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Die hilflosen Helfer und ihr Betrug Denn sie wissen genau, was sie tun von Simon, Ingo Michael (eBook)

  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Die hilflosen Helfer und ihr Betrug

Hilflose Helfer gelten in der sozialen Arbeit oft als naive Altruisten, die sich redlich, doch erfolglos um eine bessere Welt bemühen. Selbstaufopfernd und gutmütig scheinen sie Menschen zu begleiten und zu unterstützen, die Halt oder Orientierung suchen oder bei der Bewältigung ihres Alltages zeitweise Hilfe brauchen. Diplom-Pädagoge Ingo Michael Simon erteilt dieser Einschätzung eine Generalabsage und verweist in seiner Argumentation auf eine bewusste Ausbeutung und auf aktiven Missbrauch der Klienten sozialer Arbeit durch scheinbar hilflose und wohlwollende Fachkräfte. Diese lassen sich nach Einschätzung des Autors von ihren Klienten für selbst erlebte Ablehnung und fehlende Anerkennung trösten und bewundern. Ingo Michael Simon, Insider der sozialen Arbeit, stellt klar: Hilflose Helfer handeln bewusst zum eigenen Vorteil und nutzen ihre Klienten aus! Ingo Michael Simon studierte in München Pädagogik und arbeitet seit Anfang der Neunzigerjahre mit Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Einrichtungen und Projekten, außerdem in selbstständiger Praxis für Psychotherapie. Als Führungskraft eines Bildungsträgers war er viele Jahre lang federführend in der konzeptionellen Arbeit sozialpädagogischer Maßnahmen tätig, außerdem als Berater, Supervisor und Fallmanager. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der Autor freiberuflich als Seminarleiter, Therapeut für Gesprächspsychotherapie und Hypnose sowie als Vortragsredner.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783746055053
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 176 kBytes
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Die hilflosen Helfer und ihr Betrug

Verbindlichkeit

Als ich Marek zum ersten Mal sah, machte er einen freundlichen und aufgeweckten Eindruck, fast schon zu brav für einen Jungen in seinem Alter. Er war siebzehn Jahre alt und sollte eine außerbetriebliche Berufsausbildung machen. Dazu musste ein Ausbildungsvertrag zwischen ihm und dem Bildungsträger, für den ich zu dieser Zeit arbeitete, geschlossen werden und ein Kooperationsbetrieb gefunden werden, der ihm das praktische Arbeiten ermöglichte. Zuvor sollte Marek eine Berufsorientierung durchlaufen und sich über Praktika auf die bevorstehende Ausbildung vorbereiten. Da er von der Berufsberatung der Arbeitsagentur als sozial benachteiligt eingestuft wurde, was einerseits mit seiner Herkunft als Aussiedler, andererseits mit seinem fehlenden Schulabschluss begründet wurde, meldete der zuständige Berater ihn schließlich zu einem Vorstellungstermin bei mir an. Mareks Mutter nahm ebenfalls an dem Erstgespräch teil und wir wurden uns schnell einig über eine Aufnahme in unsere Berufsorientierungsmaßnahme. Hier würde er zunächst seinen Schulabschluss nachholen können, um dann mit der Berufsausbildung zu beginnen. Er kam schnell mit den anderen Jugendlichen seiner Gruppe, die aus etwa zwanzig Teilnehmern bestand, in Kontakt und arbeitete einige Wochen lang fleißig und engagiert.

Eines Tages stand er in meiner Bürotür, die wie meistens offen stand, schaute vor meinem Schreibtisch auf den Boden und sagte: "Herr Simon, ich habe Probleme." Ich deutete mit dem Kopf auf die Sesselgruppe in der Ecke meines Büros und erwiderte: "Setz dich!"

Er nahm in einem Sessel Platz, rutschte dabei ganz nach vorne auf die Kante und beugte den Oberkörper vor, als wolle er sich zusammenrollen und begann zu wippen, wie es bei schwerem Hospitalismus zu beobachten ist. Dabei starrte er auf den Boden vor sich und schien völlig in sich gekehrt, abgeschottet gegen die Außenwelt. Noch während ich die Tür schloss, sagte er leise und schnell: "Ich habe Angst." Ich setzte mich zu ihm und innerhalb weniger Sekunden wurde er deutlich kurzatmig und bewegte den Kopf unruhig hin und her. Mit den Händen griff Marek nach den Lehnen des Sessels und schien immer wieder daran abzurutschen. Seine weiten Jeans und seine weiße Windjacke mit dem übergroßen Basketballlogo, die ihm normalerweise ein sportliches Auftreten garantierten, hingen wie nasse Segel an ihm herab. Ich bemerkte, dass seine Hautfarbe heute viel blasser war als sonst und irgendwie wirkte dieser hoch gewachsene junge Mann viel kleiner, als ich ihn üblicherweise wahrnahm. Marek wiederholte noch einmal: "Ich habe Angst" und schaute mich kurz und flüchtig dabei an.

"Wie lange hält es schon an?", fragte ich, denn es war offensichtlich, dass er sich nicht vor einem Jugendlichen aus seiner Gruppe oder vor der Anfeindung eines anderen Menschen fürchtete. Vor mir saß ein junger Mann, der gerade eine Panikattacke erlebte und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er das nur zu gut kannte.

"Keine Ahnung, vielleicht zehn Minuten, ich weiß es nicht." Er schien kaum noch ein- und auszuatmen, obwohl er angab, ein Gefühl des Erstickens zu erleben. Ich hatte damit gerechnet, dass er nun nach Luft ringen würde, was aber nicht der Fall war. Er sagte weiter, er befürchte, sein Herz bliebe stehen und er müsse sterben. Da ich zu jener Zeit keine Erfahrung im Umgang mit Angststörungen in diesem Ausmaß hatte, konnte ich nicht abschätzen, wie die Situation sich entwickeln würde. Mein Wissen hierzu stammte aus Lehrbüchern, sodass ich nicht wusste, ob das Hinzuziehen eines Arztes die richtige Entscheidung gewesen wäre oder bis zu seinem Eintreffen der ganze Spuk bereits vorbei sein würde. Ich teilte ihm also meine Sorge mit und fragte ihn, ob er wisse, wie ich ihm helfen könne. Meine Vermutung hinsichtlich seiner Erfahrung mit diesem Zustand bestätigte sich unmittelbar, indem er mir sagte, er wolle einfach im Sessel sitzen bleiben und warten. Gleichzeitig bat er mich

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