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Auf der Flucht vor dem Kaplan Wie uns die Kirche den Glauben austrieb von Oschwald, Hanspeter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.08.2011
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Auf der Flucht vor dem Kaplan

Angst, Unterdrückung, Machtmissbrauch - dies sind die Schlüsselerlebnisse vieler, die im katholischen Milieu der Fünfziger- und Sechzigerjahre aufgewachsen sind. Jetzt erheben die Kinder von damals endlich ihre Stimme. Sie berichten vom Klima der Angst, in dem Kaplane, Pfarrer und Kirchenfunktionäre willkürlich über die Schutzbefohlenen verfügen und Eltern und Lehrer aus Unterwürfigkeit, Scham und Stolz wegschauen. Hanspeter Oschwald, renommierter Journalist und Kirchenkritiker, beschreibt, wie seine Generation unter dem Deckmantel des Glaubens perfide Machtspiele ertragen musste. Ein sehr persönliches Buch, das vielen aus der Seele spricht. Hanspeter Oschwald, geboren 1943, ist Buchautor und Journalist. Er war Redakteur bei Die Welt sowie Auslandschef bei Focus und hat bereits zahlreiche Bücher zu den Themen Glauben und Kirchenpolitik veröffentlicht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 04.08.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492952286
    Verlag: Piper
    Größe: 860 kBytes
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Auf der Flucht vor dem Kaplan

Die Angst vor der Liebe Gottes

Erfahrungen in der katholischen Jugend
und Fragen ohne Antworten

Die katholische Welt war in den 50er-Jahren noch in Ordnung. In Rom wartete ein greiser Papst Pius XII. öffentlich vollkommen unbeschadet auf den Tod. Fernsehen gab es kaum, und bei Radioübertragungen gingen wir beim Segen auf die Knie. Mehr war aus Rom nicht mitzubekommen, und das war auch gut so. Daheim gingen wir zwei Mal in der Woche zur Messe, zur Jugendmesse am Donnerstagabend und am Sonntag zum Gottesdienst. Manche ließen auch Andachten, vor allem die Maiandachten mit ihren süßlichen und sentimentalen Marienliedern, nicht aus. Wer im Umkreis der Kirche wohnte, besuchte mindestens eine Frühmesse pro Woche. Jungs konnten sich dem Ruf als Ministrant zum Altardienst kaum entziehen, doch das fanden alle in Ordnung.

Pius XII. leitete schließlich sogar eine Neuerung ein, die uns alle froh stimmte. Die Sonntagsmesse durfte nun schon am Samstagabend gültig gefeiert werden, was freie Fahrt für Wanderungen und Sonntagsausflüge ohne Rücksicht auf den Gottesdienstzwang bedeutete – eine ungemeine Entlastung.

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Es war eine schöne Zeit. Und von Krise war in der Kirche und im aufkommenden Wirtschaftswunder auch in den bisher lange Not leidenden Familien nichts zu spüren. Zur Erstkommunion trugen die Jungen üblicherweise einen dunklen Sonntagsanzug, danach folgte ein mehrgängiges, reichliches Sonntagsessen mit der obligatorischen Nudelsuppe als Auftakt, und zur Erinnerung daran erhielten die meisten Kommunionskinder die damals heiß ersehnte Armbanduhr. Ich bekam gleich zwei, von meinem Paten, dem Götti, und meiner Patin, der Gotti, die beide nichts voneinander wussten.

Die düstere Vergangenheit lag zwar zeitlich gesehen noch nicht so lange zurück, aber das allgemeine Verdrängen war unausgesprochen zur Meisterdisziplin erhoben worden. Und wir jungen Leute wussten sowieso zu wenig und wurden auch ganz bewusst in der Unwissenheit gelassen. Nicht denken, nicht zweifeln, nur gehorchen war angesagt. Und letztlich ging es uns doch gut, oder?

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1958 starb dann Pius, und der gütige Johannes XXIII. wurde zum Papst gewählt. Jetzt war die Welt auch noch mit einem menschlichen Papst gesegnet, was wollte die Kirche mehr? In der katholischen Jugend Hausach schlug sich die Veränderung in einer Atmosphäre des Aufbaus und des Neuanfangs nieder.

Bisher hatten sich die jungen Katholiken überwiegend im Rahmen der Kolpingsfamilie engagiert, die längst keine Handwerkersammlung mehr war. Die sozialen Vorstellungen des Gesellenvereins trafen unsere Befindlichkeit allerdings überhaupt nicht mehr, und die Kolpingsöhne kamen uns altmodisch vor, wie ein Überbleibsel aus einer Jahrzehnte zurückliegenden Welt.

Wer sich hier also nicht wohlfühlte, konnte den Georgspfadfindern beitreten, einer streng autoritär und hierarchisch organisierten Jugendbewegung, die in Hausach ihren Mittelpunkt beim Feldmeister hatte, der bei einer alleinstehenden, herzensguten Tante lebte. Er war ein handwerklich geschickter junger Mann, dem höhere intellektuelle Ansprüche jedoch eher fremd waren. Lagerfeuer, Nachtmärsche, Zeltlager, Handarbeiten waren seine Stärke und gelegentlich auch männliches Kräftemessen, was nichts anderes bedeutete als kräftiges Raufen.

Als durch Krankheiten sensibilisierter Junge, der wegen der Operationen sogar vom Schulturnen befreit war, waren die "Heckenhopser" für mich nur für wenige Monate eine Adresse. Eine weitere Alternative waren die Ministranten, was in meinem Fall jedoch wegen der räumlichen Kirchenferne, die längere Fußmärsche erfordert hätte, nicht infrage ka

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