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Entzauberte Nation. Literarische Entdeckung türkischer Mentalität von Sölcün, Sargut (eBook)

  • Verlag: UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr
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Entzauberte Nation. Literarische Entdeckung türkischer Mentalität

Die vorliegende Studie ist eine philologische Auseinandersetzung mit einer repräsentativen Auswahl aus der deutschen, österreichischen, schweizerischen, russischen, englischen, US-amerikanischen und griechischen Literatur, die sich in unterschiedlichen Formen auf die türkische Gesellschaft und Kultur bezieht. Ob es die Mentalität der Türken ist, die die Kluft zwischen Europa und der orientalischen Türkei unüberwindbar erscheinen lässt, oder ob es die irreversible Entwicklung der Geschichte ist, die die orientalische Mentalität als ein kontinuierliches Problem aufwirft – die literaturwissenschaftliche Arbeit "Entzauberte Nation" zeigt, warum sich beide Fragestellungen in verschiedenen Kontexten als gültig erweisen können. Der Autor Sargut Sölçün studierte in Ankara und München, lehrte an der Hacettepe-Universität Ankara, der Freien Universität Berlin und der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist seit 1999 Professor für Fachdidaktik und Literaturwissenschaft / Turkistik an der Universität Duisburg-Essen. Von ihm liegen diverse Publikationen in deutscher und türkischer Sprache vor.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 296
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783940251305
    Verlag: UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr
    Größe: 1882 kBytes
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Entzauberte Nation. Literarische Entdeckung türkischer Mentalität

KAPITEL II Auferstanden aus der Geschichte: Aufenthaltsberichte aus der republikanischen Türkei (S. 75-76)

1. Burckhardts Kleinasiatische Reise

Im Auftrag des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz reiste der Schweizer Carl Jakob Burckhardt 1923, unmittelbar nach dem anatolischen Befreiungskrieg in die Türkei, um die Rückführung der griechischen Gefangenen aus dem Land zu begleiten. Seine zwei Jahre später erschienene Kleinasiatische Reise, die ich als den ersten Text in diesem Kapitel behandeln werde, ist nicht nur als Dokument dieser Auftragsarbeit interessant, sondern auch unter dem Aspekt der Gattungsform "Reisebericht" lesenswert. Dabei wirft dieses bescheidene Buch auch eine beim Leser Skepsis auslösende gattungstheoretische Frage auf, vor allem dann, wenn er seine erste Leseerfahrung zusammenfassen will. Aufgrund der Darstellungsform des Wahrgenommenen wird der Leser die dem Reisebericht eigene Authentizität an mehreren Stellen vermissen und den Eindruck nicht loswerden, der Autor nutzte seinen Auftrag aus, um seinen bunten Vorstellungen, romantischen Impressionen und Reflexionen eine nach eigener Auffassung dichterische Gestalt zu geben. Es fällt nämlich nicht selten auf, dass Inhalt und Form von Burckhardts Text weniger durch die Begegnungen und Erfahrungen in der Nachkriegstürkei geprägt sind als vielmehr durch poetische und fiktive Erweiterungen der konkreten Erlebnisse.

Der belesene Rezipient, der die Biographie des Autors kennt und seine wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten in den historischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhängen betrachten kann, wird in manchen Passagen auch zu Assoziationen geneigt sein. Die zu vermutenden sprachlichen und gedanklichen Einflüsse lassen ihn sicherlich an Namen wie Hugo von Hofmannsthal und Ernst Robert Curtius denken, die sehr wohl literarische Vorbilder sein können. Es ist in erster Linie Burckhardts Sprache, die sich um eine bestimmte Atmosphäre bemüht, und das scheint ein Versuch zu sein, jene Welt zu rekonstruieren, deren verlockende Eigenschaft Hofmannsthal in seinem Essay Tausendundeine Nacht (1906) folgendermaßen konstatiert: Das "Geheimnisvolle (...) ist das tiefste Element morgenländischer Sprache und Dichtung zugleich: daß in ihr alles Trope ist, alles Ableitung aus uralten Wurzeln, alles mehrfach denkbar, alles schwebend." Um das Atmosphärische festzuhalten, benutzt der Reisende einen Adjektivstil, der selbst die Reden seiner Begleiter nicht unbeein. usst lässt: "(...) wenn (...) die bösen Geräusche, die fahlen Farben und der modrige Geschmack mich umgaben, die tierischen Spiele der rohen Weiber, der falsche Biedersinn der Männer, die hohen Worte für üble Taten" (51f). Der inflationäre Gebrauch der Adjektive, die zur Überwindung des banalen, nüchtern wirkenden Alltags eingesetzt werden, erinnert ebenfalls an Hofmannsthal, dessen sprachskeptische Neigung zu den Epitheta im erwähnten Essay festgestellt werden kann.

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