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Die letzte Stunde der Wahrheit Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft von Nassehi, Armin (eBook)

  • Verlag: Sven Murmann Verlagsgesellschaft mbH
eBook (ePUB)
13,99 €
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Die letzte Stunde der Wahrheit

Komplexität - mehr als ein Schlagwort! Eindimensionales Denken regiert eine mehrdimensionale Welt. Doch die Ära der Eindeutigkeiten geht zu Ende. An ihre Stelle tritt ein neues vernetztes Denken, das die Komplexität der Gesellschaft versteht und würdigt, statt sie zu bekämpfen. Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten: Das Vertrauen in Politik schwindet, Märkte sind nur schwer zu bändigen, gesellschaftliche Konflikte werden kaum mehr zivilisiert geführt, Demokratie verliert ihre Integrationskraft, gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten lösen sich auf. Wir bleiben verfangen in politischen und gesellschaftlichen Konzepten des 19. Jahrhunderts und scheitern damit an der erreichten Komplexität unserer Gesellschaft - im richtigen Leben ebenso wie auch in unseren Theorien und Denkkonzepten. Worum es geht, ist ein vernetztes Denken zu entwickeln, das mit Instabilität rechnet und Abweichungen liebt, das Komplexität nicht vermeidet und wegredet, sondern versteht und entfaltet und sie mit ihren eigenen Mitteln schlägt. Aktualisierte Neuausgabe Armin Nassehi wurde 1960 in Tübingen geboren und wuchs in München, Landshut, Teheran und Gelsenkirchen auf. Er hat 1979 ein Studium der Erziehungswissenschaften in Münster aufgenommen und bis 1985 alles Mögliche studiert - Philosophie, Soziologie, Psychologie - in einer Zeit, in der Studien noch nicht wie sowjetische Fünf-Jahres-Pläne durchgearbeitet waren. Er wurde dann als Soziologe promoviert, habilitierte sich im selben Fach und machte eine eher klassische und langweilige Universitätskarriere. Seit 1998 ist er Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der LMU München. Sein Praxisschock begann erst, als er bereits bestallter Professor war, als seine wissenschaftlichen Thesen und Argumente mehr und mehr auch außerhalb der academia gefragt waren. Seit 2012 ist er Herausgeber des Kursbuchs und gilt als einer der wichtigen public intellectuals des Landes. In seiner Freizeit ist er ein leidenschaftlicher Sänger und wäre gerne so begabt, wie er begeistert davon ist.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 216
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783946514596
    Verlag: Sven Murmann Verlagsgesellschaft mbH
    Größe: 940 kBytes
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Die letzte Stunde der Wahrheit

Zweites Kapitel / Weltveränderung / Zwischen kollektiver Einheit und besserer Einsicht

Weltveränderung ist ein großes Wort - wenn man unter der "Welt" nicht nur ein Korrelat unserer Beobachtung und unseres Weltverhältnisses versteht, sondern vielleicht so etwas wie den letzten Horizont von allem, dann sind wir schnell bei theologischen Begriffen. Nicolaus Cusanus hat die Position Gottes als coincidentia oppositorum bezeichnet. So weit wollen wir hier nicht gehen. Die Welt verändert sich ohnehin - verändern ist ein transitives Verb und wird oft reflexiv gebraucht. Sie verän dert sich . Und wir sind mittendrin. Insofern sind unsere Veränderungsbemühungen keine, die die Welt verändern, aber Versuche, etwas in der Welt zu verändern - und die Art und Weise, wie dies möglich ist, hängt stark davon ab, wie wir die Horizonte dessen, als was uns die Welt erscheint, beobachten. Im Folgenden soll es genau um die Frage gehen: Wie verändern wir die Welt in unserem Sinne?

Zwischen individueller Einsicht und kollektivem Handeln

Ich bin ein Soziologe - und meine größte Passion in meinem Beruf ist es, in jedem Wintersemester mehrere hundert Studen tinnen und Studenten unterschiedlicher sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlicher Fächer als Erstsemester in dieses Fach einzuführen. Ein Drittel von ihnen studiert Soziologie im Haupt fach, für alle anderen ist es Nebenfach. Der Kontakt zu diesen jungen Leuten, die in meiner Illusion immer jünger werden - dabei werde ja nur ich immer älter -, ist insofern sehr lehrreich, als man an ihnen die klassischen Motive unverstellt wiederfin den kann, wenn es um die Frage geht, wie die Welt verbessert werden kann.

Welches Problem auch immer ich mit den Studierenden diskutiere - den Klimawandel, ökologische Gefährdungen, soziale Ungleichheit oder Gerechtigkeit und die angemessene Vertei lung von Gütern und Lebenschancen, Diskriminierungen und Interessendivergenzen -, stets wundern sie sich darüber, war um die Lösung der Probleme so schwierig ist. Das Ökologie problem wäre doch durch Einsicht in Verzichtsformen einfach zu erledigen. Auch Solidarität mit den Schwächeren setze nur einen freiwilligen Verzicht der Stärkeren voraus. Eine angemes sene Verteilung von Gütern müsste staatlicherseits geregelt wer den können, und wenn Produzenten solche Produkte herstellen würden, die man wirklich braucht, dann würde es allen besser gehen. Und wenn sie darauf hingewiesen werden, dass ihr im kalifornischen Cupertino ausgedachtes Smartphone für sie nur deshalb erschwinglich ist, weil man bei der Fertigung auf Löhne zurückgreift, die eben nicht denen in Kalifornien oder Ober bayern entsprechen, dann kommt zumindest die Reaktion, dass sich ja noch nichts ändern würde, wenn der Einzelne hier Ver zicht leisten würde. Und wenn sie dann weiter mit der Idee konfrontiert werden, dass die viel niedrigeren Löhne in ärmeren Regionen der Welt dort womöglich nicht nur Ausbeutungs folgen, sondern auch Entwicklungsmöglichkeiten beinhalten, gerät die Ordnung des Denkens schon stark ins Wanken. Noch mehr, wenn sie sich zusätzlich anhören müssen, dass eher linke wie auch wirtschaftsliberalere Kommentatoren solcher glo baler Zusammenhänge - wie etwa Erich Weede und Elmar Altvater 1 - zu ganz ähnlichen Diagnosen kommen.

Die offene Frage für die jungen Leute ist fast immer die, wie aus der leicht zu gewinnenden Einsicht in das Richtige der Übergang vom individuellen Handeln in kollektive Wirkungen gelingen kann. Sie bieten dann zwei Erklärungen an: Entweder müssen eben alle von der vernünftigen Idee überzeugt werden, oder aber es muss so etwas wie eine kollektive Solidarität geben

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