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Behinderung und Sexualität Grundlagen einer behinderungsspezifischen Sexualpädagogik von Ortland, Barbara (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.06.2008
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (PDF)
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Behinderung und Sexualität

Mit der Forderung nach mehr Selbstbestimmung, Autonomie und Teilhabe für Menschen mit Behinderung hat das Thema 'Sexualität und Behinderung' besondere Aktualität gewonnen. Das Buch beschäftigt sich zunächst mit Erkenntnissen zur sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und zeigt potentielle Entwicklungserschwernisse bei Menschen mit Behinderung auf. Daran schließen sich ausführliche Überlegungen zu einer notwendigerweise behinderungsspezifischen Sexualerziehung an, die neben den individuellen Lebensbedingungen die restriktiven gesellschaftlichen, schulischen und familiären Bedingungen als Entwicklungs-'Behinderungen? mit einbezieht. Vor allem Lehrer/innen, Erzieher/innen, aber auch Eltern finden in diesem Buch sehr konkrete Ratschläge für sexualerzieherisches Handeln in der Praxis. Dr. Barbara Ortland ist Professesorin an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Münster.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 164
    Erscheinungsdatum: 26.06.2008
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170295193
    Verlag: Kohlhammer Verlag
    Größe: 1436 kBytes
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Behinderung und Sexualität

1 Einleitende Ausführungen

Wie bereits im Vorwort dargelegt, wird den folgenden Ausführungen eine relationale Perspektive auf Behinderung und Sexualität zugrunde gelegt. Diese soll zunächst eine knappe theoretische Verortung und weitere Explikation erfahren.
1.1 Eine relationale Sichtweise von Behinderung

Aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive wird Behinderung nicht mehr als ein Kennzeichen einer Person gesehen, sondern als eine Relation verstanden, und zwar als eine Relation zwischen der als behindert bezeichneten Person und ihrer Umwelt (vgl. Walthes 2003, Leyendecker 2005, Ortland 2005 a, 2006 a, 2007 a).

Diese relationale Auffassung von Behinderung hat Walthes in folgender Definition zum Ausdruck gebracht: "Behinderung ist der nicht gelungene Umgang mit Verschiedenheit" (2003, 49).

So sind beispielsweise körperliche Schädigungen in Form von Infantiler Cerebralparese, Spina bifida, Muskeldystrophie o. Ä. in diesem Verständnis Bedingungen, die ein Mensch in eine Situation einbringt. Ob der Umgang mit diesen Bedingungen positiv verläuft, ist abhängig von den an der Situation Beteiligten. Alle sind für das Gelingen oder Misslingen der Kommunikations- und Interaktionsprozesse verantwortlich.

An einem Beispiel sei dies verdeutlicht: Eine Dysarthrie, die häufig in Verbindung mit einer Infantilen Cerebralparese auftritt, ist eine zentral bedingte Störung der Koordination des Sprechvollzugs. Sie realisiert sich für den Betroffenen in kaum vorhandener Lautsprache. Dies ist an sich noch keine Behinderung. Eine Dysarthrie wird dann zu einer Behinderung, wenn sich die beteiligten Gesprächspartner - trotz eines 'perfekten' multimodalen Kommunikationssystems im Bereich der Unterstützten Kommunikation - auf diese Form der Kommunikation nicht einlassen (Anpassungsleistungen) und nur Lautsprache als 'richtig' bewerten (Bewertungsprozesse). Das 'Problem' der nicht gelingenden Kommunikation haben in diesem Fall alle Beteiligten, wenngleich es sicherlich für den Menschen mit Dysarthrie wesentlich gravierendere Auswirkungen hat. Eine Änderung des 'Problems' kann allerdings vorrangig von den Menschen ohne Behinderung aufgrund deren variableren Kommunikationsmöglichkeiten vorgenommen werden.

Ob also ein Merkmal als Behinderung erfahren wird oder nicht, hängt von den Bewertungsprozessen und Anpassungsleistungen aller sozialen Partner in den verschiedenen Situationen ab. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass je ungewohnter ein solches Merkmal ist, wie z.B. bei einer schwersten, mehrfachen Schädigung, die Anpassungsleistungen umso größer sein müssen. Damit ist auch die Gefahr potenziert, dass die Schädigung in der Interaktion als Behinderung erlebt wird.

Bezogen auf den Bereich der Sexualität könnte das Beispiel auch folgendermaßen aussehen: Ein Mann mit einer Querschnittlähmung ist z.B. je nach Höhe und Ausmaß der Läsion nicht in der Lage, eine stabile Erektion zu erlangen. Damit bringt er auf der körperlichen Ebene eine zunächst von der überwiegenden Allgemeinheit abweichende Ausgangssituation für Genitalsexualität in eine Partnerschaft ein. Ob diese mangelnde Fähigkeit zur Erektion nun als Behinderung erlebt wird, hängt von den Bewertungsprozessen und Anpassungsleistungen der beteiligten Personen ab. Hier könnte man sich verschiedene Szenarien ausmalen: Unser Beispiel-Mann ist schwul und hat einen Partner mit einer Querschnittlähmung, so dass beide dieselben Voraussetzungen haben und dies als wenig einschränkend erleben. Oder: Er hat eine Partnerin, für die Genitalsexualität eine sehr bedeutende Rolle spielt und nur dies 'richtige' Sexualität ist - sie wird die mangelnde Erektionsfähigkeit als eine Behinderung werten und ihn wahrscheinlich verlassen. Oder: Er hat eine Partnerin, die mit ihm gemeinsam die vielen anderen sexuellen Möglichkeiten erprobt und beide ein befriedigendes Sexualleben genießen. Oder: Er fühlt sich als minderwertiger Mann und beschließt

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