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Mein Jahr mit dem Tod Wie ich den großen Unbekannten besser kennenlernte von Fink, Heike (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.05.2018
  • Verlag: Gütersloher Verlagshaus
eBook (ePUB)
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Mein Jahr mit dem Tod

"Ich will dem Tod auf die Schliche kommen. Warum beherrscht er uns so?" (Heike Fink)
Am Grab eines Freundes ist es da: Das Entsetzen darüber, dass auch das eigene Leben endlich ist! Was ist das, der Tod, dem niemand entgeht? Wird das Unvermeidliche erträglicher, wenn man ihm in die Augen sieht?
Heike Fink probiert es. Ein Jahr lang sucht sie die Nähe von Menschen, die einen besonderen Umgang mit dem Tod pflegen. Sie spricht mit einem Bestatter, einem Friedhofsgärtner, der Leiterin eines Hospizes und einem Physiker mit Nahtoderfahrung. Ein Tatortreiniger erzählt ihr von seinen Erfahrungen und eine todkranke Sängerin, deren Stimme nur noch jüdische Lieder singen mag. Geschichten voller Witz und Poesie, manchmal traurig, manchmal sentimental, immer ehrlich und sehr berührend.
Geschichten vom Tod - voller Leben
Unterwegs mit Handwerkern, Archivaren und Gestaltern des Todes
Eine Entdeckungsreise auf der Spur der eigenen Endlichkeit
Unverkrampft und heiter, poetisch und unterhaltsam

Heike Fink, geboren 1968, wuchs in Schwaben zwischen Weinbergen und Kochtöpfen auf. Sie studierte Literaturwissenschaft und Soziologie und arbeitete als Journalistin und Testesserin. Seit 2000 schreibt sie Drehbücher und macht Dokumentarfilme. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 29.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641217235
    Verlag: Gütersloher Verlagshaus
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Mein Jahr mit dem Tod

1 JANUAR - WISSENSCHAFT

Vom anderen Vollmond

und der fehlenden Erinnerung ans Totsein

Ich habe Angst vor dem Tod.

Gleichzeitig fasziniert er mich. Warum ist das so? Würde man mehr von sich selbst verstehen, vom Sinn und Zweck seines Daseins, wenn man mehr über ihn wüsste? Im Allgemeinen glaubt man das. Um es herauszufinden, müsste ich mich ihm annähern. Mitunter, stelle ich fest, gibt er sich nämlich recht einladend, ihn als geheimnisvolles Rätsel zu begreifen. Aber warum sollte ich? Braucht man überhaupt einen Lebenssinn? Ich atme, ich esse, schlafe, mache Liebe, habe Familie, Freunde und einen erfüllenden Beruf. Ich bin gesund und mobil. Ich beherrsche mehrere Fremdsprachen: Englisch, Schulfranzösisch und Schwäbisch. Ich kann die basalen Grundgefühle voneinander unterscheiden und weiß, was ich tun muss, um mich aufzuheitern, wenn es mir dreckig geht. Zwar glaube ich an keinen Gott, empfinde trotzdem Dankbarkeit, weil es Schönheit auf Erden gibt. Ich habe alles, was ich brauche. Und noch viel mehr ...

... außer die Kontrolle über meine Lebenszeit.

Physikalisch gesprochen bin ich ein instabiler, radioaktiver Atomkern, der mit Sicherheit zerfallen wird, ohne dass der Zeitpunkt des Verfalls vorausbestimmt werden könnte.

Wer oder was ist der Tod? Warum ist der Zerfall naturgegeben und der Moment des letzten Zerbröselns ein absoluter, erbarmungsloser Zufall?

Um die Angst vor dem Tod zu verlieren, muss ich bloß begreifen, dass ich zerfalle, dass ich sterblich bin, dass es allem Lebendigen so ergeht und Sterben also völlig normal und natürlich ist.

Es ist der unerträglichste Gedanke meines Lebens, die schrecklichste Erkenntnis, die mich je heimgesucht hat; schlimmer als Erwachsenwerden. Meine Körperwärme, mein Duft, mein Fingerabdruck, meine Einfälle und die Art, beim Sprechen, das S leicht zu zischeln werden mit mir zugrunde gehen. Irgendwann einmal werde ich ausgelöscht sein. Ich habe keine Idee davon, was das Ende meines Bewusstseins bedeutet. Ich kann mir nicht vorstellen, NICHT zu sein.

Wie geht Nichtsein? Das Fremde, sagt man, verursacht mitunter Ängste. Je mehr man darüber weiß, desto eher gewöhnt man sich daran. Lernte ich ihn nun kennen, diesen unbekannten, entfernten, fremden Tod und gewöhnte mich an ihn ...

... würde dann die Angst weniger?

Am liebsten würde ich die Finger davon lassen. Es ängstigt mich schon, das Wort TOD zu schreiben. Das Wort T O D. Es starrt mich an, versucht mir in die Augen zu sehen. Mein Blick weicht seinem runden Vollmondgesicht mit den unterschiedlichen Ohren aus, kaum dass meine Finger die drei Buchstaben schreiben. In großen Lettern wirkt er noch bedrohlicher. T O D. Als kleiner Tod verliert er ein wenig sein einschüchterndes Auftreten. Sein Gesicht verwandelt sich in einen Mund, der o sagt; ein beinahe erstauntes Oh! Schreibe ich ihn von hinten her - Dot - wird aus ihm eine englische Vokabel. Sie bedeutet Punkt.

Es war einer dieser Tage, an denen man die Welt besonders intensiv wahrnimmt; kühle Luft auf den Wangen spürt, die feuchte Erde und den beginnenden Herbst riecht. Selten kam mir das Laub der Bäume so orangerot und glühend vor. Zwischen den Blättern spielte die Sonne. Es war ein wundervoller, kristallklarer Tag. Nur, wenn ich meinen Blick senkte, legte sich ein Nebelschleier vor meine Augen.

Die frische Erde ist der Hügel neben dem Grab meines Freundes. Um mich gruppieren sich dunkel gekleidete Menschen, Freunde, Bekannte und Unbekannte. Sie schweigen. Manche murmeln. Keiner weint laut. Ich stehe am Fuß des Grabes. Ich halte eine Rose in der Hand und weiß nicht, wie ich sie hinunterwerfen soll. Kann man das verlernen? Ich spüre einen Sog und schwanke leicht. Zwei Meter geht es hinab ins Erdreich. Der Wind weht sacht. Über mir rauschen die Bäume. Ich erinnere mich, dass alle, die vor mir an das Grab getreten si

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