text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Mein Leben mit den Toten Ein Leichenpräparator erzählt Mit einem Vorwort von Mark Benecke von Riepertinger, Alfred (eBook)

  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Mein Leben mit den Toten

Der letzte Zeuge
Jedes Leben endet tödlich. Doch oftmals kommt der Tod sehr plötzlich und auf grausame Weise. Alfred Riepertinger ist spezialisiert darauf, Leichname so wiederherzustellen, dass Angehörige würdig Abschied nehmen können - was besonders wichtig ist, wenn es sich um Unfälle, Suizide oder Opfer schlimmer Verbrechen handelt. Erstmals schildert er seine ungewöhnlichsten Fälle aus der Pathologie und seine berührenden Begegnungen mit den Toten und ihren Angehörigen.

Alfred Riepertinger, Jahrgang 1955, ist medizinischer Präparator und Oberpräparator am Institut für Pathologie des Klinikums Schwabing. Er ist spezialisiert darauf, Leichname wiederherzustellen (z.B. nach Unfällen), und ist eine Koryphäe in der Technik der Einbalsamierung. Er ist Experte auf dem Gebiet der Plastination und hat unter anderem mit Gunther von Hagens zusammengearbeitet. Mit seinem Buch 'Mein Leben mit den Toten' ist er einer der erfolgreichsten Autoren des Münchner Krimifestivals. Alfred Riepertinger ist verheiratet und lebt in Germering bei München.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641081737
    Verlag: Heyne
    Größe: 640 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Mein Leben mit den Toten

Meine erste Einsargung

1971, ich war 16 Jahre alt, stellte ich mich im Büro des Bestattungsunternehmens in der Augsburger Straße in Germering vor.

"Also, Sie möchten bei uns arbeiten. Warum wollen Sie das?", fragte mich der Filialleiter Uwe Kostelecky, ein Hüne mit Vollbart und tiefer Stimme.

"Weil ich mich, schon seit ich ein kleiner Bub war, für Leichenwagen interessiere. Ich hab da keine Berührungsängste, und beim Zuschaufeln hab ich auch schon mal geholfen."

"Haben Sie ein dunkles Gewand daheim? Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte?"

Mein Konfirmationsanzug fiel mir ein. "Freilich", nickte ich.

"Ich ruf Sie an, wenn wir was haben, wo Sie mitmachen können."

Ich freute mich.

Schon zwei Tage später war es so weit. Eine alte Frau war in Hechendorf verstorben. Mit dem schwarzen Mercedes-Leichenwagen, er hieß "der Sechser", weil er die Wagennummer sechs trug, fuhren Uwe Kostelecky, sein Kollege Jörg und ich Richtung Pilsensee. Die beiden erfahrenen Männer nahmen mich in die Mitte. Uwe steuerte den Wagen, Jörg saß auf dem Beifahrersitz. Ich glaubte, ich würde ein bisschen zuschauen oder kleinere Dienste verrichten - dass die beiden mich als vollwertigen Mitarbeiter betrachteten, wurde mir erst klar, als wir den Angehörigen kondoliert hatten und Uwe ihnen mitteilte: "Während wir nun die Bestattungszeremonie besprechen, sargen meine Mitarbeiter Ihre Mutter ein."

Da rutschte mir das Herz dann schon in die Hose. Einsargen! Bislang hatte ich bloß zugeschaufelt. Einsargen!

Mit weichen Knien folgte ich Jörg eine geschwungene Wendeltreppe nach oben. Im ersten Stock lag die Verstorbene - zu meinem Glück vollständig angekleidet. Sonst wäre das unsere erste Aufgabe gewesen: waschen und anziehen. Da hatte ich doch ein bisschen Bammel. Allerdings mehr vor meiner eigenen Courage als vor dem Leichnam.

Das Kinn der alten Frau hatten ihre Angehörigen bereits sachgerecht hochgebunden mit einem Tuch, das Sonnenblumen in verschiedensten Größen und Formen zierten. Eine vorausschauende Maßnahme, denn nach dem Erschlaffen der Muskeln, wie es beim Tod geschieht, klappt auch der Mund oft auf und kann während der Leichenstarre nicht mehr geschlossen werden. Um dies zu verhindern, wird das Kinn hochgebunden. Ein offen stehender Mund ist kein schöner Anblick, so kennen wir andere normalerweise nicht, und deshalb sollten auch Angehörige und Freunde, die sich am offenen Sarg verabschieden, nicht damit konfrontiert werden. Die Leichenstarre setzt circa zwei Stunden nach Eintritt des Todes ein, abhängig von der Muskelkonstitution des Verstorbenen und der Aktivität einzelner Muskelgruppen sowie der Umgebungstemperatur. Sie beginnt am Kiefer und wandert bis zu den Füßen. Nach etwa acht Stunden ist sie vollständig ausgeprägt und hält mindestens 72 Stunden an, bevor sie sich in derselben Reihenfolge, von oben nach unten, wieder löst. Bei einem Menschen, der beim Sport verstirbt, zum Beispiel beim Joggen einen Herzinfarkt erleidet, beginnt die Leichenstarre meistens an den Beinen, da hier die Muskulatur am intensivsten beansprucht wurde. Leichenstarre wird verursacht durch das Absinken des ATP-Spiegels. Das Adenosintriphosphat hält beim Lebenden die Muskelverbindungen geschmeidig. Weil diese Proteinstoffwechselsubstanz nach dem Tod fehlt, verkleben die Muskeln. Fäulnisbakterien, die sich in der Folge entwickeln, lösen die Starre innerhalb des oben genannten Zeitraums wieder auf. Je mehr Muskeln ein Mensch hat, desto stärker wird seine Leichenstarre ausfallen. Meinen Schülern verdeutliche ich das gern plakativ: "Bei einem Tölzer Holzfäller werdet ihr eine stärker ausgeprägte Leichenstarre vorfinden als bei einem Münchner Finanzbeamten."

Ich erinnere mich noch gut an den Profisurfer aus Frankreich, der bei uns am Institut einbalsamiert wurde. Beim Surfen war er vom Blitz erschlagen worden, der zuerst in den Mast und dann in seinen Surfgurt gefahren war. Dieser Spo

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen