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Transit 45. Europäische Revue Maidan: Die unerwartete Revolution von Snyder, Timothy (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2015
  • Verlag: Verlag Neue Kritik
eBook (PDF)
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Transit 45. Europäische Revue

Ihre Unabhängigkeit war den Ukrainern 1991 zugefallen, erkämpft haben sie sie erst auf dem Maidan. Sie stürzten ihr korruptes Regime, doch nur, um sich mit einem weitaus mächtigeren Gegner konfrontiert zu sehen, der mit allen Mitteln versucht, ihnen die neu gewonnene Chance zu nehmen. Im Moment der tiefsten Krise der Europäischen Union werden wir Zeugen einer Bewegung, die Werte einfordert, die wir selbst mehr und mehr aus den Augen verloren haben.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 10.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783801505158
    Verlag: Verlag Neue Kritik
    Größe: 10284 kBytes
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Transit 45. Europäische Revue

Timothy Snyder

EUROPA UND DIE UKRAINE:

VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT 1

Die Geschichte der Staatlichkeit auf dem Gebiet der Ukraine beginnt mit zwei archetypisch europäischen Begegnungen. Im Mittelalter fand, wie in Frankreich und England, eine Begegnung mit den Wikingern statt. Die Männer aus dem Norden wollten eine Handelsroute zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer schaffen und benutzten das am Dnjepr gelegene Kiew als Handelsstation. Ihre Ankunft fiel mit dem Zusammenbruch des Chasarenreichs zusammen, und ihre Führer heirateten Frauen aus der einheimischen slawischsprachigen Bevölkerung. So entstand das Gebilde, das als Kiewer Rus bekannt ist. Wie alle Staaten im mittelalterlichen Osteuropa war die Rus heidnisch. Sie schwankte zwischen Rom und Byzanz, bis ihre Herrscher sich für Letzteres entschieden und zum orthodoxen Glauben übertraten. Die Rus wurde durch Nachfolgestreitigkeiten geschwächt, bevor sie in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch die Ankunft der Mongolen zerstört wurde.

An diesem Punkt teilt sich die Geschichte der Rus. Die meisten Gebiete übernahm das Großfürstentum Litauen, ein riesiger Kriegerstaat mit der Hauptstadt Vilnius. Die litauischen Großfürsten stilisierten sich zu Erben der Rus und übernahmen zahlreiche kulturelle Errungenschaften, zum Beispiel Rechtstraditionen und das Slawische als Hofsprache. Die Großfürsten waren zwar heidnische Litauer, ihre Untertanen jedoch in der Mehrzahl Ostchristen. Als die Großfürsten von Litauen in Personalunion auch Könige von Polen wurden, gehörten die meisten Teile der Ukraine dem damals größten europäischen Staat an. Durch die Verfassungsreform von 1569 konstituierte sich dieser Staat zu einer Adelsrepublik, dem Doppelstaat Polen-Litauen. In dieser "Republik beider Völker" gehörten die ukrainischen Lande zur polnischen Krone, die weißrussischen zum Großfürstentum Litauen. So wurde innerhalb der alten Rus eine neue Trennungslinie geschaffen.

Das war die erste Epoche eines oligarchischen Pluralismus in der Ukraine. Ukrainische Adlige hatten Sitz und Stimme in den Vertretungsorganen der Republik, doch die große Mehrheit des Volkes war in riesigen Landgütern kolonisiert, die Getreide für den Export produzierten. Zu den örtlichen Kriegsherren gesellten sich polnische Adlige wie auch Juden, die halfen, eine Feudalordnung im Lande zu errichten. In dieser Zeit beteiligten sich Juden an der Schaffung von Kleinstädten, die als Schtetl in die Geschichte eingehen sollten.

Die politische Konstellation führte zum Kosakenaufstand von 1648, in dem Freie, die sich dem System entzogen hatten, dessen Ordnung in Frage stellten. Sie schlossen ein schicksalhaftes Bündnis mit einem rivalisierenden Staat, der gleichfalls seine Wurzeln in der alten Rus hatte, dem Großfürstentum Moskau. Die Stadt Moskau hatte an der Ostgrenze der Rus gelegen und anders als die meisten Teile der Rus blieb sie unter direkter mongolischer Herrschaft. Während die Gebiete des heutigen Weißrussland und der Ukraine über Vilnius und Warschau mit der Renaissance und der Reformation in Berührung kamen, erreichte keine dieser Entwicklungen Moskau. Die Loslösung Moskaus von der mongolischen Herrschaft wird herkömmlich auf das Jahr 1480 datiert. Ebenso wie die Großfürsten von Litauen stilisierten sich auch die Großfürsten von Moskau zu Erben der Kiewer Rus. Aber nach der Zerstörung dieses mittelalterlichen Staates übten sie fast ein halbes Jahrtausend lang keine Herrschaft über das Gebiet aus. Die meiste Zeit wurde Kiew von Vilnius und Warschau aus regiert.

Mit den Kosakenaufständen begann der Niedergang des Doppelstaates Polen-Litauen; sie schufen die Voraussetzungen dafür, dass die Herrschaft über Kiew von Polen auf das Moskauer Großfürstentum überging. 1667 wurde das Territorium der heutigen Ukraine zwischen Polen-Litauen und Moskau aufgeteilt, wobei Kiew

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