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Ich komm auf Deutschland zu Ein Syrer über seine neue Heimat von Alshater, Firas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.10.2016
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Ich komm auf Deutschland zu

Firas Alshater ist ein ganz normaler Berliner mit Hipsterbart und Brille, ein Comedian und erfolgreicher YouTuber. Nur, dass er bis vor zwei Jahren in Syrien für seine politischen Videos sowohl vom Assad-Regime als auch von Islamisten verhaftet und gefoltert wurde. Erst die Arbeit an einem Film erbrachte ihm das ersehnte Visum für Deutschland, und Firas betrat den größten Kokon der Welt: den Westen. Seitdem versucht er, uns zu verstehen: das Pfandsystem, private Briefkästen, Fahrkartenautomaten und die deutsche Sprache ('Da reicht ein Leben nicht für'). Doch als sein Bruder mit Familie über das Mittelmeer nach Europa kommt, erkennt Firas: Ich bin schon total deutsch. Kann also noch was werden mit uns und diesem neuen Land. Von seinen Erlebnissen in Deutschland und Syrien erzählt Firas witzig, tragikomisch, offen und immer liebenswert frech.

Firas Alshater, geboren 1991 in Damaskus, studierte Schauspiel. In der Revolution gegen Baschar al-Assad begann er als Journalist und Kameramann für ausländische Nachrichtenagenturen zu arbeiten. Er wurde mehrfach verhaftet und brutal gefoltert. Seit 2013 lebt er in Berlin. Gemeinsam mit Jan Heilig drehte er den Dokumentarfilm "Syria Inside" sowie diverse YouTube-Videos für die Webserie Zukar. Firas Alshater studiert derzeit an der Filmhochschule in Babelsberg. Er glaubt unerschütterlich daran, dass Integration funktionieren kann.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 14.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843714532
    Verlag: Ullstein
    Größe: 18684kBytes
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Ich komm auf Deutschland zu

TAG EINS IN DEUTSCHLAND

"Papiere!"

Ich muss grinsen. Es ist doch überall das Gleiche. Ich meine nicht, dass ich überall grinsen muss. Nein, es ist nur ... Polizisten sind doch überall gleich.

"Papiere, bitte!"

In den Städten meiner Heimat Syrien hört man das inzwischen alle 500 Meter - im gleichen Tonfall, an jedem Checkpoint, aber natürlich ohne ein "Bitte". Dort habe ich in den letzten Jahren gelernt: Papiere sind wichtiger als Menschen. Das ist in Deutschland auch nicht anders. Die Deutschen lieben Papier. Hast du kein Papier, dann bist du gar nicht hier! Aber zumindest werde ich weder beleidigt noch geschlagen. Der Mann in Uniform vor mir ist deutsch. Er grinst nicht zurück.

"Was wollen Sie in Deutschland?" - die erste Frage, die mir hier gestellt wird. Und ich werde sie von nun an noch oft zu hören bekommen.

Na gut, ich hole mein Visum heraus - ein echtes Schengenvisum, und niemand aus meiner Familie wollte mir erst glauben, dass es echt ist. Es beweist: Ich komme, um zu arbeiten, und ich darf das. Ein Filmproduzent aus Berlin wollte, dass ich in Syrien ein paar Szenen für ihn drehe. Jetzt soll ich beim Schneiden helfen und auch selber vor die Kamera. Hier in Berlin.

Das glauben mir die Polizisten natürlich nicht. Auch nicht, dass meine Papiere echt sind. Ich kann es ja selber kaum glauben. Ich werde zur Seite genommen und verhört. Sie schauen möglichst ernst und grimmig. Ich muss schon wieder grinsen. Die sind einfach putzig.

Im syrischen Foltergefängnis saß ich auch in solchen Räumen. Die Beamten dort haben sich jedoch kein bisschen Mühe gegeben, so böse und gefährlich zu gucken. Das hatten sie gar nicht nötig. Aus dem Nachbarzimmer drangen schon die ganze Zeit Schreie. Während ich vernommen wurde, starben nebenan Leute. Da grinst niemand mehr - außer manchmal die Typen in Uniform.

Hier hört man höchstens eine Kaffeemaschine aus dem Nebenzimmer. Die klingt auch, als ob sie gleich stirbt. Die Polizisten gucken weiter grimmig. Wahrscheinlich, weil sie nichts finden, um mich wieder in den Flieger zurück zu setzen.

"Haben Sie Geld dabei? Zeigen Sie mal Ihre Kreditkarte!"

Ich habe keine Ahnung, warum sie jetzt mein Geld sehen wollen. Wollen die Trinkgeld? Ich habe einen Job hier, und dafür werde ich bezahlt. Das glauben sie mir nicht - ebenso wenig wie vor einigen Tagen ihre Kollegen in der deutschen Botschaft in Ankara.

"Mein Produzent ist draußen, fragen Sie ihn doch!" Ich spreche Englisch mit ihnen, und ihr Akzent ist schlimmer als meiner. Später lerne ich den Klang besser kennen, die kamen wahrscheinlich aus Sachsen. Jetzt klingt es nur sehr deutsch. "Wir werden sehen!"

Eine ganze Weile sehe ich erst mal meine Koffer nicht wieder. Sie haben wohl Drogen gesucht, gefunden haben sie nur Parfüm. Mehr habe ich heute nicht zu bieten. Aber jetzt bin ich doch ein bisschen in Sorge. Ich kann nicht telefonieren, und wir sitzen hier schon seit über einer Stunde. Jan, der Produzent, wartet draußen auf mich. Vielleicht fährt er aber auch wieder heim ... Ich will ihn nicht enttäuschen, nach allem, was er für mich getan hat. Er hat immerhin ermöglicht, dass ich nach Deutschland darf. Dieser Auftrag ist meine Rettung. Ich war am Ende, geflohen aus meinem Land, ohne Mittel und ohne Perspektive. Und jetzt bin ich plötzlich ein wichtiger Teil eines deutsch-syrischen Kinofilms. Ich soll meinen Landsmann und Filmkollegen Tamer Alawam ersetzen, den ursprünglichen Regisseur von "Syria Inside". Tamer war 2012 in Aleppo durch einen Granatsplitter gestorben, als er in der Nähe der Frontlinie gefilmt hatte - kurz vor Ende der Dreharbeiten. Ein Angriff der Regierungstruppen, und er war zu nah an der Einschlagstelle. Also habe ich nun statt seiner die fehlenden Szenen gedreht: In der Gegend um Rakka habe ich mit Kindern die ersten Momente der Revolution nachgespielt. Schüler hatten 2011 ein Graf

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