichen Namen Ballakrishnapillai sieht durch die Scheibe im dritten Stock des gläsernen Wohnblocks einen Mann, und er zweifelt keinen Moment daran, dass der Mann tot ist. Wie sein Oberkörper auf dem Schreibtisch liegt ... Und das Dunkle neben seinem Kopf ... Im Schein der Lampe schimmert die Glatze des Toten. Der Fensterputzer lässt die Scheibe halb eingeschäumt und schwebt auf der Plattform der Hebebühne auf die Erde hinunter. In der Tiefe unter ihm werfen die Strassenlampen orange Kreise auf den Asphaltbelag. Es fängt an zu regnen. Die ersten Tropfen sehen wie Kratzer aus auf den grossflächigen Scheiben. Daran hat sich der Fensterputzer gewöhnt. In der Schweiz regnet es. Ein Nachteil für die Fenster. Dafür gibt es weniger Staub. Ein Vorteil für die Fenster. Alles hält sich im Gleichgewicht in der Schweiz. So empfindet es der Fensterputzer, der nicht in der Schweiz geboren ist. Die Scheiben des Hauses sind grossflächig wie die Wände eines Aquariums. Keine geborsten wegen Explosionen oder Einschüssen. Das fasziniert ihn, dass manche Fenster in der Schweiz älter sind als seine Urgrosseltern. Der Fensterputzer hat schon Tote gesehen. Aber noch nicht in der Schweiz. Er würde von dem Mann im dritten Stock der Polizei berichten und spät nach Hause kommen. Das ist gut. In einem Jahr oder zwei würden seine Frau und seine Kinder nachkommen. Dann wird er sich nach Hause freuen. Dann käme ihn jemand begrüssen, der ohne Stolpern seinen Namen - Ballakrishnapillai - aussprechen könnte, ganz leicht und selbstverständlich, dass es fast zärtlich klänge.

Der Fensterputzer schwebt nach unten. Jetzt kommt die Wohnung der Pfirsichfrau. Ihr Körper sieht weich aus, ihr Gesicht ist rund und ihr Lächeln hell. Das konnte er sehen, als er ihr vorher beim Hinaufschweben zuwinkte - obwohl das eigentlich nicht seine Art ist. Ein lauter Fetzen Musik dröhnte heraus. Jetzt sitzt die Pfirsichfrau reglos am Computer, das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt, den Blick ins Leere gerichtet, eine grosse Tasse neben sich.

Einen Stock unter ihr bearbeitet ein alter Mann am Tisch ein Stück Holz mit einem Messer, und die hagere Frau neben ihm packt Lebensmittel aus drei prallgefüllten Taschen aus. Das Fenster im Erdgeschoss ist dunkel. Den letzten Meter springt der Fensterputzer von der Hebebühne auf den Boden.

Als er später mit den Polizeibeamten die Treppe hochsteigt, steht im ersten Stock die Wohnungstür offen, im Rahmen die hagere Frau, die Lippen leuchtend rot angemalt. Beinahe zupft sie die Polizisten am Ärmel und verschluckt sich an ihren Worten. Sie läuft hinter den Beamten und dem Fensterputzer die Treppe hinauf.

Hat sie es doch immer gesagt, bei der Russin da oben ist etwas faul. Die Schreie heute Nacht, der wuchtige Aufprall auf dem Boden, das Scherbenklirren, das war nicht auszuhalten, sie wollte ja sofort die Polizei rufen, aber Paul war wie immer dagegen. Der will sich halt in nichts einmischen. Und jetzt ist es zu spät. Jetzt ist die Russin sicher tot und ihre Tochter auch. Dieses blasse Ding. Entweder hören die beiden so laut Musik, dass man unten kein Wort versteht oder lassen sich totprügeln.

Ans Schlafen war gestern nicht zu denken. Paul hörte nichts, kein Wunder bei seinem Schnarchen. Dann kamen die Schreie. Solches Schreien hatte die Frau noch nie gehört - es schmerzte bis in die Knochen. Als würde ein Mensch oder ein Tier gequält in der Wohnung der Nachbarin. Endlich hatte sie Paul wachgerüttelt. Da oben bei den Russinnen stimmte doch etwas nicht! Aber natürlich wollte er nur weiterschlafen und sich ihren wöchentlichen Ausflugstag nicht verderben lassen. Zum Teufel damit! Beim nächsten Schrei würde sie die Polizei rufen. Würde lieber jetzt schon den neuen Morgenrock über das verwaschene Nachthemd anziehen. Sie würde die Polizisten zur Wohnung im zweiten Stock führen und dürfte zusehen, w

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