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Digitale Gefolgschaft Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft von Türcke, Christoph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.02.2019
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Digitale Gefolgschaft

Plattformen wie YouTube, Facebook, Twitter oder Amazon sind die neuen sozialen Magneten - Clanbildner einer sich anbahnenden globalen digitalen Stammesgesellschaft. Während die herkömmlichen sozialen Bindungskräfte von Familien, Institutionen, Parteien, Verbänden und Staaten zunehmend schwinden, entstehen um digitale Plattformen wimmelnde Kollektive, die sich wie Schwärme oder Horden ausnehmen. Ihre Benutzer sind 'Follower', digitale Gefolgschaft hält die neuen Clans zusammen. Der Philosoph Christoph Türcke zeigt in einer brisanten Analyse, wohin die Dynamik der Digitalisierung führt. Sein neues Buch ist ein Augenöffner. Plattformen knechten ihre Nutzer nicht. Sie saugen sie an. Doch damit machen sie sie abhängiger als jede politisch-militärische Gewalt. Sie entfesseln ihr Wunschleben algorithmisch in einer bestimmten Richtung. Dabei steht das neue Erfolgsmodell der Plattform erst am Anfang seiner Wirkungsmacht. Schon arbeiten die großen Player daran, das Gesundheits-, das Bildungs- und das Verkehrssystem, letztlich die gesamte Wirtschaft nach dem Prinzip der Plattform umzubauen. Auch die Politik gerät in diesen Sog. Donald Trump behandelt die USA nicht nur wie eine Firma. Er macht mit Twitter Politik und sieht in den Bürgern Gefolgsleute oder Gegner. Doch es gibt auch Gegenkräfte und Gegenentwürfe. Sie haben das letzte Wort in diesem Buch, das zeigt, dass der Weg in die digitale Hölle mit lauterverheißungsvollen Errungenschaften gepflastert ist. Christoph Türcke ist Professor em. für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 251
    Erscheinungsdatum: 14.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406731822
    Verlag: Verlag C.H.Beck
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Digitale Gefolgschaft

Einleitung

Die frühen Menschen waren so gut wie nie allein. Ihre Wahrnehmungs- und Gefühlsweise, ihre Sitten und Gewohnheiten bildeten sie gemeinschaftlich aus. Bei fast allem, was sie taten oder erlitten, waren sie von Stammesgenossen umgeben, mit denen sie sich direkt und unkompliziert durch Gesten und vor allem durch Laute verständigten. Die archaische Stammeswelt war akustisch dominiert. Eines Tages aber wurde eine Erfindung gemacht, die zur Auflösung der Stammesverbände führte: die Schrift. Sie erweiterte zwar den Wirkungskreis der Sprache. Texte sind auch dort lesbar, wo man ihren Autor nicht sprechen hört. Aber in Ruhe schreiben und lesen kann jeder nur für sich. Schrift isoliert die Menschen gegeneinander und richtet sich ausschließlich ans Auge. Alphabet und Buchdruck haben dafür gesorgt, daß die optische Wahrnehmung sich von der akustischen abspaltete und allmählich die Herrschaft über das ganze Sensorium antrat.

Doch die Epoche der Schrift geht zu Ende. Telekommunikation und Television haben das Zeitalter einer neuen Gemeinschaftlichkeit eröffnet. Sie potenzieren nicht nur die Reichweite einzelner Organleistungen - wie Fernrohre das Sehen oder Räder das Laufen. Sie dimensionieren den ganzen menschlichen Organismus neu. Sie haben nämlich "das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden Netz ausgeweitet und damit, soweit es unseren Planeten betrifft, Raum und Zeit aufgehoben". Dank ihrer verbindenden Kraft kann man sich nun auf höchstem Kulturniveau und über den ganzen Globus hinweg wieder so direkt und unkompliziert verständigen wie einst im Stammesverband der Frühzeit. "Die Familie der Menschheit wird wieder zu einem großen Stamm." [ 1 ]

So legte sich in den 1960er Jahren der Medientheoretiker Marshall McLuhan den Gang der Menschheitsgeschichte zurecht - ultramodern, und doch ganz im Trott jenes altehrwürdigen Drei-Phasen-Schemas, das die biblische Tradition tief ins abendländische Denken eingesenkt hat: Es war einmal ein guter Urzustand naturwüchsiger Zusammengehörigkeit (Paradies); dann wurde er durch abweichendes Verhalten verspielt (Sündenfall); doch auf höherem Niveau, angereichert durch alle zivilisatorischen Errungenschaften, die die ausgedehnte Epoche der Trennung mit sich gebracht hat, wird er demnächst wiederhergestellt werden (Rettung). Dies Drei-Phasen-Schema ist derart elementar, daß selbst die beiden radikalsten Kritiker des christlichen Europas im 19. Jahrhundert davon nicht ganz loskamen. Der "höhere" Kommunismus, auf den Karl Marx hinarbeitete, sollte, wie einst der "naturwüchsige" Kommunismus des primitiven Stammesverbands, ohne jedes Privateigentum an Produktionsmitteln funktionieren, aber selbstverständlich auf dem kulturellen Niveau, das in den Jahrtausenden der räuberischen privaten Aneignung gemeinschaftlichen Gutes durchaus erreicht worden war. [ 2 ] Der höhere Menschentypus, der Friedrich Nietzsche vorschwebte, sollte wieder so stark und souverän sein wie einst die raubtierhaften Frühmenschen, aber zugleich vollgesogen mit allem kulturellen Raffinement, das die lange Zeit der Dekadenz der Menschheit immerhin beschert hatte. [ 3 ] McLuhan bietet von dieser Denkfigur nur noch eine medientheoretische Flachversion: Wie die ursprüngliche Einmütigkeit der archaischen Stammesgesellschaften durch die Trennkraft der Schrift zersetzt worden sei, so werde die telekommunikative Bindekraft einen neuen, höheren Einklang herstellen und die ganze Menschheit "zu einem großen Stamm" machen.

Doch schon die Einteilung der Medien in verbindende und trennende ist schief. Alle Medien verbinden, seien sie nun Träger, Leitungen, Kanäle oder Frequenzen. Stets sind sie durch die Fähigkeit definiert, bestimmte Informationen - Schriftzeichen, Bilder, Töne oder sonstige Konfigurationen von Sinnesreizen - über beträchtliche Entfernungen hinweg zu transportieren. Daß das

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