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LION Der lange Weg nach Hause von Brierley, Saroo (eBook)

  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)

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LION

Es ist ein Tag wie jeder andere im Leben des fünfjährigen Saroo: Auf dem Bahnhof einer indischen Kleinstadt sucht er nach Münzen und Essensresten. Schließlich schläft er vor Erschöpfung in einem wartenden Zug ein. Der fährt den kleinen Jungen ans andere Ende von Indien, nach Kalkutta. Völlig alleine an einem der gefährlichsten Orte der Welt schlägt er sich wochenlang auf der Straße durch, landet im Waisenhaus und gelangt so zu den Brierleys, die Saroo ein neues Zuhause in Australien schenken. Fünfundzwanzig Jahre später macht sich Saroo mit Hilfe von Google Earth auf die Suche nach seiner leiblichen Familie. Am Bildschirm fährt er Nacht für Nacht das Zugnetz von Indien ab. Das Unglaubliche passiert: Er findet ein Dorf, das dem Bild in seiner Erinnerung entspricht - und macht sich auf den Weg ... Saroo Brierley wurde in Khandwa, Madhya Pradesh, Indien geboren. Er lebt heute in Hobart, Australien und fährt regelmäßig nach Indien um seine leibliche Familie zu besuchen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843709705
    Verlag: Ullstein
    Größe: 9566 kBytes
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LION

1

Erinnerungen

In Hobart, wo ich aufgewachsen bin, hing eine Indienkarte an der Wand meines Zimmers. Dafür hatte meine Mum – meine Adoptivmutter – gesorgt, damit ich mich in meinem neuen Zuhause wohler fühlte. Ich war sechs Jahre alt, als ich dort eintraf, und noch so ungebildet, dass ich nicht einmal wusste, was eine Landkarte ist. Sie musste mir erklären, was es damit auf sich hatte und was sie darstellte.

Mum hatte das Haus mit indischen Gegenständen geschmückt. Es gab Hindu-Figuren, Ornamente und Glöckchen aus Messing und viele kleine Elefanten. Dass dies für einen australischen Haushalt keine gewöhnlichen Gegenstände waren, wusste ich natürlich auch nicht. Auf der Kommode in meinem Schlafzimmer lag außerdem ein mit indischen Motiven bedrucktes Tuch; darauf hockte eine mit bunten Kleidern ausstaffierte, aus Holz geschnitzte Puppe. All dies war mir irgendwie vertraut, auch wenn ich derartige Dinge zuvor nie zu Gesicht bekommen hatte. Andere Adoptiveltern wären vielleicht der Meinung gewesen, dass es mir bessergetan hätte, bei null anzufangen, ohne jeden Bezug zum Land meiner Geburt. Aber meine Hautfarbe verriet ohnehin meine exotische Herkunft, und meine Adoptiveltern hatten sich bewusst entschieden, ein Kind aus Indien anzunehmen.

In meiner Kindheit purzelten mir die zahllosen Ortsnamen auf der Karte im Kopf durcheinander. Lange bevor ich lesen konnte, wusste ich immerhin, dass das riesige V des indischen Subkontinents voller Städte und Ortschaften, Wüsten und Berge, Flüsse und Wälder ist. Dies alles – der Ganges, der Himalaja, Tiger, Götter! – faszinierte mich zunehmend. Beim Anblick der Karte verlor ich mich in Gedanken darüber, dass sich dort irgendwo der Ort versteckte, an dem ich zur Welt gekommen war. Ich wusste, dass er "Ginestlay" hieß, nicht aber, ob es sich um eine Stadt, ein Dorf oder vielleicht auch nur um ein Wohnviertel handelte. Auf der Karte war er jedenfalls nicht zu finden.

Ich kannte nicht einmal mein genaues Alter. In den offiziellen Dokumenten standen nur ein von den indischen Behörden geschätztes Geburtsdatum sowie der Tag meiner Ankunft im Waisenhaus, das mich zur Adoption freigab. Als verwirrtes kleines Kind hatte ich nicht viel zur Aufklärung meiner Identität oder meiner Herkunft beitragen können.

Darum wussten auch meine Adoptiveltern anfangs nicht, wie und warum ich verlorengegangen war. Sie wussten nur, dass man mich auf den Straßen Kalkuttas aufgelesen und mich, weil meine Familie nicht ausfindig zu machen war, in das Waisenhaus gegeben hatte. Zum Glück für uns alle wurde ich schließlich von den Brierleys adoptiert. Sie zeigten mir Kalkutta auf der Karte und sagten, dass ich von dort käme. Dabei hörte ich den Namen dieser Stadt aus ihrem Mund zum ersten Mal. Erst ein Jahr nach meiner Adoption und als ich einigermaßen Englisch gelernt hatte, konnte ich meinen Stiefeltern beibringen, dass ich in Wirklichkeit nicht aus Kalkutta stammte und dass es mich nur dorthin verschlagen hatte, nachdem ich in einem Bahnhof in der Nähe von "Ginestlay" in einen Zug gestiegen war. Der Bahnhof habe "Bramapour", "Berampur" oder ähnlich geheißen; er müsse sehr weit entfernt von Kalkutta liegen, doch wo genau, habe mir damals niemand sagen können.

Nach meiner Ankunft in meinem neuen Zuhause war die Zukunft erst einmal wichtiger als die Vergangenheit. In einer Welt, die völlig anders war als die Umgebung meiner ersten fünf Jahre, sollte für mich ein neues Leben beginnen, und meine Stiefeltern halfen mir nach Kräften über die größten Schwierigkeiten hinweg. Für meine Mum war offenbar klar, dass ich die sprachliche Hürde in kürzester Ze

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