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Eine Polin für Oma Der Pflege-Notstand in unseren Familien von Haffert, Ingeborg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.09.2014
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Eine Polin für Oma

Immer mehr Angehörige wissen sich nicht anders zu helfen und heuern für ihre alten Eltern eine Pflegekraft aus Osteuropa an. Die Pflegekräfte arbeiten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, für etwa 1000 Euro im Monat. Mehr als 200 000 Pflegebedürftige werden so bereits betreut, Tendenz steigend. Ingeborg Haffert hat Angehörige, polnische Pflegekräfte und Pflegebedürftige begleitet und berichtet von gravierenden Missständen und Problemen auf allen Seiten. Doch sie zeigt auch, wie sich der Pflege-Alltag durch einfache Grundregeln verbessern lässt, und liefert dazu konkrete Hilfsangebote. Ingeborg Haffert, geb. 1960, ist Redakteurin und Reporterin beim ARD-Morgenmagazin. Zuvor hat sie in der WDR-Wirtschaftsredaktion und im ARD-Studio Brüssel gearbeitet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 250
    Erscheinungsdatum: 12.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843709217
    Verlag: Ullstein
    Größe: 1014 kBytes
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Eine Polin für Oma

2. Im Leben der Anderen – Was polnische Pflegekräfte in deutschen Haushalten erleben

Kaum jemand nimmt Notiz von ihnen. Auch viele Angehörige wissen wenig über die neue, fremde Frau, die da so plötzlich, in ungewohnter Nähe zur Familie, die Eltern oder Schwiegereltern betreut. Auch die vertragliche Seite zwischen Pflegekraft und Agentur bleibt für die Angehörigen oft schwer nachvollziehbar. Für sie ist zunächst nur wichtig, dass ihre pflegebedürftigen Familienangehörigen möglichst schnell versorgt werden.

"Jetzt bin ich mal dran! Jetzt hole ich mir das, was mir zusteht!" So zitiert eine polnische Pflegekraft einen alten Herrn, den sie betreut hat. Was diese beiden Sätze bedeuten, das bekommen nicht die erwachsenen Kinder, sondern vor allem die stets anwesenden polnischen Pflegekräfte zu spüren. Sie sind rund um die Uhr verfügbar und haben in den deutschen Haushalten oft keine klar definierte Rolle. Sie sind Angestellte mit undefinierten, stets wechselnden und wachsenden Aufgaben.

In der Operette "Der Bettelstudent" heißt es über die polnische Frau:

"Von allem Reizenden ein bisschen,

Doch immer grad' das Beste nur. [...]

Und g'rade dadurch wird die Polin

Von keinem andern Weib erreicht."

Polnische Frauen sind Alleskönner. Sie kümmern sich um ihre Familien, den Haushalt und den Garten, sie gehen arbeiten und sind darüber hinaus immer da, wenn sie gebraucht werden. Keine Aufgabe scheint ihnen zu viel. Es ist also wenig verwunderlich, dass sie in ihrem Heimatland fast genauso verehrt werden wie die Mutter Gottes.

So schrecken sie auch vor einer 24 -Stunden-Pflege in einem fremden Land nicht zurück. Polnische Frauen haben schon früh gelernt, eigene Bedürfnisse zurückzustellen. In den Online-Bewerbungen vieler Polinnen lese ich, dass sie oft schon über lange Zeit ihre eigenen Eltern versorgt haben, bevor sie in Deutschland als Pflegekraft arbeiten. Sie geben diese Zeit als "Erfahrung in der Altenpflege" an. Das, was sie zu Hause in Polen für ihre eigenen Väter und Mütter geleistet haben, leisten sie jetzt für unsere Eltern, Schwiegereltern oder Großeltern. Was wir nicht schaffen, das schaffen sie. Was uns zu viel ist, das bekommen sie hin. Der Deal scheint klar: Wir haben das Geld, das sie dringend brauchen, um der Familie in Polen ein besseres Leben zu bieten, und sie haben die Kraft, die Ausdauer und die Geduld, die es braucht, einen fremden alten Menschen rund um die Uhr zu versorgen. Und noch etwas scheint sie in besonderer Weise für diese Arbeit zu qualifizieren, nämlich ihre religiöse Erziehung. Ihnen wurde als eine der wichtigsten Lektionen beigebracht, dass jeder Mensch eine Würde hat, egal ob alt oder jung, ob Pole oder Deutscher. Und so behandeln sie die deutschen Senioren, als wenn es ihre eigenen Verwandten wären. Kein Wunder also, dass sie als Pflegekräfte äußerst begehrt sind.

Es scheint, als stützten sich hier zwei defizitäre Systeme: Die deutschen Familien garantieren den Polinnen ein Einkommen und unterstützen den polnischen Staat so im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit im Land. Die arbeitslosen Frauen bewahren den deutschen Staat vor einem folgenschweren Kollaps des Pflegesystems. Viele Angehörige sagen: "Ich würde diesen Job keine vier Wochen aushalten!" Rund 200 000 deutsche Familien stellen in den eigenen vier Wänden Frauen und Männer zu Bedingungen ein, die sie selbst als Zumutung empfinden würden.
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