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Noblesse oblige Die Kunst, ein adliges Leben zu führen von Brühl, Christine Gräfin von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2015
  • Verlag: makrobooks
eBook (ePUB)
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Noblesse oblige

Er lebt unter uns und ist doch ganz anders - der Adel. Ob reich auf dem Schloss oder verarmt in der Mietwohnung, das Zugehörigkeitsgefühl zu dieser exklusiven Klasse ist bis heute ungebrochen. Mit allen Konsequenzen, egal ob Heirat, Verwandtschaft, Erziehung der Kinder oder Lebensstil. So wird der Heiratspartner für den Nachwuchs im Gotha ausgesucht, denn es gilt: Keiner heirate unter seinem Stand, und Liebe hat nichts mit der Ehe zu tun. Der Jagdschein ist auch heute noch wichtiger als der Führerschein, und Walzer lernt man nicht in der Tanzschule, sondern beim Sejour mit anderen jungen Adligen auf einem Schloss. Was romantisch klingt, entbehrt nicht gewissen Eigenheiten: Schlösser sind sommers wie winters kalt, die Toiletten befinden sich mitunter nachträglich eingebaut in Schränken auf einsamen Gängen. Die notorische Technikfeindschaft ist seit der Erfindung des Mobiltelefons allerdings passe: Wer auf einem Schloss lebt, ist froh, wenn er nicht mehrere Kilometer zurücklegen muss, um rechtzeitig ans Telefon zu gelangen.

Christine von Brühl wurde 1962 in Accra geboren. Von dort ging es - ihr Vater war Diplomat - weiter nach London, Bonn, Brüssel, Singapur und Polen. Nach dem Studium der Slawistik, Geschichte und Philosophie und ihrer Promotion über Anton Tschechovs Dramenwerk zog sie 1991 nach Dresden. Sie schrieb unter anderem für die Sächsische Zeitung, Die Zeit, und Das Magazin und veröffentlichte Reiseführer und Bildbände. 1995 zog sie nach Berlin, wurde 2000 Fellow im Reuters Foundation Programme Oxford ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 253
    Erscheinungsdatum: 13.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783945944073
    Verlag: makrobooks
    Größe: 753 kBytes
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Noblesse oblige

2. Sag es keinem weiter!

Etwa mit sechzehn stellte sich mir zum ersten Mal die Frage, ob ich einen Adligen heiraten sollte oder nicht. Meine jüngere Schwester machte gerade eine Gärtnerlehre und ihr Meister, der um ihre Herkunft wusste, zog sie täglich damit auf, ob sie sich schon einen standesgemäßen Ehemann ausgeguckt hätte.

Nun ist man ja im reifen Alter von 15 Jahren nicht unbedingt so souverän, auf solch frotzelnde Bemerkungen von Erwachsenen immer die richtige Antwort zu haben. Immerhin war meine Schwester so schlagfertig, mit ihrem Meister und seiner Frau, die ansonsten ausgesprochen nette Menschen sind und das Herz unbedingt auf dem rechten Fleck haben, eine Wette abzuschließen. Sie würde garantiert keinen Adligen heiraten, das sei ihr alles zu dumm. Dafür müssten die beiden Gärtnersleute ihr nach der Hochzeit aber eine Flasche Champagner spendieren. Sollte sie wider Erwarten doch einem Grafen, Fürsten oder Prinzen in die Fänge geraten, würde sie selbst eine Flasche ausgeben.

Bei mir war die Sachlage ein wenig anders. Ich dachte, ich müsste einen Adligen heiraten, ich käme sozusagen nicht darum herum. Schließlich wird man als Adlige so erzogen. Keiner heirate gefälligst unter seinem Stand. Man hat auch nach Möglichkeit nur adlige Freunde, geht nur mit Adligen aus und korrespondiert ausschließlich mit Adligen. Natürlich gibt es auch andere Menschen, Bürgerliche sozusagen, aber mit denen hat man höchstens Umgang, man grüßt freundlich, spricht ein paar Takte miteinander, wahre Freundschaften jedoch werden nur mit Adligen geschlossen. So die Erziehung.

Die Wirklichkeit war und ist ein wenig anders. Ich ging auf ein gewöhnliches städtisches Gymnasium. Da gab es außer mir keinen einzigen Adligen und wenn, dann hielten sie sich ähnlich gut versteckt wie ich. Meine Freunde waren alle bürgerlich, und ich musste meine Parallelwelt gut tarnen. Wenn man mich nach meinem Namen fragte, ließ ich das "von und zu", was gemeinhin zu adligen Nachnamen gehört, weg, und wenn eine meiner Freundinnen ihren Besuch ankündigte, versteckte ich tunlichst alle Hinweise auf meine komische Abstammung.

Ich bewunderte meine Schwester für ihre Kühnheit, sie war schon immer mutiger als ich. Sie konnte vor mir Rollschuh laufen, Fahrrad fahren, ja sogar den Freischwimmer absolvierte sie noch kurz vor mir. Eine Gärtnerlehre ist in adeligen Kreisen auch nicht gerade üblich. Aber was Verlobung und Eheschließung anging, so glaubte ich niemals, dass sie sich durchsetzen würde. Schließlich war auch sie eine Adlige und würde genau wie ich standesgemäß heiraten müssen.

Bei den Adligen heißt es, eine Ehe mit einem Bürgerlichen sei unaufhaltsam dem Untergang geweiht. Mit einem bürgerlichen Ehemann werde man auf Dauer nicht glücklich. Das sei keine Basis, und Ehen ohne Basis hätten keine Überlebenschancen. Die seien ja womöglich nur aus Liebe geschlossen worden. Und nichts sei so gefährlich wie die Liebe. Sie sei romantisch, aber unrealistisch.

Meiner Schwester war das alles schnurzegal. Sie verliebte sich kurzerhand in einen Bürgerlichen und behauptete, dies sei der schlagende Beweis: Niemals würde sie einen Adligen heiraten. Nicht dass sie diesen ersten Bürgerlichen gleich geheiratet hätte, aber sie behauptete steif und fest, sie könne sich gar nicht erst in einen Mann mit Titel verlieben. Die seien doch so uninteressant und langweilig. Ich widersprach ihr nicht - was zählen bei einer frisch Verliebten schon Argumente, und manche Adlige sind in der Tat schon als junge Menschen ziemlich langweilig. Aber insgeheim dachte ich mir, sie werde damit nicht durchkommen. Liebe hat in den Augen Adliger schließlich nichts mit Ehe zu tun, also zählt sie auch nicht als Beweis.

Am besten ist in den Augen der Adligen die sogenannte "gesteckte" Ehe, wie schon meine Großmutter es nannte: eine Ehe zwischen zwei Menschen, die bewusst und mit Absicht zusammengeführt werden, eine Ehe,

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