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Zwölfender von Schröder, Britta (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.08.2012
  • Verlag: weissbooks
eBook (ePUB)
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Zwölfender

Was, wenn das Leben, wie es bisher war, nicht mehr zu einem gehört? Zwölfender beginnt mit einer Begegnung, die das Selbstverständnis der Ich-Erzählerin aus den Angeln hebt. Antworten suchend, reist die Protagonistin des Romans an den Atlantik, durch die trockenste Wüste der Welt und bis zum Pazifik - eine junge Frau macht sich auf, um sich von allem zu befreien. Auf ihrem Weg findet sie Nähe zu dem Anthropologen Robert, hat in dem verwahrlosten Merce einen skurrilen Wegbegleiter und lernt drei finnische Geschwister kennen. Ein außergewöhnliches Debüt, ein Roman über das Befremden und die Freundschaft, surreal und komisch zugleich. Britta Schröder; Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und italienischen Literatur in Marburg und Köln; Arbeit als freie Lektorin und Autorin zahlreicher Beiträge in kulturhistorischen Lexika; seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Haus Konstruktiv Zürich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 156
    Erscheinungsdatum: 09.08.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863370473
    Verlag: weissbooks
    Größe: 6036 kBytes
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Zwölfender

Mein rechtes Handgelenk ist geschwollen. Es sieht unförmig aus, grünlich zudem, und schmerzt bei bestimmten Bewegungen so
sehr, dass ich zusammenzucke. Dabei habe ich nur mit der flachen Hand gegen eine Tür geschlagen, die verschlossen blieb.
Oft, ja, und ziemlich heftig, das stimmt.
Ich habe das Gelenk nicht verbunden. Hätte auch gar kein Verbandszeug gehabt.
Dass es übel aussieht, bestätigt mir, dass ich das alles nicht geträumt habe. Nachts hält mich ein gleichmäßiges Pochen vom Davondriften ab.
Ein anderes Mal, es ist ein paar Jahre her, schlug ich ähnlich verzweifelt - oder nein: doch anders, haltloser - mit einer rechten Geraden gegen eine Wand, sodass der Mittelhandknochen
rechts außen brach.
Zwei Drähte mussten eingesetzt werden. Ich kam ins Krankenhaus.
Vor der Operation verabreichte man mir eine Spritze in die Achselhöhle.
Der Schmerz war so atemberaubend dumpf, dass mir unversehens eine Auswahl längst vergessener Begebenheiten durch den Sinn rann.
Danach sah ich meinem jodbestrichenen Arm dabei zu, wie er, nichts wollend, zwischen grünen Tüchern hin- und hergehoben wurde. Dieser Arm, in dem sich bündelt, was ich bin, war lahm und fern, als gehörte er niemandem.
Ein paar Wochen später sollten die Drähte in der Praxis eines Handchirurgen entfernt werden. Ich erhielt eine Narkose und sank in eine angenehme dunkle Tiefe.
Unten, auf dem sandigen Grund, lösten sich die Gewichte von selbst, und ich stieg langsam wie ein Taucher zurück an die Oberfläche. Je näher ich ihr kam, desto mehr trug mich die Idee,
wieder vollständig zu sein. Ich sah meine rechte Hand wieder zugreifen, arbeiten mit allem, was ich mag: Holz, Stein, Gips, Farbe, Blattgold, Silikon.
Der Chirurg ernüchterte mich. Man habe mit Mühe einen der beiden Drähte auslösen können, der andere aber stecke noch im Knochen und müsse im Krankenhaus entfernt werden, was frühestens nach vier weiteren Wochen Heilung möglich sei. Die Warterei war mir unerträglich.
Ich habe die wichtigsten Dinge im Leben greifend begriff en, auch wenn meine Augen und Ohren meist wach sind.
Ein Holzscheit in der Hand halten - und jede verloren geglaubte Gewissheit ist wiederhergestellt. Ein Blatt Papier kann, je nach Beschaff enheit, zum Schreiben einladen oder davon abhalten.
Gips, frisch angerührt, wird warm, als hätte man selber ein Leben erschaff en, und er erkaltet wie die, die man verliert.
Stein gibt sich ungefügig und ist es doch nicht; Silikon gibt sich geschmeidig und weich, ist aber zäh und widerständig.
Blattgold legt sich, obschon fein und leicht und flatterhaft, in unendlicher Schwere auf jedes Material. Gold sagt immer:
Schluss, genug geatmet. Ewigkeit.
Man muss nur mit einer Hand seine Stirn umfassen (Daumen an die eine Schläfe, Mittelfinger an die andere) - und sofort begreift
man, dass man eines Tages sterben wird.
Einen Zeigefinger in kaum geronnene Ölfarbe drücken, ist eine der größten Verlockungen. Ein gut geformtes Geländer oder eine perfekte Kugel umgreifen - und für einen Moment ist jeder Zweifel dahin.

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