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Faschismus und soziale Ungleichheit. Studien des Gesellschaftswissenschaftlichen Institutes Bochum (GIB) Band 1 von Bauer, Christoph J. (eBook)

  • Verlag: UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr
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Faschismus und soziale Ungleichheit. Studien des Gesellschaftswissenschaftlichen Institutes Bochum (GIB) Band 1

Aus dem Vorwort

Das Selbstverständnis der heutigen Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hebt sich deutlich vom sozialpolitischen common sense ab, der bis in die achtziger Jahre des 20 Jahrhunderts hinein vorherrschend war und die langfristige relative Stabilität in den westeuropäischen Industrienationen begründet hatte: Immerhin waren die verschiedenen Sozialstaatskonzeptionen, welche die Grundlage dieses common sense bildeten, aus den katastrophalen Erfahrungen der großen Krisen und Kriege entstanden, die u a als Folge einer ungezügelten marktwirtschaftlichen Entwicklung im 19 und 20 Jahrhundert verstanden wurden Bereits parallel zur rasanten Dynamik der industriellen Revolution wurden jedoch Konzepte entwickelt, mit denen man offensichtlichen, aus dieser Entwicklung hervorgegangenen Widersprüchen begegnen wollte, denn die Durchsetzung des Kapitalismus ließ schon früh dessen Anfälligkeit für Krisen durchscheinen.

Spätestens seit den siebziger Jahren des 20 Jahrhunderts aber setzten sich mit den Schriften Buchanans, Hayeks und Nozicks Standpunkte durch, welche der Notwendigkeit - ja der Legitimität - des Sozialstaates grundsätzlich widersprachen So konstatierte Claus Offe 1983, dass in "der zweiten Hälfte der siebziger Jahre ( ) der Sozial- bzw Wohlfahrtsstaat politisch und sozialwissenschaftlich ins Gerede gekommen" war. Mittlerweise sind, was die Stellungnahmen führender Vertreter der bundesdeutschen Wissenschaftselite anbetrifft, bereits alle Dämme gebrochen Für Wolfgang Kersting beispielsweise ist inzwischen klar, dass "alle, zumindest alle Klarsichtigen, wissen, dass sie ihre Interessen in einem marktförmigen Kooperationssystem weit effektiver und auf einem höheren Niveau verfolgen können als in jedem anderen System gesellschaftlicher Zusammenarbeit", denn die "Vorzüge des Marktes sind beeindruckend Der Markt verlangt die Anspannung aller menschlichen Kräfte, er ist eine Talentschmiede und eine Hohe Schule menschlicher Phantasie und Erfindungsgabe. Er erzieht die Individuen zu einer selbstverantwortlichen rationalen Lebensführung Seine Fähigkeiten zur Problemlösung sind überwältigend, selbst für Probleme, die er selbst erzeugt, hält er Lösungen bereit" - wenngleich mit der kleinen Einschränkung: "Zwar nicht für alle, jedoch für viele." Schließlich führe all dies dazu, "dass immer mehr Menschen mit immer mehr Gütern versorgt werden können, dass der Handlungsspielraum und die Entscheidungsfreiheit der Individuen unaufhörlich wachsen, dass das gesellschaftliche Wissen explodiert und die technischen Möglichkeiten der Naturbeherrschung und Bedürfnisbefriedigung rasant ansteigen." Dem gegenüber habe der Wohlfahrtsstaat, insbesondere in seiner späten Ausprägung aus dieser Perspektive wenig zu bieten "Der Wohlfahrtsstaat ist ein zwangssolidarisches Umverteilungssystem, das die Verteilungen des Marktes durch ein staatliches Steuer- und Abgabensystem korrigiert und dabei eminente ökonomische und moralische Kosten verursacht Er zerstört die lebensweltlichen Netze der freiwilligen privaten Hilfe durch ein zentralistisches System umfassender Zwangsmitgliedschaft und gesetzlich geregelter Versorgungsansprüche Er ist gierig und verschlingt bereits ein Drittel des gesamten gesellschaftlichen Einkommens hierzulande." Laut Kersting habe sich der Wohlfahrtsstaat zu "einer unaufhörlich expandierenden Reglementierungs-, Betreuungs- und Versorgungsbürokratie entwickelt, zu einem System umfassender Daseinswattierung, das seit geraumer Zeit die Grenzen seiner Finanzierbarkeit testet und der Marktwirtschaft wie ein Alp auf der Brust sitzt, überdies das bürgerliche Lebensethos untergräbt, Bürger in Klienten verwandelt und so die bürgerlichen Regenerationskräfte der Demokratie schwächt."

