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Über das Meer Mit Syrern auf der Flucht nach Europa von Bauer, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2014
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Über das Meer

Vor unseren Augen spielt sich eine doppelte humanitäre Katastrophe ab: Der syrische Bürgerkrieg fordert nach wie vor zahllose Menschenleben. Millionen Syrer sind auf der Flucht. Einige von ihnen wagen von Ägypten aus die Überfahrt nach Europa. Bei diesem Unterfangen sterben Jahr für Jahr Hunderte Menschen, das Mittelmeer ist damit die gefährlichste Seegrenze der Welt. Der 'Zeit'-Reporter Wolfgang Bauer hat syrische Flüchtlinge begleitet. In ihren Verstecken in Ägypten, im Boot, auf den Straßen Europas. Er schildert die Schicksale, die sich hinter den abstrakten Zahlen verbergen, und die dramatischen Umstände der Flucht. Ein authentisches Dokument und zugleich ein leidenschaftlicher Appell für eine humanitärere Flüchtlingspolitik.

Wolfgang Bauer, geboren 1970, arbeitet für die Wochenzeitung DIE ZEIT. Für seine Reportagen wurde er u. a. mit dem Katholischen Medienpreis und dem Prix Bayeux-Calvados des Correspondants de Guerre ausgezeichnet. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa .

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 06.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518739631
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 3764kBytes
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Über das Meer

Der Strand I

"Lauft!", brüllt es hinter mir, die helle Stimme eines jungen Mannes, ein halbes Kind noch, "Lauft!", und ich beginne zu laufen, ohne viel zu begreifen, ohne in der Dämmerung viel zu sehen, ich renne den schmalen Pfad hinunter, in einer langen Reihe mit den anderen. Ich renne, so schnell ich kann, sehe auf meine Füße, die mal auf Erde aufsetzen, dann auf Stein, springe über Löcher im Boden, über Mauerbrocken, strauchele, renne weiter. "Ihr Hurensöhne!", schreit einer der Jungen, die uns eben aus den Minibussen gejagt haben und jetzt neben uns her rennen, uns vorwärts prügeln wie Viehtreiber ihre Herde. Er schlägt mit einem Stock auf uns ein, auf unsere Rücken, die Beine. Er packt mich am Arm, reißt mich fluchend voran. Wir sind neunundfünfzig Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien, die Rucksäcke geschultert, die Koffer in den Händen, und rennen an einer langen Fabrikmauer entlang, irgendwo am Rande eines Industriegebiets im ägyptischen Alexandria.

Vor mir hebt und senkt sich der Rücken von Hussan, 20, ein massiger Junge, das Gesicht zum Boden, er keucht, torkelt bald, er bremst mich aus, weil er nicht mehr kann, plötzlich stehenbleiben will, ich drücke ihn also von hinten voran, mit aller Kraft, schiebe ihn, bis er wieder zu rennen beginnt. Der Stock des Treibers knallt auf uns nieder. Irgendwo vor Hussan weint die 13-jährige Bissan vor Angst. Sie umklammert beim Laufen den Rucksack mit ihren Diabetes-Medikamenten. "Abschaum!", ruft der, der uns antreibt. Hinter mir ist Amar, 50, in seiner weithin sichtbaren signalblauen Goretex-Jacke, er hat sie sich extra für diesen Tag gekauft, seine Tochter fand die Farbe schick, auch er wird immer langsamer, das Knie schmerzt, der Rücken, doch, hat er zuvor gesagt, er wird es schaffen. Er muss es schaffen. Er kommt aus Syrien, wie fast alle hier, Ägypten ist für ihn nur eine Station auf seiner Reise. Dann biegt die Mauer scharf nach links ab, und wir sehen plötzlich, ganz nah, keine fünfzig Meter entfernt, was wir uns seit Tagen erhofft, wovor wir uns seit Tagen gefürchtet haben. Das Meer. Glühend liegt es vor uns im letzten Abendlicht.

Der Fotograf Stanislav Krupar und ich haben uns syrischen Flüchtlingen angeschlossen, die versuchen, von Ägypten nach Italien zu gelangen, über das Meer. Wir haben uns Schleusern ausgeliefert, die nicht wissen, dass wir Journalisten sind. Deshalb treiben sie auch uns mit Schlägen voran, denn alles muss schnell gehen, damit die große Gruppe niemandem auffällt. Journalisten würden sie nicht mitnehmen, aus Angst davor, an die Sicherheitsbehörden verraten zu werden. Das ist das Gefährlichste für uns auf dieser Reise: von den Schmugglern enttarnt zu werden. Nur Amar und seine Familie sind eingeweiht, wer wir wirklich sind. Er ist ein alter Freund, den ich von meiner Berichterstattung über den syrischen Bürgerkrieg kenne. Verzweiflung hat ihn auf diese Reise gezwungen, er träumt davon, in Deutschland zu leben. Er wird für uns auf der Fahrt übersetzen. Wir haben uns lange Bärte wachsen lassen und uns neue Identitäten zugelegt. Auf der Reise sind wir Varj und Servat, Englischlehrer, zwei Flüchtlinge aus einer Kaukasus-Republik.

Wir sind jetzt Teil des großen Exodus. Fünfundsiebzigtausend Menschen flohen von Januar bis Juli 2014 über das Mittelmeer nach Europa, die meisten von Libyen aus. Ein Jahr zuvor waren es noch sechzigtausend. Sie stammen aus Ländern, in denen Krieg herrscht, wie Syrien oder Somalia, aus Diktaturen wie Eritrea oder sie wünschen sich ein Leben unter besseren wirtschaftlichen Bedingungen.

Die politische Ordnung des Nahen Ostens bricht in sich zusammen. In Jahrzehnten d

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