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Links, wo das Herz schlägt Inventur einer politischen Idee von Hank, Rainer (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.03.2015
  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Links, wo das Herz schlägt

Was ist eigentlich heute noch links? Noch immer steht in unserem Land 'links' für 'gerecht', 'ökologisch', 'sozial'. Jeder will es sein, doch wer ist es wirklich? Rainer Hank schaut zurück auf die eigene 'linke' Geschichte und die seiner Generation und konfrontiert diese mit dem Stillstand der Gegenwart. Damit leistet er die überfällige Inventur einer großen, wirkungsmächtigen politischen Idee. Rainer Hank, geboren 1953, studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und katholische Theologie, promovierte über die Literatur der Wiener Moderne und lebt heute in Frankfurt. Seit 2001 leitet Rainer Hank die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Zuletzt erschien bei Blessing 'Die Pleite-Republik'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 16.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641150945
    Verlag: Knaus
    Größe: 430 kBytes
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Links, wo das Herz schlägt

II. Warum die Gier das Herz erkältet und wo die Wärme wohnt. Warum schöne Frauen links sind und was das mit unseren Werten zu tun hat.

Wie kommt einer überhaupt zu seinen Werten, Einstellungen, Haltungen, Präferenzen? Vor der Zäsur des Jahres 1972 und meinem Wechsel nach Tübingen gab es ja schon viele frühere Prägungen. Aufgewachsen mitten im Zentrum von Stuttgart, wo es zwar Banken, Regierungsgebäude und Kaufhäuser, aber keine Wohnhäuser gab, wurden mir früh zwei Nachbarn besonders wichtig: die Kirche und das Theater. Eine katholische Kirche, buchstäblich Mauer an Mauer an die Bank angrenzend, in der mein Vater Hausmeister war und unsere Dienstwohnung lag, war nach dem frühen Tod meiner Mutter im Jahr 1961 so etwas wie Ersatz der Geborgenheit. Wie für viele katholische Buben meiner Generation begann die nähere Bekanntschaft mit dem christlichen Glauben als Ministrant. Weil das noch vor dem Konzil war, gab es natürlich auch viel wallende Gewänder, viel Weihrauch, viel Latein und an Weihnachten, Ostern und zu anderen Festen immer eine große Haydn- oder Mozartmesse mit Solisten und Pauken und Trompeten drum herum. Katholische Messen, zumindest damals, hatten etwas Ästhetisches und Theatralisches und boten dem kleinen Ministranten einen angemessenen Ort der Selbstdarstellung. Auch zu Hause wurden - ich war sechs oder sieben - häufig Messen und Maiandachten liturgisch veranstaltet. Ich zitiere den großen Thomas Gottschalk: "Meine Mutter musste fünf Akkorde am Klavier spielen, dann begann die Prozession: Ich bin ins Wohnzimmer eingezogen, habe den Segen erteilt und auf dem Sessel meine Predigten gehalten".

So ungefähr, nur ohne Klavierakkorde, darf man sich das bei mir auch vorstellen. Damals gab es noch die großen Fronleichnamsprozessionen mit ausgestelltem Allerheiligsten, eine Erfahrung, die es mir sehr angetan hatte. Noch einmal, und noch einmal mit Thomas Gottschalk: "Meine Erinnerungen sind allesamt positiv. Für mich heißt Kirche in dieser Zeit: die Lagerfeuerromantik in den Jugendlagern, der Weihrauch in den lateinischen Hochämtern und die Morgensonne, die sich im Mosaik der Kirchenfenster bricht."

Nach dem Konzil, in den späten sechziger Jahren, vermissten wir in der ästhetischen Selbstbezüglichkeit der Liturgie den kritischen Zugriff, weil, wie wir dann fanden, das Christentum doch auch die Welt verändern und sie nicht nur mit viel Weihrauch selbst verklären sollte. Da begannen wir zu maulen, mit dem Pfarrer zu streiten, nannten die Orchestermessen Ausdruck des verbreiteten Konsumismus, bezichtigten die Liturgie der Unwahrhaftigkeit und fanden, dass Jesus nicht gelebt habe, um sich weihrauchduselig von der Welt ab-, sondern den Armen zuzuwenden. Gesellschaftsveränderung mit dem Neuen Testament: Das war der Anfang meiner linken Prägung. Freunde, die mir das später als Herz-Jesu-Sozialismus madig machen wollten, haben mich damit immer beleidigt. Weil darin der Vorwurf eines Defizits an Analyse mitschwingt, die Haltung somit nur als intellektuell minderbemittelt durchgeht. Dabei wollten wir doch auch die Welt verändern, eben aus dem Geist des Evangeliums.

Weltveränderung war auch das Thema der zweiten wichtigen Jugenderfahrung, der des Theaters, wo ich, sagen wir seit dem 15. Lebensjahr, sicher einmal die Woche, es waren ja nur hundert Meter, schaute, was es zu sehen gab. Meistens sah man Brecht oder Shakespeare, aber auch vieles andere, wobei ich mit den vielen Toten der Shakespeare'schen Königsdramen deutlich weniger anfangen konnte als mit dem linken Pathos der Nüchternheit bei Brecht. Irgendwie ist es dann nicht verwunderlich, dass ich aus den beiden frühen Erfahrungen auch meine Studienfächer Theologie und Germanistik machte. Wobei, auch hier bin ich alles andere als ein Einzelfall, vor allem als für die Literatur ein Deutschlehrer wichtig wurde, der uns nicht nur Lessing und Trakl nahebrachte, sondern auch die Regeln der Sprache und der die Lust am Deb

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