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 187
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783940251091
    Verlag: UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr
    Größe: 1776 kBytes
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Faschismus und soziale Ungleichheit. Studien des Gesellschaftswissenschaftlichen Institutes Bochum (GIB) Band 1

Hans Martin Krämer
Sozialpolitik im faschistischen Japan (S. 63-64)

"Die Vorstellung, mit menschenverachtender Gewalt eine egalitäre Gesellschaftsordnung etablieren zu können, ja zum Wohle aller auch über nationalstaatliche Grenzen hinaus etablieren zu müssen, scheint eine Kernsignatur der vom Fortschrittsgedanken dominierten Epoche der Moderne zu sein " Diese hier von dem Historiker Stephan Scheiper ganz allgemein formulierte Einschätzung wird für faschistische Regimes und ihre gesellschaftspolitischen Ziele nur selten geteilt Die gesellschaftswissenschaftliche Behandlung des deutschen Nationalsozialismus ging vielmehr stets davon aus, es mit einer äußerst anti-egalitären Gesellschaftsform zu tun zu haben Wenn das Thema Gleichheit in der historischen Forschung zum Nationalsozialismus überhaupt eine Rolle spielte, dann in Form des Hinweises, die Propaganda habe der Bevölkerung mehr soziale Gleichheit versprochen, dieses Versprechen aber nie eingelöst.

Götz Aly hat mit seinem 2005 erschienenen Buch Hitlers Volksstaat dieses Bild vom Nationalsozialismus ganz ausdrücklich angegriffen: Das Regime habe soziale Gleichheit nicht nur propagandistisch und aus rein opportunistischen Erwägungen versprochen, sondern vielmehr aus politischer Überzeugung angestrebt und teils auch umgesetzt Nur die Erkenntnis, dass soziale Gleichheit in der Tat verwirklicht worden sei, könne "das kaum erklärbare Maß an innenpolitischer Integration" und die Unterstützung für die "Gefälligkeitsdiktatur" und seine mörderische Politik begreiflich machen: "Auf der Basis eines umfassenden Raub- und Rassenkrieges sorgte der nationale Sozialismus für ein in Deutschland bis dahin nicht gekanntes Maß an Gleichheit und Aufwärtsmobilisierung Das machte ihn populär und verbrecherisch ".

Aly ist mit seinen Thesen in den Feuilletons der Zeitungen zwar teilweise auf Zustimmung gestoßen, hat aber in der professionellen Historikerschaft fast durchweg Ablehnung erfahren. Wie kann man sich einer Beantwortung der Frage, ob es unter dem Nationalsozialismus tatsächlich größere Gleichheit gab, nähern? Eine nahe liegende Möglichkeit besteht darin, den Grad der sozialen Gleichheit mittels quantitativer Indikatoren mit der Situation in den 1920er Jahren (und vielleicht auch der in der frühen Bundesrepublik) zu vergleichen, wie es Kurt Pätzold und Thomas Kuczynski im vorliegenden Band tun Eine andere Möglichkeit ist, international zu vergleichen, um Besonderheiten des deutschen Faschismus und Gemeinsamkeiten mit anderen faschistischen Gesellschaften herauszuarbeiten Dieser Ansatz bietet potenziell eine Antwort auf die Frage: Ist das Streben nach der Etablierung einer egalitären Gesellschaftsordnung ein Merkmal von Faschismen allgemein?

Zu diesem Zweck lenkt der vorliegende Beitrag den Blick auf Japan Die japanische Geschichte bietet seit Gründung eines modernen Nationalstaats Anfang der 1870er Jahre bis zum Faschismus und zur frühen Nachkriegszeit viele auffällige Parallelen zu Deutschland und Italien Im Folgenden seien schlaglichtartig nur einige Etappen dieser gemeinsamen Entwicklung seit dem letzten Drittel des 19 Jahrhunderts genannt: Drei Jahre vor dem Deutschen Kaiserreich wurde der moderne japanische Nationalstaat mit der Meiji-Restauration 1868 gegründet, wie im deutschen Fall handelte es sich um eine Nationalstaatsgründung von oben Die Elite des neuen Staates rekrutierte sich fast ausschließlich aus dem höchsten Stand der alten Ordnung, der Samurai, während die breite Stadt- und Landbevölkerung fast keine Teilhabe an den Geschehnissen zum Umsturz der alten Ordnung hatte Die neue Elite ging zielstrebig eine Modernisierung von oben an Japan durchlief eine schnelle und späte Industrialisierung, die schon nach knapp 40 Jahren, zu Beginn des 20 Jahrhunderts, in die schwerindustrielle Phase überging Bis zum Ersten Weltkrieg dominierten autoritäre Züge im politischen System: Die Verfassung von 1889 etabliert

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