text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Aus der nahen Ferne von Solnit, Rebecca (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.04.2014
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Aus der nahen Ferne

'Manchmal ist der Schlüssel lange vor dem Schloss da. Manchmal fällt einem eine Geschichte in den Schoß. Einmal fielen fünfzig Kilo Aprikosen in meinen ...' Als ihre Mutter sich nicht länger um den Aprikosenbaum in ihrem Garten kümmern kann, fällt Rebecca Solnit die Ernte zu - und ein Jahr des Abschieds und des Neuanfangs beginnt: Ihre Mutter bekommt Alzheimer, sie selbst Brustkrebs, ihre Beziehung endet. Und während sie zurückblickt auf dieses Jahr der Aprikosen und der Notfälle, fasst Solnit die Erzählfäden ihres Lebens zusammen - denn es ist das Erzählen, das den Menschen ausmacht, ihn vor dem Vergessen schützt. Rebecca Solnit, Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Rebecca Solnit lebt in San Francisco.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 16.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455851168
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 769 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Aus der nahen Ferne

2 Spiegel

Der riesige Haufen Aprikosen bestand aus unreifen, reifenden und faulenden Früchten. Die Geschichten über meine Mutter enthalten von jeder Sorte etwas. Hätte ich früher über sie geschrieben, wäre es eine Gerichtsverhandlung geworden, wurde ich doch nach der Logik von Argumenten, Tatsachen und des Rechthabens erzogen, nicht danach, was vielleicht Liebe sein könnte und einen Schritt weiter ginge. Ich hätte wohl als Angeklagte erzählt, in der Absicht, mich zu verteidigen, war ich doch so lange vieler nebensächlicher Dinge angeklagt. Etwas von der Dringlichkeit einer Rechtfertigung meiner Existenz und meines Überlebens ist fort, aber die Geschichte davon bleibt, ein harter Kern, wo das Gefühl vergangen ist. – Da sind andere Geschichten, noch nicht ganz reif, die ich in späteren Jahren sehen und erzählen werde. Seit die Aprikosen zu mir kamen und ich anfing, in Märchen zu denken, erschrak ich, wenn mir der Vers aus Schneewittchen einfiel, "Spieglein, Spieglein an der Wand", denn die Verknüpfung von Müttern und Spiegeln brachte mich darauf, wie mörderisch die Wut meiner Mutter war. Über Jahrzehnte war sie von Neid zerfressen, einem Neid, der eine von ihr selbst erdachte Geschichte war, die eines ständigen Vergleichs.

Sie glaubte fest an Gerechtigkeit. Im besten Fall stand sie für die Rechte der Unterdrückten auf, und im schlimmsten missgönnte sie mir all das, wovon sie glaubte, sie hätte es nie gehabt. Neid war ein Gefühl, und sie verwandelte ihre Gefühle in Gründe und ihre Gründe in Tatsachen, und für wahr erachtete Tatsachen verhärteten sich, wurden unveränderlich, selbst wenn ihre Gefühle sich wieder und wieder änderten. Diese Gefühle verformten sich zu Geschichten, und die Geschichten, die sie sich selbst erzählte, riefen unabhängig und lange nach den Ereignissen wiederum Gefühle hervor.

Sie war von Geschichten besessen, geradezu verfolgt von ihnen – dass Schönheit der Schlüssel zum Glück sei, das ihr abhandengekommen sei, dass ihr etwas vorenthalten würde, was ihr eigentlich rechtmäßig zustand, sei es ein Gefallen ihrer Mutter oder das goldene Haar ihrer Tochter. Geschichten waren der Sturm, der sie hierhin und dorthin fegte, aber sie glaubte an ihre Wahrheit und Beständigkeit, es war ihr immer elend ergangen, immer prächtig, ihr Leben war gut, es war furchtbar gewesen, sie hatte so etwas niemals gesagt, niemals so etwas gefühlt, und selbst wenn sie Jahrzehnte auf einer Kränkung sitzenblieb, konnte sie sich nicht an ihre vorangegangene Wut erinnern.

Meine Geschichte ist eine Variante derer, die ich über die Jahre von vielen Frauen gehört habe, die von der Mutter, die sich jedem oder jemandem geopfert hat, um sich selbst dann von ihrer Tochter wiederzubekommen. Schon früh versicherte sie mir, dass sie mich als Kleinkind bereits ausgemessen habe, meine Größe verdoppelt und daraus geschlossen habe, dass ich als Erwachsene 1 , 58 Meter – 18 Zentimeter kleiner als sie – werden würde und dass mein Haar – weißblond in den ersten Jahren, zitronenblond, dann honigblond und schließlich straßenköterblond, mit goldenen Strähnen von der Sonne, als ich älter wurde – jeden Augenblick braun werden würde.

Diese kleine, brünette Tochter, die sie sich vorstellte, war nicht furchteinflößend, und sie erdachte sich eine angemessene Zukunft für mich und versuchte, mich gelegentlich darauf festzulegen. Ich blieb ein paar Zentimeter kleiner als sie, bis sich ihre Gestalt beugte, aber sie blieb von unserem Gr&

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen