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Die Erschütterung von Schneck, Colombe (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.09.2015
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Die Erschütterung

Wenn man aus Liebe gezwungen ist, den Tod zu wählen... Als Colombe Schneck, erfolgreiche Autorin und Journalistin aus Paris, eine Tochter zur Welt bringt, erinnert sie sich leise an den Wunsch ihrer verstorbenen Mutter, dem Mädchen den Namen Salomé zu geben - "Salomé, meine Cousine, von der nichts geblieben ist." Sie erfüllt der Mutter diesen Wunsch. Sie weiß, dass sich Salomés Spur 1943 in Auschwitz verliert. Doch mehr weiß sie nicht, denn darüber wurde in der Familie nie gesprochen. Und doch schwebte dieser dunkle Teil der Vergangenheit immer über ihnen, begleitete auch Colombe Schneck als Kind und als erwachsene Frau. Erst als sie nach der Geburt ihrer eigenen Tochter unerklärlich starke Verlustängste plagen, beginnt sie, sich mit diesem Kapitel ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen, und stößt auf ein schweres Erbe. Colombe Schneck hat an einer der renommiertesten Hochschulen in Paris Politik studiert und arbeitet als Journalistin. Ihre Bücher wurden in Frankreich mehrfach ausgezeichnet. Die Erschütterung ist ihr persönlichstes Buch, in dem sie die Geschichte ihrer Familie während des Holocausts verarbeitet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 28.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641159474
    Verlag: btb
    Originaltitel: La Reparation
    Größe: 1152 kBytes
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Die Erschütterung

Z uerst habe ich mich geirrt.

Ich sagte mir, das ist zu einfach, du trägst Sandalen mit goldenen Lederriemchen, du stürzt dich Hals über Kopf in aussichtslose Liebschaften, du sonnst dich gern am Mittelmeer, und du glaubst, eine junge Frau wie du könnte ein Buch über den Holocaust schreiben? Denn darum handelt es sich. Die Cousine meiner Mutter, Salomé, ihre Onkel und Tanten, ihre Vettern und ihre Großeltern haben vor dem Krieg in Litauen gelebt. Eine Gemeinschaft, von der nichts übrig geblieben ist. 95 Prozent der litauischen Juden sind ermordet worden. Das Verhältnis zu Litauen, dem Land, in dem meine Großmutter geboren ist und meine Mutter als Kind ihre Ferien verbracht hat, dieses Verhältnis existiert für uns nicht mehr. Seit 1945 haben Ginda und Hélène, Mutter und Tochter, geschwiegen. Ginda hat ihrer Tochter nie erzählt, was ihrer Großmutter, ihren Tanten und Onkel, ihrer Cousine Salomé und ihrem Vetter, dem kleinen Kalman, zugestoßen ist. Manche haben überlebt, andere sind tot, dem war nichts hinzuzufügen.

Mit ihnen darüber zu sprechen würde bedeuten, alte Wunden aufzureißen. Aber dadurch, dass ich meiner Tochter den schönen Namen Salomé gab, habe ich sie mit einem Fluch beladen, von dem ich nichts wusste.

Meine Großmutter mütterlicherseits, Ginda, wurde 1908 in Panev zys geboren.

Manchmal erzählte sie von dieser kleinen Stadt mit Holzhäusern, in denen es so kalt war. Sie hatte mehrere Gewohnheiten aus ihrer Heimat beibehalten, wie den stark gesüßten Tee, den sie aus einem kleinen Glas mit Henkel trank, oder Kascha, eine Art Buchweizengrütze, die sie für ihre Enkelkinder zubereitete.

Litauen, das Heimatland meiner Großmutter, ist ein flaches Land in Nordeuropa, in dem sich seit dem 12. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde niedergelassen hatte. Die Menschen lebten dort in guten wirtschaftlichen Verhältnissen, die Juden waren Handwerker, Händler oder Lehrer, und es herrschte ein reges geistiges und akademisches Leben. Es gab Universitäten, Theater, Zeitungen, Schulen und Gemüsegärten, in denen Auberginen und Gurken angebaut wurden. Trotz der russischen und polnischen Invasionen und einer Welle von Pogromen im 19. Jahrhundert führten die Juden in Litauen ein relativ sorgloses Leben. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Litauen zu einer unabhängigen demokratischen Republik. Für die litauischen Juden waren die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen geradezu ein "goldenes Zeitalter". Sie waren Staatsbürger mit wirklicher kultureller Autonomie. Die wichtigste jiddische Tageszeitung hatte eine zehnseitige Literaturbeilage, und auf der ersten Seite wurde jeden Tag ein Gedicht abgedruckt. Die Schwestern meiner Großmutter schrieben Gedichte, Poesie gehörte zum täglichen Leben.

In diesem "goldenen Zeitalter" war der Antisemitismus relativ unaufdringlich. Gewisse Posten in der Verwaltung durften nicht von Juden besetzt werden, und an der Universität gab es eine Zulassungsbeschränkung für Juden.

Ein Freund meiner Großmutter wanderte nach Argentinien aus, weil er aufgrund dieser Zulassungsbeschränkung keinen Studienplatz in der juristischen Fakultät bekam. Aber wenn man ihn fragte, warum er in Argentinien leben wolle, dann erklärte er: "Ich habe erfahren, dass die Literaturbeilage der bedeutenden argentinischen Tageszeitung El Diario fünfzehn Seiten umfasst. Das ist das Land, in dem ich leben muss."

Von der Demütigung, die mit der Weigerung der Universität verbunden war, ihm einen Studienplatz zu geben, sprach er nicht.

Meine Großmutter Ginda, die eine sehr gute Schülerin war, hatte ihre Eltern überredet, sie nach Paris gehen zu lassen, um dort Medizin zu studieren. 1926 traf sie in Frankreich ein. Eines Tages gestand sie mir: "Noch heute ist es mir ein Rätsel, wie ich meine Eltern überzeugen konnte, mich in Paris studieren zu lassen." Später hat sie dann hinzugefügt: "Aber ich war fest entschlossen." Doch sie hat mir nie gesagt, ob sie

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