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Die geraubten Mädchen Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas von Bauer, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.05.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
16,99 €
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Die geraubten Mädchen

Im April 2014 überfiel ein Kommando der Terrororganisation Boko Haram das Dorf Chibok im Nordosten Nigerias und entführte 276 Schülerinnen aus dem örtlichen Internat. Ein Aufschrei ging um die Welt. Unter dem Hashtag "Bring Back Our Girls" verliehen Persönlichkeiten wie Michelle Obama und die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai ihrem Entsetzen Ausdruck.

Das Schicksal der Schülerinnen aus Chibok ist kein Einzelfall. Bis heute befinden sich Tausende Frauen in den Händen der Islamisten. Im Juli 2015 reiste der "Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer nach Nigeria, um mit Mädchen zu sprechen, denen die Flucht gelungen ist. Sie berichten von ihrem Leben vor ihrer Entführung, von ihren grausamen Erfahrungen während der Gefangenschaft und von ihren Träumen für eine bessere Zukunft.

Die Erzählungen der Frauen bieten exklusive Einblicke in das Innenleben der Organisation und zeichnen ein detailliertes Bild des Schreckensregimes von Boko Haram. Zugleich beleuchtet das Buch die historischen und politischen Hintergründe des Terrors und zeigt, wie er das ethnische und kulturelle Gleichgewicht in einer der vielfältigsten Regionen der Welt zerstört. Vor allem aber gibt es den Mädchen ihre Stimme zurück. Eine kraftvolle Stimme, die von Leid und Gewalt erzählt, aber auch von Mut. Und von Hoffnung.

Wolfgang Bauer, geboren 1970, arbeitet für die Wochenzeitung DIE ZEIT. Für seine Reportagen wurde er u. a. mit dem Katholischen Medienpreis und dem Prix Bayeux-Calvados des Correspondants de Guerre ausgezeichnet. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa .

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 189
    Erscheinungsdatum: 08.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518744161
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 6876kBytes
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Die geraubten Mädchen

DER BAUM

Batula ist die ältere Schwester von Sadiya. Die Einundvierzigjährige hat acht Kinder. Eine kraftvolle Frau mit offenem Blick. Sie sucht den Augenkontakt, im Unterschied zu ihrer Schwester. Sie will, dass ich sie verstehe, spricht schnell, hastig. Batula ist mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Rabi gekommen. An ihrer Brust säugt Batula einen zwei Wochen alten Jungen. Sie war bereits schwanger, als sie von Boko Haram entführt wurde. Wir treffen uns mit ihr in einer Art Gartenhaus auf der Kuppe eines Hügels in Yola. Das Gelände, auf dem das kleine Holzhaus liegt, wird von mehreren Wachleuten gesichert. Die Wände des Hauses sind nach allen Seiten offen, es ist angenehm kühl im Innern. Ein sanfter Wind geht durch den Raum. Von draußen dringt leise Musik aus einem Radio herein. Wir hören das Gackern umherwandernder Hühner. Zwei Geckos, ein großer und ein kleiner, der eine mit roten Füßen, der andere mit gelben, huschen ruckartig über die Wände. Manchmal taucht einer von ihnen neben mir auf, ganz nah, ganz plötzlich, erschrocken springe ich von meinem Platz auf. Dann lachen die Frauen. Ich liebe die Geckos: für dieses Lachen.

Batulas Mann bewirtschaftete bis zum Boko-Haram-Überfall eine Plantage und beschäftigte mehrere Feldarbeiter. Batula verkaufte rote Bohnen, Reis und Mais auf dem Markt. Sie lebte in Gubla, einem Zehntausend-Einwohner-Dorf an der Nationalstraße A 13. Batulas Mann ist bis heute verschollen, genau wie ihre älteste Tochter. Siebzehn Menschen aus ihrer Familie sind bisher ums Leben gekommen, getötet von Boko Haram oder dem Militär. Rabi ist eine ganz Zarte. Wenn sie während der Gespräche nicht schläft, sitzt sie auf einer Bastmatte auf dem Boden und starrt vor sich hin.

Batula lebte neun Monate lang im Lager "Tor 1", wenige Bäume von ihrer Schwester Sadiya entfernt. Rabi wurde von ihrer Mutter getrennt im Lager "Tor 2" gefangen gehalten, wo sie Talatu in der Koranschule sah, aber nicht mit ihr reden durfte.

BATULA Ich will euch nicht langweilen. Sagt es mir, wenn ich euch langweile, denn an meiner Geschichte ist nichts Besonderes. Ich bin in Gubla geboren. Meine Eltern waren Bauern und haben am Fluss Zuckerrohr angebaut. Mein Vater gehörte noch dem alten Glauben an. Er stammte aus dem Dorf Sukur in den Bergen. Er hatte eine schwere Kindheit. Seine Mutter starb, da war er neun Jahre alt. Als mein Großvater wieder heiratete, wurde mein Vater von der neuen Frau verjagt. Er bettelte sich durchs Dorf. Dann hat ihn eine Familie der Fulani-Nomaden aufgenommen. Viele Jahre zog er mit ihnen durchs Land. Sie waren Muslime, deshalb wurde auch er Moslem. Als junger Mann hatte er genug von all dem Zauber und den Ritualen gehabt, bei denen man nackt tanzen musste. Er war der Einzige in seiner Familie, der zum Islam konvertierte. Alle anderen in unserer Familie wurden Christen. Die Leute hatten erst kurz zuvor damit begonnen, unten im Tal zu siedeln. Deshalb musste mein Vater erst einmal Land urbar machen. Er war einer der Ersten, die in dieser Gegend von Gubla bauten. Jetzt ist dieses Land Teil der Stadt geworden, mit vielen Häusern und Läden. Bevor die Boko-Haram-Krise begann, war der Wert der Grundstücke stark gestiegen.

Meine Mutter und er hatten fünf Kinder zusammen, dann ließen sie sich scheiden. Wir blieben in Vaters Haus, denn die Kinder gehören bei uns immer zum Vater. Er heiratete eine Neue. In unserem Stamm haben es Stiefkinder schwer. Die neuen Frauen mögen sie nicht. So haben wir Kinder getrennt vom Rest der Familie gekocht. Unser Vater hat uns nur heimlich Salz gegeben, weil die Schwiegermutter sonst mit ihm gestritten hätte. Und er wollte keinen Streit, keine weitere Scheidung. Die Stiefmutter hatte die totale Kontrolle im Haus. Unsere Mutter war mit Sadiya zu ihrer Familie nach Duhu gezogen. Von allen Kindern hat sie nur meine Schwester Sadiya mitgenommen

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