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Das verborgene Leben des Waldes Ein Jahr Naturbeobachtung von Haskell, David G. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.09.2015
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
eBook (ePUB)
14,99 €
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Das verborgene Leben des Waldes

Die Welt in einer Nussschale: Über ein Jahr hat der amerikanische Biologe David Haskell einen Quadratmeter altgewachsenen Wald immer wieder besucht und bis ins Detail studiert. Ausgerüstet nur mit Objektiv, Lupe und Notizbuch, Zeit und Geduld, richtet der Biologe seinen Blick auf das Allerkleinste: Flechten und Moose, Tierspuren oder einen vorbeihuschenden Salamander, Eiskristalle oder die ersten Frühlingsblüten. Und entfaltet mit dem Wissen des Naturforschers und der Beschreibungskunst eines Dichters ein umfassendes Panorama des Lebens im Wald, des feingewobenen Zusammenlebens in einem jahrhundertealten Ökosystem. Eine Grand Tour zwischen Wissenschaft und Poesie, die die Natur in ihrer ganzen Komplexität und Schönheit erfahrbar macht. "David Haskell führt den Leser zu einer neuen Form der Naturbetrachtung, in der das Unsichtbare zum Vorschein kommt, das Kleine zu großen Fragen führt und die unendliche Komplexität und Schönheit alles Lebendigen sich immer deutlicher entfaltet." E.O.Wilson David G. Haskell lehrt als Professor für Biologie an der University of the South und lebt in Sewanee, Tennessee. Neben wissenschaftlichen Arbeiten hat er Essays und Gedichte veröffentlicht. Für Das verborgene Leben des Waldes erhielt er 2013 den Best Book Award der National Academies und war Finalist beim Pulitzerpreis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 09.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956140808
    Verlag: Verlag Antje Kunstmann
    Originaltitel: The Forest Unseen. A Year's Watch in Nature.
    Größe: 3319 kBytes
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Das verborgene Leben des Waldes

1. JANUAR

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DAS NEUE JAHR BEGINNT MIT TAUWETTER: Schwerer, feuchter Waldgeruch steigt mir in die Nase. Der Laubteppich, der den Boden bedeckt, ist in der Nässe aufgequollen, die Luft mit deftigen Laubaromen getränkt. Ich verlasse den Pfad, der sich den Waldhang hinabschlängelt, und umklettere einen hausgroßen Brocken aus moosigem, erodiertem Gestein. Hinter einer flachen Senke am Berghang erkenne ich mein Wahrzeichen: einen länglichen Findling, der wie ein Kleinwal aus dem Laubboden auftaucht. Der Sandsteinblock markiert die eine Seite meines Mandalas.

Nur wenige Minuten später habe ich Geröll und Gestein überquert und den Findling erreicht. Ich trete neben einem großen Hicko rybaum hervor, mich an seinen grauen Rindenschuppen abstützend - und das Mandala liegt direkt zu meinen Füßen. Ich umrunde es und setze mich gegenüber auf den flachen Stein. Ich halte einen Moment inne, atme die würzige Luft ein, dann mache ich es mir auf meinem Beobachtungsposten bequem.

Der Laubboden ist braun marmoriert. Einige kahle Gewürzbuschstängel und ein Eschenbäumchen ragen hüfthoch aus der Mandalamitte empor. Die stumpfen, ledrigen Farben der verrottenden Blätter und schlummernden Pflanzen werden vom Leuchten der Felsen, die das Mandala umrahmen, in den Schatten gestellt. Die Felsen, verstreute Relikte des erodierenden Sandsteinhangs, sind von der Jahrtausende währenden Erosion zu unregelmäßigen Brocken verschliffen. Ihre Größe reicht vom Waldmurmeltier bis zum Elefanten; die meisten sind so groß wie ein kauernder Mensch. Die Strahlkraft der Felsen rührt nicht vom Gestein selbst, sondern von ihrem Flechtengewand, das smaragdgrün, jadegelb oder perlmuttfarben in der feuchten Luft leuchtet.

Die Flechten bilden Berge en miniature, Sandsteinhänge mit vielfältigen feuchten und sonnigen Flecken. Die Felsrücken sind mit harthäutigen grauen Schuppen besprenkelt. Schattige Rillen im Fels schimmern purpurrot. Auf senkrechten Wänden glitzert es türkis, und über sanfte Abhänge ergießen sich konzentrische Kreise in Lindgrün. Die Farben der Flechten wirken wie frisch gestrichen. Ihre Leuchtkraft steht in lebhaftem Kontrast zur wintermüden Lethargie des übrigen Waldes; sogar die Moose sind stumpf und frostbleich.

Im Winter, wenn sich die meisten anderen Geschöpfe zurückziehen, sind Flechten das strahlende Leben - dank einer geschmeidigen Physiologie. In den kalten Monaten überleben sie durch die Kunst des Loslassens. Sie verbrennen keine unnötige Energie auf der verzweifelten Suche nach Wärme, sondern passen ihre Lebenskurve dem steigenden und fallenden Thermometer an. Flechten hängen nicht am Wasser - wie Pflanzen und Tiere. Sie quellen an feuchten Tagen auf und schrumpeln, wenn es trockener wird. Pflanzen schrecken vor Kälte zurück und verpacken ihre Zellen so lange, bis der Frühling sie wieder hervorlockt. Flechten haben einen leichten Schlaf. Wenn der Winter eine kurze Pause einlegt, kehren sie einfach ins Leben zurück.

Auch andere haben, unabhängig von den Flechten, diese Lebenseinstellung für sich entdeckt. Im vierten Jahrhundert vor unserer Zeit erzählte der chinesische Taoist Zhuangzi die Geschichte eines alten Mannes, der in den Strudel zu Füßen eines tosenden Wasserfalls stürzte. Noch bevor Beistehende erschrocken zu Hilfe eilen konnten, verließ der alte Mann, unverletzt und vollkommen ruhig, das Wasser. Als man ihn fragte, wie er in der Wasserhölle überleben konnte, sagte er: "Duldsamkeit ... Ich habe mich ans Wasser angepasst, nicht das Wasser an mich." Schon 400 Millionen Jahre vor dem Taoismus sind die Flechten zu derselben Weisheit gelangt. Die wahren Meister in Zhuangzis Allegorie vom Sieg durch Unterwerfung sind die Flechten, die an den Felswänden des Wasserfalls wuchsen.

Die friedlichen, scheinbar simplen Flechten besitzen ein komplexes Innenleben. Flechten sind ein Amalgam aus zwei Lebewesen: Pilz und entweder Alge oder Bakterie. Der Pilz bre

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