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Die Politik sind wir! Gegen den Egoismus, für einen neuen Gesellschaftsvertrag von Glucksmann, Raphaël (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2019
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Die Politik sind wir!

Es sind die beiden großen Herausforderungen unserer Zeit: die Krise der liberalen Demokratie und der drohende ökologische Kollaps. Was, wenn sie mehr miteinander zu tun haben, als wir glauben? In seinem politischen Essay zeichnet Raphaël Glucksmann ein gestochen scharfes Porträt der westlichen Gesellschaft. Differenziert und unaufgeregt zeigt er: Wir haben verlernt, uns als Zivilgesellschaft mit einer kollektiven Aufgabe und einer gemeinsamen Zukunft zu begreifen. In Zeiten des Klimawandels und auseinanderdriftender Gesellschaften brauchen wir jedoch gerade ein Gespür dafür, was uns verbindet. Die Politik sind wir! ist ein konstruktives Plädoyer für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Raphaël Glucksmann, 1979 in Paris geboren, ist Essayist und der Regisseur verschiedener Dokumentarfilme, darunter 'Orange: A European Revolution' und 'Kill them all!' über den Völkermord in Ruanda. Er gilt als eine der einflussreichen jungen Stimmen im politischen Diskurs in Frankreich und ist einer der Mitbegründer der Ende 2018 entstandenen pro-europäischen und ökologischen Bewegung Place Publique. Sein Buch 'Die Politik sind wir!' wurde in Frankreich direkt nach Erscheinen zum Nr. 1 Bestseller. Glucksmann lebt und arbeitet in Paris - und kandidiert bei der Europawahl 2019.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 13.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446264861
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
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Die Politik sind wir!

Matthäus' Hocker

Donald Trump wohnt im Weißen Haus, die Europäische Union löst sich auf, Wladimir Putin ist der Pate schlechthin, und Matteo Salvinis Aufstieg hat gerade erst begonnen. Mauern werden zahlreicher, Brücken stürzen ein, Häfen verschließen sich den Heimatlosen und Zollkontrollen kommen wieder in Mode. Der Rückzug der freiheitlichen Demokratie, die als globales Projekt angetreten war, lässt sich allerorten mit bloßem Auge beobachten. Wir sind grandios gescheitert. Wir, die fortschrittlichen Intellektuellen, Vorkämpfer des Humanismus, Befürworter der offenen Gesellschaft, Verfechter der Menschenrechte und kosmopolitischen Bürger, sind unfähig, die Welle des Nationalismus und Autoritarismus aufzuhalten, die derzeit über unsere Gesellschaften hereinbricht.

Wie alte Pfarrer, denen die Abkehr der Gläubigen erst recht als Bestätigung ihrer kritischen Weltsicht erscheint, predigen wir weiterhin vom Irrweg der Massen, ohne auch nur in Erwägung zu ziehen, wir selbst könnten an einem bestimmten Punkt in die Irre gegangen sein. Wir schimpfen, wir twittern, wir posten, wir demonstrieren. Wir zweifeln schnell an anderen, sind aber selbstgewiss. Obwohl sich ein Debakel an das andere reiht, wollen wir nicht hinterfragen, welche Fehler dazu geführt haben, dass wir heute nicht mehr gehört werden.

Derartiger Hochmut wirkt in ruhigen Zeiten bloß lächerlich. Im Auge des Sturms jedoch kommt er einem Suizid gleich. Um die künftigen politischen und kulturellen Schlachten zu gewinnen, müssen wir zuallererst begreifen, warum wir die zurückliegenden verloren haben. Um die Demagogen zu bekämpfen, die derzeit Aufwind haben, müssen wir die Gründe ihres Erfolgs in der Leere suchen, die uns umgibt und oft auch innewohnt. Um aus der Asche wiedergeboren zu werden, müssen wir erst sterben.

Beginnen wir die Reise ins Herz der gegenwärtigen Krise unserer Demokratien in der Kirche. Nicht etwa, um den Himmel um Hilfe anzuflehen, sondern um ein Gemälde Caravaggios zu bewundern. Es befindet sich in der Kirche San Luigi dei Francesi in Rom und heißt Matthäus und der Engel .

Auf den ersten Blick ist es unter den Gemälden des rebellischen Malers das harmloseste. Es zeigt keine als Madonna verkleidete Hure, keinen lasziven Jüngling, keinen abgehackten Kopf. Nicht einmal die schmutzigen Füße der vor der Madonna di Loreto niederknienden Pilger, die die Bischöfe damals arg schockierten. Matthäus sieht aus, als sei er gerade dem Bad entstiegen. Er trägt eine schöne, orangerote Toga. Ein unauffälliger Strahlenkranz weist ihn als würdigen antiken Philosophen aus. Mit einem Knie auf einen hölzernen Hocker gestützt schreibt er das Evangelium auf. Diktiert wird es ihm von einem Engel, der - für Caravaggio eine Ausnahme - seine Rolle als asexueller Abgesandter Gottes perfekt erfüllt. Stofffalten und Blickachsen bilden ein harmonisches Zusammenspiel, ohne einander zu kreuzen. Alles ist an seinem Platz. Alles hängt mit allem zusammen. Alles strebt nach oben.

Wer die Szene jedoch aufmerksam betrachtet, sieht, dass hinter der scheinbaren Ruhe etwas Beunruhigendes lauert. Fünf oder zehn Minuten lang fragt der Betrachter sich, woher angesichts dieser Anmut das ungute Gefühl kommt. Dann merkt er, dass der Hocker, auf den Matthäus sein Knie stützt, mit einem Bein im Leeren steht und jeden Moment umzukippen droht. Je länger man ihn betrachtet, umso mehr sieht man ihn sich bewegen. Man merkt, dass der alte Heilige jeden Moment auf den Betrachter stürzen und dabei alles mitreißen könnte - den Engel und den Himmel. Und Gott. Dieser wacklige Hocker auf dem scheinbar so friedlichen Bild kehrt den Sinn des gesamten Werks um: Die Harmonie war nur eine Illusion. Alles in der Schöpfung erweist sich als fragil und brüchig - selbst die heiligste Szene.

Der Hocker, der die kosmische Ordnung sprengt, ist Caravaggios Signatur. Er ist auch das perfekte Symbol für

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